Corona-Appell von Unia-Chefin Vania Alleva:

Es braucht jetzt dringend mehr ­Solidarität!

Die Schweiz kann diese Krise stemmen. Aber es braucht jetzt die Solidarität aller, damit wir da möglichst unbeschadet hindurchkommen. Kein Shutdown der Wirtschaft, aber einen technischen Stop für nichtessentielle Arbeiten.

Unia-Präsidentin Vania Alleva.

Liebe Kolleginnen und ­Kollegen

Wir durchleben eine grosse Krise. Die Lage der Dinge ändert sich schnell. Ich bin keine Prophetin, ich weiss nicht, wie es weitergehen wird. Was ich aber weiss: Wir müssen jetzt sowohl die gesundheitliche als auch die soziale Not lindern. Die Unia ist die grösste Gewerkschaft der Schweiz. Und als solche nehmen wir unsere Ver­antwortung für beides wahr. Für die Gesundheit und für die Wirtschaft.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat Massnahmen gegen die Verbreitung der Covid-19-Pandemie erlassen. Sie gelten auch für die Arbeitswelt. Das macht Sinn. Es nützt wenig, uns in der Freizeit stark einzuschränken, aber weiterzuarbeiten, als wäre nichts geschehen.

DIE MASSNAHMEN WERDEN IN VIEL ZU VIELEN BETRIEBEN NICHT UMGESETZT.

Die Massnahmen sind wichtig für den Schutz unserer Gesundheit. Und – soweit ich das beurteilen kann – entscheidend für die Eindämmung der Pandemie. Wir verlangen deshalb, dass sie auch tatsächlich umgesetzt werden. Bei den Bauleuten, den Verkäuferinnen, dem Zugpersonal, den Pflegerinnen und Pflegern, den Hand­­werksleuten und den Mitarbeitenden in der Industrie. Überhaupt bei all jenen, die nicht im Homeoffice arbeiten können. Doch viel zu viele Betriebe setzen die BAG-Richtlinien nicht um. Die Kantone haben aufgehört zu kontrollieren. Und der Bund schaut zu.

Ich spreche nicht von Einzelfällen. Kürzlich haben wir eine Website aufgeschaltet mit dem Ziel, die Einhaltung der BAG-Richtlinien am Arbeitsplatz zu überprüfen. Innert 15 Stunden gingen 1980 Gefahrenmeldungen allein aus Baustellen ein – und Hunderte von Fotos von Missständen. Kein Wunder, haben sich Tausende verzweifelte Arbeitnehmende bei der Unia gemeldet. Sie machen sich Sorgen um die Gesundheit ihrer Angehörigen.. Sie können ja nicht einfach zu Hause bleiben, weil ihr Arbeitgeber die Schutzmassnahmen nicht umsetzt, denn
damit riskieren sie Lohn und Job. Hunderttausende sind mit diesen Ängsten allein. So geht das nicht.

Kein Shutdown der Wirtschaft, aber einen technischen Stop für nichtessentielle Arbeiten.

Wir fordern keine zusätzlichen Massnahmen, aber die Umsetzung der bestehenden.

Gesellschaftlich essentielle Tätigkeiten, die wir für die Grundversorgung brauchen, müssen weiter funktionieren, auch die Lieferketten. Hier müssen die Schutzmassnahmen mit Hochdruck umgesetzt und endlich auch kon­trolliert werden. Alles andere muss vorüber­gehend eingestellt werden – ausser die Unternehmen weisen nach, dass sie die BAG-Bestimmungen zur Pandemie-bekämpfung einhalten. Dort, wo offensichtlich niemand gefährdet ist, soll man selbstverständlich weiterarbeiten. Für die anderen Tätigkeiten brauchen wir einen technischen Stop, damit die Unternehmen die Arbeit umstellen, die Schutzmassnahmen umsetzen und dann wieder starten können. Diesmal gesichert.

Die mediale Verkürzung dieser Forderungen auf die Schlagzeile «Shutdown der Wirtschaft» im «Blick» war ein Steilpass für die Kritiker der Gewerkschaften. Mit der Rea­lität hat das aber nichts zu tun. Die vorübergehende Einstellung der nichtessentiellen Tätigkeiten in Italien, in New York, im Tessin oder bei Konzernen wie Volkswagen, BMW, Fiat, Toyota und Daimler, aber auch im Schweizer Gastgewerbe, in vielen Uhrenbetrieben der Romandie, auf den Baustellen der Waadt und anderer Westschweizer Kantone ist auch kein «Shutdown der Wirtschaft».

PANDEMIE EINDÄMMEN – SOZIALE UND WIRTSCHAFTLICHE FOLGEN ABFEDERN.

Wichtig ist, dass wir jetzt mit Augenmass alles Vernünftige tun, um diese Pandemie schnellstmöglich einzudämmen. Denn eines ist sicher: Je länger wir zuwarten, umso grösser werden die humanen, politischen und ökonomischen Kosten der Seuche sein. Ich möchte nicht, dass in der Schweiz Ärzte und Ärztinnen entscheiden müssen, wen sie noch zu retten versuchen und wen sie einfach sterben lassen.

Je eher wir die Pandemie in den Griff bekommen, um so eher können wir auch wieder normal weiterarbeiten. Bis dahin braucht es aber mehr Solidarität. Der Staat muss einspringen – und die wirtschaftlichen Kosten der Krise decken:

  • den vollen Lohn für all jene, die jetzt in Kurz­arbeit geraten
  • die Ausfälle der Selbständigen, die in oft pre­kären Arbeitsverhältnissen ihr Brot erwerben, und
  • die Einbussen der Unternehmen, die ihre Tätigkeiten zurückfahren müssen.

Und für die Zeit nach der Corona-Krise braucht es ein Kaufkraft- und Konjunkturprogramm, das diesen Namen verdient. Der Staat kann 140 Milliarden mehr Schulden machen, ohne dass sich auch nur das Rating der Schweiz verschlechtert. Die UBS hat das berechnet. Und die Nationalbank verfügt über ein Ver­mögen von 750 Mil­liarden.

Die Schweiz kann diese Krise stemmen. Aber es braucht jetzt die Solidarität aller, damit wir da möglichst unbeschadet hindurchkommen.

1 Kommentar

  1. Peter Bitterli

    „Die vorübergehende Einstellung der nichtessentiellen Tätigkeiten in Italien, in New York, im Tessin oder bei Konzernen wie Volkswagen, BMW, Fiat, Toyota und Daimler, aber auch im Schweizer Gastgewerbe, in vielen Uhrenbetrieben der Romandie, auf den Baustellen der Waadt und anderer Westschweizer Kantone ist auch kein «Shutdown der Wirtschaft».“ Auch ein Mitbewerber mit tollen Chancen für das Rennen um den dümmsten Satz zum Thema.

Schreiben Sie einen Kommentar

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus.