Pflegerin Maria Fix (29) über die Lage im Flüchtlingscamp Moria:

«Ein einziger Wasserhahn für 1300 Menschen»

Patricia D'Incau

Wann Corona auf Lesbos ankommen wird, ist unklar. «Aber schwappt es ins Lager Moria über, könnte es zur Katastrophe kommen», sagt Maria Fix. Sie ist eine der wenigen, die vor Ort immer noch Hilfe leisten.

AUCH DAS NOCH: Kinder im Flüchtlingscamp Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Zu den ohnehin desolaten Zuständen kommt jetzt noch
die Corona-Bedrohung hinzu. (Foto: Keystone)

work: Maria Fix, Sie arbeiten als Krankenpflegerin im Flüchtlingscamp auf der
Insel Lesbos. Was spielt sich da gerade ab?
Maria Fix: Die Insel ist im Moment ein richtiger Geisterort. Die griechischen Behörden haben eine Ausgangssperre verhängt. Die Einheimischen müssen in ihren Häusern bleiben. Das Lager Moria ist abgeriegelt. Jetzt sitzen hier 20 000 Menschen auf engstem Raum. Eingesperrt. Ich kann es nicht anders sagen. Wir gehören zu den wenigen, die noch ins Camp können, weil wir medi­zinische Hilfe leisten. Viele Freiwillige und Nichtregierungsorganisationen, die für die Geflüchteten wichtig waren, dürfen nicht mehr rein.

Gibt es in Moria Massnahmen gegen Corona?
Abstand halten, zu Hause bleiben, die Hän­de desinfizieren – all das ist für die Menschen im Lager unmöglich. Bei der Essensausgabe stehen sie Schulter an Schulter. Auf vier Qua­dratmetern wohnt eine ganze neunköpfige Familie. Wir haben im Camp Seife verteilt. Nur, hier kommen auf einen einzigen Wasserhahn 1300 Menschen. Und auch das nur theoretisch. Denn die Wasserhähne haben nicht rund um die Uhr Wasser. Mal funktio­niert der eine, mal der andere. Das System ist derart überlastet.

PFLEGERIN. Maria Fix kommt aus Deutschland und ist aktuell im griechischen Flüchtlingscamp Moria im Einsatz. (Foto: Tim Gläser)

Wie reagieren die Menschen im Camp auf die Corona-Gefahr?
Die Angst wächst. In Moria hat sich aber auch eine Gruppe gebildet, die der Gefahr ganz aktiv begegnet. Die haben Wasser und Seife geholt, sich an den Camp-Eingang gesetzt, und alle, die ins Camp kommen oder es verlassen, werden von ihnen angehalten. Damit sie die Hände waschen.

Die Geflüchteten helfen sich selber?
Ja, unterstützt von einigen Freiwilligen. Sie haben sich auch Stoff und Faden organisiert, sitzen im Camp zusammen und nähen Mundschütze.

Kinder und jüngere Menschen gelten generell als weniger gefährdet. Auf Lesbos auch?
Viele Menschen hier sind wegen der miserablen gesundheitlichen Bedingungen quasi permanent krank. Krätze ist weit verbreitet. Da kommt es natürlich zu Infektionen. Viele Menschen haben einen monatelangen Husten, weil es seit Herbst immer kalt und feucht ist. Das schwächt das Immunsystem. Dazu kommen das nährstoffarme Essen und die psychische Belastung. Das wirkt sich immer auch auf den Körper aus. Und dann haben wir natürlich auch Menschen, die zu den Corona-Risikogruppen gehören: Krebspa­tien­ten, Menschen mit HIV, Nieren- oder Leberproblemen. Alles in allem würde ich sagen: Die Menschen hier sind generell gefährdeter, überhaupt krank zu werden. Und sie bekommen nicht die medizinische Behandlung, die sie brauchen würden.

Seit Corona mussten sich viele Helfe­rinnen und Helfer aus Moria zurückziehen. Wer ist denn noch da?
Die Organisationen, die sich um das Notwendigste kümmern. Wie die Essensausgabe zum Beispiel. In der medizinischen Ver­sorgung sind wir noch drei Organisa­tio­nen, und wir haben uns zusammengetan. Und trotzdem schaffen wir es nur noch, eine Schicht abzudecken. Die dauert von 9 bis 16 Uhr. Wir sind fünf Ärztinnen und Ärzte, sieben Pflegekräfte und ein paar Leute ohne medizinischen Hintergrund, die aber Arbeiten abnehmen können. Daneben gibt es eine kleine Organisation, die sich um Jugendliche kümmert, die ohne Familie da sind. Und die Leute von Ärzte ohne Grenzen, die Schwangere und Kinder betreuen.

Das sind alle für 20’000 Geflüchtete?
Es gibt noch zwei medizinische Stationen von der offiziellen Lagerverwaltung. Sie kümmern sich um akute Notfälle bis 9 Uhr abends. Über Nacht gibt es nur einen einzigen Militärarzt! Auf Lesbos gibt es zwar auch ein Spital. Aber da kommt jetzt nur noch hin, wer mit der Ambulanz geholt werden muss.

«Ich kann und will nicht verstehen, dass es überhaupt so ein Camp gibt.»

Mehrere EU-Staaten und auch die Schweiz hatten zugesagt, zumindest jene Jugendlichen von der Insel zu holen, die ohne Familie da sind. Wegen Corona wurde jetzt auch daraus nichts. Oder?
Ja, das ist leider so. Eigentlich müsste dieses Camp gestern schon geleert worden sein, so schlimm ist es hier. Ich kann und werde es nie verstehen: Dass es überhaupt dazu gekommen ist, dass hier 20’000 Menschen festsitzen. Dass es überhaupt ein Camp gibt. Und zum dritten: Warum schafft man es gerade in diesen Corona-Zeiten nicht, die Menschen da rauszuholen?

Was, wenn der Virus das Camp erreicht?
Dann haben wir entweder ein riesiges Glück – und die Menschen überstehen nach all dem, was sie schon durchmachen mussten, auch noch Corona. Oder wir erleben eine Katastrophe. Ich hoffe wirklich, dass es nicht dazu kommt.

Maria Fix (29) ist ausgebildete Krankenpflegerin. Seit eineinhalb Jahren arbeitet sie für die Hamburger Organisation Medical Volunteers International auf der griechischen Insel Lesbos. Fix leistet medizinische und psychologische Grundversorgung für Geflüchtete im Lager Moria.

Moria: Alles wird knapp

Wegen Corona können viele Helferinnen und Helfer nicht mehr auf die Insel Lesbos. Auch Nicolas Perrenoud (35) von der Orga­nisa­tion One Happy Family (OHF). Er sitzt nach seinen Ferien in der Schweiz fest. Auf ­Lesbos unterhielt OHF ein Gemein­schafts­zentrum, in dem 250 Kinder unterrichtet ­wurden und Geflüchtete ein Café betrieben. Anfang März brannte es nieder. Perrenoud: «Wir wollten das Zen­trum jetzt wieder­aufbauen. Es gab vielen eine Tages­struktur. Die fällt jetzt weg.»

SOFORT EVAKUIEREN. Auch Raquel Herzog (57) sorgt sich. Sie ist Gründerin der Orga­nisation SAO, die sich um Schwangere und Frauen kümmert, die allein auf der Flucht sind. Viele Frauen hätten Zwangsprostitu­tion und Vergewaltigungen erlebt. SAO hilft, psychologisch und rechtlich. Wegen Corona jetzt per Whatsapp. Für Herzog ist klar: «Das Lager muss evakuiert werden, sofort!»


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