Indien: Corona-Politik treibt Hunderttausende in den Hunger

Die Menschen jenseits der Statistik

Joane Marner

Das Coronavirus ist nicht politisch, aber es entblösst Politik. In Indien schafft diese zwei Gruppen von ­Menschen. Diejenigen, die sich die ­Quarantäne ­leis­ten können, und ­die­jenigen auf der Strasse.

CORONA-GRAFFITI: in Mumbai mit Mundschutz. (Foto: Getty)

Am 24. März sassen Millionen Inderinnen und Inder vor ihren Bildschirmen, als Premierminister Narendra Modi die Ausgangssperre für einen Fünftel der Weltbevölkerung verkündete. Nur vier Stunden blieben ihnen, um sich auf die dreiwöchige Quarantäne vorzubereiten. Eine drastische Massnahme für gerade einmal 500 Corona-Fälle auf über 1,3 Milliarden Menschen. Aber eines war klar: Indien wür­­de dem Virus im internationalen Vergleich wenig gewappnet gegenüberstehen. Denn das indische Gesundheitssystem ist marode und für breite Teile der Bevölkerung überhaupt nicht zugänglich (siehe Box).

Über Nacht wurden wegen der Corona-Ausgangssperre ­Millionen Taglöhner und Taglöhnerinnen arbeitslos …

ZU FUSS AUF DER AUTOBAHN

Premier Modis Hang zu grossen Taten war für einmal angebracht. Aber seine Politik verheerend. Kurz nach der Ansage standen die Reichen hamsternd vor den Regalen und die Armen vor dem Nichts.

Von Indiens Beschäftigten sind zwischen 80 und 90 Prozent im inoffiziellen Sektor tätigt. Das sind rund 400 Millionen Menschen. Als Chai-­Verkäufer, Haushälterinnen und Schuhputzer arbeiten viele von den Taglöhnerinnen und Taglöhnern in den grossen Metropolen. Ausgeschlos­sen von Homeoffice und Kurzarbeit, wurden sie über Nacht arbeitslos. Ihre Ersparnisse hatten die meisten schnell aufgebraucht. Ohne Geld für Miete und Essen flüchten sie nun zu Hunderttausenden zu ihren Familien aufs Land: auf 500 Kilometer langen Fussmärschen, auf der Autobahn. Denn Premier Modi legte auch das gesamte öffentliche Verkehrsnetz lahm. Und weil viele indische Bundesländer die Grenzen bereits geschlossen hatten, stecken die Flüchtenden nun unter schlechtesten hygienischen Bedingungen und auf engstem Raum in Camps fest.

Zwei Tage nach Modis Ansage versprach die Regierung zwar ein Hilfspaket von rund 20 Milliarden Franken. Doch wie und wann es verteilt werden soll, ist vollkommen offen. Die grösste Schwierigkeit liegt darin, die Ärmsten überhaupt zu erreichen. Nicht alle haben ein Bankkonto, viele noch nicht einmal eine offizielle Identität. Aber selbst diejenigen, die registriert sind, brauchen jetzt nicht Versprechungen und abstrakte Zahlen, sondern Wasser und Brot.

… diese Schuhputzer, Chai-Verkäufer und Haushälterinnen
stehen nun vor dem Nichts.

ASHAN QUERSHI KOCHT

Es sind Menschen wie Ahsan Qureshi, die nun das Essen zu den Hungernden bringen. Sie überwinden die Gräben, die die Regierung mit ihrer Politik aushebt. Qureshi hat sein Restaurant in Neu-Delhi kurzerhand in eine Gemeinschaftsküche umfunktioniert, um für die Leute auf der Strasse zu kochen. Auf Social Media sucht er nun Spenden von denjenigen, die sich das Social Distancing leisten können. Qureshi sagt gegenüber work: «Es fehlt nicht an Hilfsbereitschaft und trotzdem ist es schwierig, zu helfen.» Viele Nahrungsmittelhersteller würden nicht mehr voll arbeiten, weil ihre Mitarbeitenden zu Fuss nicht zur Arbeit kom­men können. «Wir verteilen das Essen völlig unsystematisch», erzählt Qureshi. «Wir gehen einfach auf die Strasse und geben, was wir haben.» Pro Stunde verteilt er so 200 Mahlzeiten. Den Hun­ger zu finden, ist nicht schwierig.

GROSSE GESTEN, TRISTE TATEN

Neben all diesen Schwierigkeiten haben die Menschen auch noch mit der Willkür der Polizei zu kämpfen. Sie geht mit Bambusstöcken auf Helfende und Obdachlose los, weil sie sich nicht an die Ausgangssperre halten. Die Angst vor dem Hungertod bleibt aber für letztere grösser als die vor dem Virus. Niemand weiss, was nach der Ausgangssperre kommen wird. Die Zahl der Corona-Erkrankten steig weiter an. In dieser Situation wählt Modi grosse Gesten. Als Zeichen der Solidarität bittet er die Menschen, dass sie Kerzen anzünden und klatschen sollen. Gerade er, der seit Jahren mit seiner hindunationalis­tischen Politik gegen andere Bevölkerungsgruppen aufhetzt.

Das Virus ist nicht politisch, doch es entblösst die Politik der indischen Regierung, die die Menschen in zwei Gruppen einteilt. In jene innerhalb des Systems und jene ausserhalb. Leute, die nicht regis­triert sind, werden keine Gelder bekommen. Sie werden kei­­ne medizinische Behandlung erhalten. Und sie werden nicht in die Statistik aufgenommen. Nicht einmal als Corona-Tote.

* Joane Marner schreibt über Indien. Sie lebte und studierte in Neu-Delhi.

Indien: Schwaches ­Gesundheitssystem

Indien investiert zwei Prozent des Brutto­sozialproduktes in das Gesundheitssystem. In der Schweiz sind es sechs Mal mehr. Pro 100’000 Einwohnerinnen und Einwohner stehen dem Land 2,3 Intensivbetten zur Ver­fügung. Fast zwei Drittel der Krankenhäuser sind privatisiert, Versicherungen sind selten.

DIABETES. Zur fehlenden medizinischen Ver­sorgung kommt dazu, dass viele Inderinnen und ­Inder an chronischen Krankheiten leiden und damit zu den Risikogruppen zählen. Indien ist Spitzenreiter bei den Diabetes-Erkrankten. Die massiv verschmutzte Luft in den Städten führt zudem zu vielen Lungenerkrankungen. Hinzu kommen fehlende Hygienemöglichkeiten und Mangelernährung, die zu schwachen ­Immunsystemen und erhöhter Anfälligkeit für Viren führen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus.