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Alpenwüste: Die Sonne ist ein Geschenk des Himmels

Die Schweiz ist viel sonniger als Deutschland oder Österreich. Aber sie nutzt diesen Standortvorteil bisher zu wenig. Zwar tüftelt die ETH an solartechnischen Neuerungen. Doch inzwischen überholt uns selbst der Wüstenstaat Dubai bei den erneuerbaren Energien.

SOLARPARK IN DUBAI: Das 5000-Megawatt-Projekt ist das weltweit grösste seiner Art. (Foto: Reuters)

Der Solarstrahlungsatlas des deutschen Solarmagazins Photon vergleicht die Sonneneinstrahlung in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz. Während des Monats Juli 2019. Einmal mehr belegen die wissenschaftlich erhobenen Daten: Wir haben über alles gesehen viel bessere Voraussetzungen als die anderen deutschsprachigen Regionen in Europa. Das ist ein sonniges Geschenk des Himmels, das wir bisher nicht nutzten.

MARSHALLPLAN. Der Wiederaufbauplan Europas nach dem Zweiten Weltkrieg, Marshallplan genannt, war ein antikommunistischer Bluff der USA. Viel Geld floss nicht. Und das wenige Geld, das floss, war an politische Auflagen gebunden: In Italien etwa durfte die Kommunistische Partei (KPI) nicht mitregieren. Die SP fordert heute einen klimapolitischen Marshallplan für die Schweiz. Die Wortwahl ist alles, aber nicht eben geglückt.

Einen nicht imperialen Marshallplan müssten wir eher für Nordafrika entwickeln. Hier sind die Voraussetzungen, hier ist die Sonneneinstrahlung noch besser als im Wallis, in Uri und im Tessin. Und dies im Sommer wie im Winter und somit ganzjährig. Doch zurück in die Schweiz.

TÜFTLER. Die ETH Zürich macht uns immer mehr Freude. Sie entwickelt zusammen mit Start-ups unter anderen zwei Schlüsseltechnologien.

  • Professor Aldo Steinfeld hat zusammen mit jungen Forscherinnen ein Verfahren entwickelt, dank dem man mit Sonnenenergie und Luft sowohl Heizöl wie Kerosin produzieren kann. Die erste Testanlage läuft auf einem Dach der ETH in Zürich. Die zweite Test­anlage geht in Spanien in Betrieb. Das Ziel der ­optimistischen Forscher: ­klimaneutrales Kerosin oder Heizöl für einen Franken pro Liter zu produzieren. Das Verfahren braucht grosse Flächen. Die haben wir in der Schweiz – im Gegensatz zu Nordafrika – nicht. Spielt keine Rolle, denn synthetisches Heizöl lässt sich gleich problemlos transportieren und lagern wie fossiles Heizöl.
  • Das Unternehmen Insolight will jetzt mit unseren beiden technischen Hochschulen Solarzellen entwickeln, die mehr als 30 Prozent der Sonnen­einstrahlung in Strom umwandeln. Dies vorab dank kleinen Konzentratoren, die dem Gang der Sonne folgen, ihr Licht einfangen und fokussiert auf den Punkt bringen. Die Grössenord­nungen sind atemberaubend: An guten Lagen in den Alpen haben wir pro Jahr
    2000 Kilowattstunden Sonneneinstrahlung. Mit der Insolight-Technologie sollen wir davon 600 Kilowattstunden in Strom umwandeln können. Dies entspricht in Heizöl umgerechnet einem 120-Liter-Fass pro Quadratmeter.

DUBAI. Selbst im Nahen Osten bewegt sich einiges. Israel beginnt mit dem Einstieg in erneuerbare Energien. Und in Dubai entsteht ein 5000-Megawatt-Solarkraftwerk, das grösste der Welt. Die Kosten pro Kilowattstunde Strom sinken auf 2 Rappen.

Die faulen, da zu reichen Scheichs in ihren Pluderröcken wollen uns neu dank erneuerbarer Energie weiter melken. Die Kraftwerke werden wie die Fussballstadien Wanderarbeiter aus armen Ländern bauen. Al Jaber, der CEO der Abu Dhabi National Oil ­Company, bringt das Problem auf den Punkt: «Welch besseres Investment kann man mit seinen Öleinnahmen machen, als sie in Fortschritt bei er­neuerbarer Energie zu investieren?»

Links zum Thema:

  • rebrand.ly/insolight
    Die EU fördert die Schweizer Insolight-Technologie. Ausgerechnet die EU. Das Ziel: die Produktion von Solar­zellen dank technischem Vorsprung wieder nach Europa zurück­verlagern.
  • rebrand.ly/ethkerosin
    Eine kommerzielle Anlage muss 100 Mal grösser sein als die jetzt in Spanien in Betrieb genommene. Die Effizienz muss erhöht und die Kosten müssen gesenkt werden. Damit wir dank der ETH klimaneutrales Heizöl und Kerosin zum Preis von 1 Franken erhalten. Vielleicht und hoffentlich zugleich.

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