Gewerkschaftsbund präsentiert schockierende Zahlen:

BVG-Hungerrenten für Frauen mit Tieflohnjobs

Ralph Hug

Dass sie tief sind, wusste man. Aber dass sie derart tief sind, ist skandalös: Frauen in Tieflohnbranchen erhalten von der Pensionskasse nur 500 bis 800 Franken.

HAARSTRÄUBEND: 802 Franken beträgt die Durchschnitts­rente in der Pensionskasse der Coiffeurbranche. (Foto: Getty)

Der Gewerkschaftsbund (SGB) wollte es genau wissen: Er nahm mehr als ein Dutzend Geschäftsberichte von Pensionskassen unter die Lupe. Aber nicht irgendwelche, sondern solche aus Tieflohnbranchen: Gastro, Detailhandel, Coiffure und ­Kosmetik. In diesen Berufen sind die Löhne tief und der Frauenanteil hoch. Wie sehen dort die BVG-Renten aus? Gewerkschaftsbund-Zentralsekretärin Gabriela Medici sagt zu work: «Wir wussten, dass sie tief sind. Aber so extrem haben wir das nicht erwartet.» Zahlen, die schockieren:

  • Bei Gastrosocial, der Pensionskasse des ehemaligen Wirteverbands und der Hotellerie, beträgt die ausbezahlte Durchschnittsrente 603 Franken pro Monat. Die Kasse zählt 160’000 Versicherte.
  • Noch tiefer liegt die Durchschnittsrente bei der BVG-Stiftung der SV Group: nur 505 Franken. Die Gruppe betreibt Kantinen, Mensen und Mitarbeiterrestaurants.
  • 802 Franken beträgt die Durchschnittsrente in der Pensionskasse der Coiffeur- und der Kosmetikbranche.

(Quelle: Pensionskassenstatistik 2018 und SGB-Erhebung. Die durchschnittlichen Altersrenten wurden den Geschäftsberichten der jeweiligen Pensionskassen entnommen, indem die gesamten Ausgaben für Altersrenten im Verhältnis zum Total der Altersrentenbeziehenden betrachtet wurden.)

RIESIGE KLUFT

Im Vergleich dazu liegen die Renten im Verkauf höher, etwa bei Coop oder Manor (siehe Grafik). Aber auch dies sind extreme Tiefrenten. Da es sich um Durchschnittszahlen handelt, die nicht zwischen Geschlecht unterscheiden, kommen die Frauen in Tat und Wahrheit noch schlechter weg, denn in der Regel verdienen sie weniger als Männer. Die riesige Kluft zeigt sich besonders, wenn man diese Minirenten in Bezug zum Schweizer Schnitt der BVG-Altersrenten setzt. Der beträgt knapp 2471 Franken monatlich. Frauen im Tieflohnsektor bringen es nur gerade auf einen Viertel davon.

Zur SGB-Analyse hat auch die Unia beigetragen, mit Vorsorgeausweisen von Detailhandelsangestellten. Hier das Beispiel einer Verkäuferin: Sie kam 1985 in die Schweiz und arbeitete zehn Jahre lang zu 100 Prozent. Dann kam die Tochter zur Welt. Danach war sie zwei Jahre arbeitslos und anschliessend in Aushilfsjobs tätig. Seit die Tochter in die Schule geht, arbeitet sie wieder in Teilzeitpensen von 50 bis 80 Prozent. Mit 64 Jahren kommt sie so auf eine monatliche BVG-Rente von 986 Franken.

Über 35 Prozent der Frauen sind
überhaupt nicht in der zweiten
Säule versichert.

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Das ist typisch. Tieflöhne, Teilzeitjobs und Kindererziehung verhindern, dass Frauen im Berufsleben regelmässig einzahlen und so eine anständige Altersrente ansparen können. Am Schluss resultieren Renten, die nicht zum Leben reichen. Zusammen mit einer minimalen AHV von derzeit 1185 Franken kommen diese Frauen auf weniger als 2000 Franken Alterseinkommen im Monat. Was die SGB-Analyse enthüllt, ist nichts anderes als Altersarmut vieler Frauen.

Diese wird jedoch nie thematisiert und somit auch nicht als Problem wahrgenommen. SGB-Expertin Medici: «Unsere Befunde bestätigen, was wir schon lange betonen: Es besteht dringender Handlungsbedarf für Frauen und Teilzeitangestellte in der zweiten Säule.» Ein erster Schritt zur Verbesserung sei der Kompromiss der Sozialpartner im BVG vom vergangenen Sommer. Dieser Vorschlag wird nächstes Jahr im Parlament diskutiert werden (siehe Artikel unten). Tiefstrenten sind das eine, gar keine Renten das andere: Mehr als 35 Prozent der Frauen sind überhaupt nicht in der zweiten Säule versichert. Sie haben nach der Pensionierung nur die AHV. Bei den Männern sind nur 15 Prozent ohne berufliche Vorsorge. Aber auch sonst hat die zweite Säule ein massives Gender-Problem. Die Männer erhalten nämlich im Schweizer Schnitt doppelt so hohe BVG-Renten wie die Frauen. Medici sagt: «Die von uns ermittelten extremen Tiefrenten der Frauen sind nur die Spitze des Eisbergs.» Eine, die jetzt endlich ans Licht kommt.


Sozialpartner-Kompromiss:
Tiefstrenten verdoppeln

MEHR DRIN … dank dem BVG-Kompromiss. (Foto: Shutterstock)

Im Sommer kam der Kompromiss der Sozialpartner für die zweite Säule zustande. Er soll die fallenden Renten stoppen. Der Plan von Gewerkschaften und Arbeitgebern sieht vor, den Umwandlungssatz von 6,8 auf 6,0 Prozent zu senken. Dies ist wegen der tiefen Zinsen und der steigenden Lebens­er­war­tung notwendig. Im Gegenzug gibt es einen Rentenzuschlag von monatlich 100 bis 200 Franken für Neurentnerinnen und Neurentner. Dieser soll zu grosse Einbussen für die Übergangsgeneration verhindern.

ERSTER SCHRITT. Davon würden vor allem Frauen mit Tiefstrenten (siehe Artikel oben) profitieren. Der Gewerkschaftsbund (SGB) hat berechnet, wie sich der Kompromiss auswirken würde: Die Durchschnittsrenten in der Gastronomie würden von 530 auf 869 Franken und im Detailhandel von 422 auf 780 Franken steigen. Also um 50 bis 100 Prozent. Gabriela Medici vom SGB: «Das ist ein erster Schritt hin zu einer Besserstellung der Frauen in der zweiten Säule.» Doch die Sache ist politisch noch nicht gegessen.

Bundesrat Alain Berset wird vermutlich den Vorschlag der ­Sozialpartner übernehmen und noch dieses Jahr einen Gesetzesentwurf in die Vernehmlassung schicken. Die Gegner stehen parat: Der in den letzten Wahlen abgestrafte Gewerbeverband und auch die Hardliner in SVP und FDP sind dagegen. Wegen des Rentenzuschlags. Den müssten nämlich auch die Arbeitgeber über einen Lohnzuschlag mitfinanzieren. Aber auch Pensionskassenverwalter äussern sich skeptisch. Sie wollen sich bei den Renten möglichst wenig dreinreden lassen.

 

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