Lydia Veyard* wird Mutter und dann entlassen. Doch sie wehrt sich:

«Der Chef soll damit nicht einfach durchkommen»

Patricia D'Incau

Nach der Geburt ­ihres Kindes will Lydia Veyard (37) wieder Vollzeit arbeiten. Doch dann stellt der Chef sie auf die Strasse – und treibt die junge Familie fast in den Ruin.

LYDIA VEYARD, MIT SOHN: «Wir müssen endlich sichtbar machen, wie viele Mütter ihren Job verlieren.» (Foto: Matthias Luggen)

Als Lydia Veyard die Kündigung bekommt, ist sie mit ihrem kleinen Sohn auf einem Spaziergang. Es ist der letzte Tag ihres Mutterschaftsurlaubs. Ihr Chef erklärt ihr: Das Unternehmen sei in einer Schieflage, er müsse sie entlassen. Ein riesiger Schock. Heute sagt Veyard: «Ich war einfach fassungslos.» Vor der Geburt sei ihr zugesichert worden, dass sie Vollzeit zurückkommen könne. Stattdessen wird ihr gekündigt, ihre Mutterschaftsvertretung kann aber bleiben.

EXISTENZANGST

Noch am gleichen Tag fängt die junge Mutter an, Bewerbungen zu schreiben. Sie hat Angst. Denn sie ist Alleinverdienerin. «An meinem Einkommen hängt unsere ganze Existenz.» Doch dann zeigt sich, dass Veyards Chef einen Fehler gemacht hat. Er hätte sie nicht entlassen dürfen. Für Mütter gilt nämlich ein absoluter Kündigungsschutz bis 16 Wochen nach der Geburt. Veyards Entlassung ist damit ungültig. Das verschafft ihr zwar etwas Zeit, ihre Notlage lässt den Chef aber weiter kalt: Zwei Wochen nach der ersten Kündigung schickt er die zweite. Dieses Mal ist sie gültig.

Als Veyard zurück in die Firma kommt, hat sie keinen eigenen Arbeitsplatz mehr. Ihr Pult ist bereits neu belegt. Und auch zu Sitzungen wird sie nicht mehr eingeladen. Als die Firma dann noch das Personal aufstockt, ist für Veyard klar: Ihr wurde nicht aus finanziellen Gründen gekündigt. Sondern weil sie Mutter ist. Sie holt sich juristische Beratung und erfährt, dass sie sich wehren kann. Gestützt auf das Gleichstellungsgesetz, das besagt, dass keiner Frau wegen Mutterschaft gekündigt werden dürfe. Heute sagt sie: «Ich wollte nicht, dass mein Chef damit einfach durchkommt.» Mehrmals sucht sie das Gespräch mit ihm, ohne Erfolg. Also erhebt Veyard Einsprache wegen diskriminierender Entlassung.

Dann ist die Kündigungsfrist vorbei. Die junge Mutter wird arbeitslos. Trotz vielen Bewerbungsgesprächen findet sie keine neue Stelle. Sie muss aufs RAV. Doch weil ihr Ex-Chef die Arbeitgeberbescheinigung wochenlang nicht schickt, zahlt die Arbeitslosenkasse vorerst nicht. Auch ihre Überstunden und restlichen Ferientage bekommt Veyard vom Ex-Chef nicht überwiesen. Die Familie steht vor dem Nichts. «Das war die schlimmste Zeit für mich», sagt Veyard heute. Nur dank ihren Eltern kommt sie durch den Monat.

«Mütter brauchen einen besseren
Kündigungsschutz.»

SCHWEIGEN BRECHEN

Das letzte Mal sieht sie ihren Ex-Chef vor dem Schlichtungsrichter. Dort wirft er ihr plötzlich vor: Sie sei nicht teamfähig ge­wesen und verantwortungslos. Das hört Veyard zum ersten Mal. Auch in ihrem Arbeitszeugnis, das work vorliegt, steht genau das Gegenteil. Die Vorhaltungen machen ihr zu schaffen. Sie sagt: «Mein Selbstbewusstsein war am Boden.»

Schliesslich gibt es eine Einigung: Veyard bekommt drei Monatslöhne ausbezahlt, dazu Überstunden und Ferientage. Laut Gleichstellungsgesetz muss der Arbeitgeber bei einer diskriminierenden Kündigung bis zu sechs Monatslöhne zahlen. Doch: Kaum eine Frau hat bisher die volle Entschädigung gesprochen bekommen (siehe Box).

Veyard zieht die Klage nicht weiter. Sie sagt: «Ich hatte keine Energie und kein Geld für einen jahrelangen Rechtsstreit. Ich wollte nach vorne schauen und damit abschliessen.» Also unterschreibt Veyard eine Vereinbarung. Doch die Entschädigung erhält sie nur, wenn sie einer Schweigeklausel zustimmt. Wer ihr Arbeitgeber war, wird sie deshalb nie sagen können. Trotzdem macht sie ihre Geschichte jetzt öffentlich. Für Veyard ist klar: «Wir müssen endlich sichtbar machen, wie vielen Müttern das passiert und welche Konsequenzen das für sie hat.» Und sie fordert: Der Kündigungsschutz für Mütter müsse ausgebaut werden. Denn: «Als Mutter eines kleinen Kindes ist es sehr schwierig, etwas Neues zu finden. Vor allem, wenn du nicht schon in deinem vertrauten Arbeitsumfeld wieder hast Fuss fassen können.» Sie selbst spürt das bis heute. Aktuell arbeitet sie in drei Jobs, «zu 120 Prozent», sagt Veyard. Und der Lohn? «Es reicht gerade so.»

* Name geändert

Mutterschaft: 70 Prozent der Frauen fürchten um ihren Job

Mitte Oktober berichtete die ehemalige Pflegeassistentin Sarah Peter (32) work, wie sie ihre Stelle verloren hat, weil sie Mutter wurde. Jetzt macht auch Lydia Veyard (37) ihre Geschichte öffentlich. Die beiden Frauen sind keine Einzelfälle: Laut einer Untersuchung des Berner Büros für arbeits- und sozialpolitische Studien (BASS) erhalten in der Schweiz jedes Jahr rund 2500 Frauen wegen Mutterschaft die Kündigung. Trotz Verbot.

KAUM STRAFEN. Doch die Hürden für eine ­Klage sind für viele Frauen zu hoch. Und die Sanktionen für fehlbare Arbeitgeber sind ­gering: Nur 3,1 Monatslöhne müssen sie im Durchschnitt als Entschädigung zahlen. Und: Nicht selten scheitern Klagen sogar, weil die Gerichte das Gleichstellungsgesetz zu wenig kennen (work berichtete).

GROSSE SORGE. Kein Wunder also, machen sich viele Frauen Sorgen. Eine jüngst erschienene Erhebung des Bundesamts für Statistik (BfS) zeigt: 70 Prozent der 25- bis 39jährigen Frauen befürchten, dass eine Mutterschaft ­ihnen beruflich schaden werde. Am Frauenstreik am 14. Juni forderten deshalb Hunderttausende: einen längeren Kündigungsschutz und eine angemessene Elternzeit.


Weitere Artikel zum Thema:

Schreiben Sie einen Kommentar

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus.