Editorial

Neue Frauen. Neue Politik.

Marie-Josée Kuhn

Marie-Josée Kuhn, Chefredaktorin work

Mit ihrem Song sang sie sich mitten ins Herz der Frauenbewegung: «Neue Männer braucht das Land!» Keine Frauendisco, keine Frauendemo, an denen Ina Deter nicht losgeschmettert hätte: «Ich sprüh’s auf jede Wand: Neue Männer braucht das Land!» Das war in den 1980ern. Und nun, Jahrzehnte später, können wir jubeln: Neue Frauen hat das Land! Und wie: Allein von rot-grüner Seite ziehen 19 neue Frauen ins Bundeshaus ein. Und es könnten noch mehr werden. Nach den zweiten Wahlgängen für den Ständerat: In Zürich, in Bern, in Basel-Land, in Genf und in der Waadt haben Frauen gute Chancen, den Sprung ins Stöckli zu schaffen. So, wie es in Neuenburg schon die 34jährige Grüne Céline Vara geschafft hat. Auf Anhieb! Die Überfliegerin flog schnell und hoch. Und wer weiss, vielleicht macht es ihr ihre Parteichefin Regula Rytz bald schon nach – und fliegt in den Bundesrat.

Endlich weggefegt: die harte rechte Macho-Mehrheit!

RAMBAZAMBA. Und wie die neuen Nationalrätinnen strahlen! Fotos zum Küssen: Die Tessiner Gewerkschafterin Greta Gysin hebt vor lauter Juhu fast ab mit ihrem grünen Schirm. Und die Zürcherin Marionna Schlatter-Schmid muss sich regelrecht am Schämpis-Glas festhalten. Ein wunder­bares Schauen! Und ein ganz anderes als in den letzten vier Jahren harter rechter Macho-Mehrheit im Bundeshaus. Endlich ist sie weggefegt. Und die Linke und die Gewerkschaften sind gestärkt, wie work-Autor ­Clemens Studer in seiner Wahl­analyse zeigt. Dies trotz der bitteren Nicht-Wiederwahl von Unia-Industriechef Corrado Pardini. Gestärkt dank der Klima­bewegung. Und dank der Frauenstreikbewegung. Léonore Porchet zum Beispiel, die neue National­rätin aus der Waadt, war am 14. Juni Streikkoordinatorin. Wie sie kommen etliche der jungen Politikerinnen von der Strasse ins Bundeshaus. Und einmal mehr lehrt uns die Geschichte: Geduld bringt den Frauen keine Rosen. Rambazamba schon.

DIE WENDE. Neue Frauen hat das Land. Jetzt braucht es nur noch eine neue Politik. Für den ökosozialen Umbau der Schweiz, zum Beispiel. Möglichst schnell. Noch gibt es innerhalb von Rot-Grün keinen gemeinsamen Plan. Das zeigt sich bei der Debatte um die Flugticket­abgabe. Plus: Eine neue Politik für die Gleichstellung aller Geschlechter. Endlich Lohngleichheit! Und eine gerechtere Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit. Mit anderen Worten: Eine soziale, ökologische und feministische Wende braucht das Land. Ich sprüh’s auf jede Wand.

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