Rosa Zukunft ‒ Technik, Umwelt, Politik

Ostsee und Nordsee als ein grosser Stausee: Eine Schnapsidee?

Immer verrücktere Ideen ­werden in Sachen Klimaschutz in den ­politischen Raum gestellt. ­Neuster Hit auf dem Debattenmarkt: gigantische Staumauern zwischen Frankreich und Wales sowie Schottland und Norwegen.

MAMMUT-STAUDÄMME: Geht die Klimaerwärmung ungebremst weiter, steigen die Meeresspiegel. Mit gigantischen Dämmen sollen die Menschen vor den Fluten geschützt werden. Das kostet jedoch viel mehr als die Umstellung auf grüne Energie. (Foto: ZVG)

Der Schweizer Ingenieur Bruno Siegart träumte davon, in der Meerenge von Gibraltar einen Staudamm zu er­richten. Und dank dem Projekt Atlantropa das Niveau des Mittelmeers um 100 Meter abzusenken. Um so Land zu gewinnen, um so Strom zu produ­zieren und um so mit dem Zug auf dem Landweg von Berlin nach Kapstadt sausen zu können. 1958 wurde das Projekt still und leise begraben.

Für den Fall, dass wir zu wenig oder nichts gegen die Klima­er­wärmung machen, schlägt nun der holländische Ozeanograph Sjoerd Groeskamp zusammen mit seinem Kollegen Joakim Kjellsson den Bau zweier gigantischer Staumauern vor.

GIGANTISCH. Eine 160 Kilometer lange Staumauer würde Frankreich mit Wales verbinden. Eine zweite, 480 Kilometer lange Staumauer Schottland mit Norwegen.

Es gibt somit wenig total Neues unter der Sonne. Groeskamp und Kjellsson gehen davon aus, dass die beiden Mauern irgendwo zwischen 270 und 600 Milliarden Franken kosten würden, um 25 Millionen Menschen vor dem steigenden Meeresspiegel zu schützen.

VERRÜCKT. Immer mehr und immer verrücktere Ideen ­werden in Sachen Klimaschutz in
den politischen Raum gestellt. Versuchen wir die Grössenordnungen dieser doppelten Staumauer zu begreifen.

  • Pro geschütze Einwohnerin, geschützten Einwohner – Kinder inbegriffen – müsste man 24’000 Franken investieren.
  • Für dieses Geld kann man ab 2025 problemlos jährlich 50’000 Kilowattstunden neuen, erneuerbaren Strom pro geschützten Einwohner herstellen.
  • Dies entspricht, wenn dieser Strom für effiziente Wärmepumpen und Autos verwendet wird, einem Konsum von heute 25’000 Litern Heizöl, Diesel oder Benzin. Wer im Ernst daran denkt, statt den ökologischen Umbau zu realisieren, weiterhin dem fossilen Kapitalismus zu frönen, hat es mit 3 Kostenblöcken zu tun: Erstens Verzinsung und Amortisation des Staudammes. Zweitens Unterhalt der Mauer. Und drittens produziert der Staudamm im Gegensatz zu Sonne und Wind keinen Strom.
    Umgekehrt gilt: Die zwei Steuermauern kosten nur halb so viel, wie die USA jährlich für die Armee ausgeben.

Links zum Thema:

  • rebrand.ly/atlantropa1
    Immer wieder haben Allmachtphantasien Inge-nieure fasziniert. Auch der Schweizer Ingenieur Bruno Siegart gehörte zu jenen, die den Spiegel des Mittelmeers mittels einer Staumauer in der Enge von Gibraltar absenken wollte.
  • rebrand.ly/atlantropa2
    1958 wurde das Projekt Atlantropa versenkt.
  • rebrand.ly/nordseeriegel
    Ein Interview mit Joakim Kjellsson, der zusammen mit dem Ozeanographen Groeskamp das Projekt entwickelt hat.

Schreiben Sie einen Kommentar

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus.