Eine CO2-neutrale Schweiz bis 2030 ist machbar

Die Debatte zum grossen Klima-Umbauplan

Marie-Josée Kuhn

In der letzten Ausgabe präsentierte work einen Fahrplan für den ökosozialen ­Umbau der Schweiz in 19 Schautafeln. Dieser Umbauplan stiess auf so grosses Interesse, dass wir das Thema in diesem work nochmals breit aufgreifen und gleichzeitig die Debatte darüber dokumentieren und weiterführen.

GEWALTIGER AUFMARSCH: Fast 100 000 Leute nahmen an der ersten nationalen Klimademo in Bern teil. (Foto: Rob Lewis)

Die Seilbahn auf das Eggishorn im Kanton Wallis steht still. Ihre Betreiberin, die Aletsch Bahnen AG, musste den Betrieb aus Sicherheitsgründen einstellen. Weil der Permafrost auftaut. Wegen der Klimaerwärmung. Gleichzeitig mussten in Courmayeur im italienischen Aostatal die Strassen vorübergehend gesperrt werden. Denn ein Gletscher des Mont Blanc droht wegzubrechen. Auch dies wegen der Klimaerwärmung. Schneller und deutlicher, als uns lieb ist, sehen und spüren wir die Klimakrise ganz konkret. Und begreifen: Es brennt! Und nicht nur in den Wäldern des Amazonas.

Das sahen am 28. September auch gegen 100’000 Menschen so. An der Klimademo in Bern. Die Strassen, die Gassen, die Lauben und der Bundesplatz überquollen. Alle waren sie ­gekommen: Veganerinnen und Tierschützer; Anti-AKW-Aktivisten und Wanderwegfreundinnen; Klimajugendliche und Juso; Gewerkschafter und Biobäuerinnen usw. Es ist nach dem Frauenstreik im Sommer schon die zweite breitest abgestützte Protestbewegung in diesem Wahljahr. Hunderte selbstgebastelter Plakate hingen im Wind: «Klima über Profit!» Oder: «Fischers Fritz fischt frischen Plastik». Die Stimmung war heiter bis aufgekratzt, es gab Flashmobs und Protestgesang: «The oceans are rising. And so are we!» (Die Meeresspielgel steigen und wir auch auf die Barrikaden). Denn es gibt keinen Planeten B!

VERZICHT BRINGT UNS NICHT WEITER

Es brennt, es pressiert. Und trotzdem will der Bundesrat netto null CO2 erst ab 2050. Zu Recht fordert die Klimabewegung die CO2-Neu­tralität der Schweiz schon für 2030. Das ist realistisch, wie der grosse ökosoziale Umbauplan zeigt, den work in der letzten Ausgabe präsentiert hat (www.workzeitung.ch/co2-neutrale-schweiz). Wer den schnellen ökologischen Umbau will, muss auf richtige Rahmenbedingungen setzen. Auf einen Mix von Geboten, Verboten und finanziellen Anreizen, die über alles gesehen sozial- und randregionenverträglich sein müssen. Und auf den technischen Fortschritt. Denn nur ein kleiner Teil der Menschen verzichtet freiwillig auf das Fliegen oder geht vegan durchs Leben. Ein ökologischer Umbau, der auf Verzicht setzt, tut der Seele gut, aber bringt uns politisch nicht weiter.

Der work-Umbauplan ist deshalb auch nicht gegen Wirtschaftswachstum, sondern für sozialverträgliches Wachstum dank ökologischem Umbau. Die Sozialverträglichkeit ist zen­tral, denn niemand hat mehr Interesse an der Erreichung der Pariser Klimaziele als die Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen und Renten. Sie leiden am meisten, wenn es immer wärmer wird. Auf den Baustellen, in den Fabriken und Büros, in den Wohnungen, Altersheimen und Spitälern.

Der work-Umbauplan will die CO2-Neutralität bis 2030 (ohne Kompensationen) oder bis 2023 (mit Kompensationen). Er geht davon aus, dass der schnelle ökologische Umbau Arbeitsplätze schaffen wird – auf dem Bau, in den Fa­briken, an den Universitäten. Wir ersetzen den Import von Öl, Gas und Uran zu einem schönen Teil durch Arbeit und Investitionen in der Schweiz. Und das sind die wesentlichen Eckpfeiler des Umbauplans:

  • Der work-Klimaplan will neben Geboten und Verboten hohe Lenkungsabgaben mit voller Rückerstattung. Diese können und müssen, wie in Norwegen, sozial- und randregionenverträglich ausgestaltet sein.
  • Der work-Klimaplan will den Strassenverkehr elektrifizieren, die Häuser isolieren und den Flugverkehr klimaneutral machen: mit synthetischem Kerosin und einem Verbot von Kurzstrecken­flügen unter 600 Kilometern.
  • Der work-Klimaplan will einen Mix von erneuerbaren Energien und Wind- und Solarstrom auch im Ausland produzieren. Wer einseitig auf den Ausbau der Schweizer Solarenergie setzt, handelt sich jede Menge Probleme ein: zu viel Strom im Sommer, zu wenig Strom im Winter, verbunden mit einem gigantischen Netzausbau samt neuen Stauseen in den Alpen.
  • Der work-Klimaplan will den ökosozialen Wandel mit Geldmitteln der Nationalbank finanzieren. Denn die Schweizer Nationalbank verfügt über ein Vermögen von 800 Milliarden Franken. 100 Milliarden davon müssen als zinsfreie, aber rückzahlbare ­Darlehen für den schnellen ökologischen Umbau eingesetzt werden. Ökonomisch in Zeiten der Negativzinsen ein Klacks für die Nationalbank, ökologisch ein gewaltiger Segen für die Schweiz.
  • Der work-Klimaplan will absolute Versorgungssicherheit. Daher verlangt er Notstromaggregate nicht nur für Spitäler, sondern für alle. Mit synthetischen Treibstoffen als Sprit.

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