Editorial

Galaktisch ­relevant

Marie-Josée Kuhn

Marie-Josée Kuhn, Chefredaktorin work

Schreib doch nicht schon wieder über diesen Frauenstreik! Das sagte mir vor zwei Tagen eine gute Freundin und rümpfte ihre schöne Nase: Da fällt in Grossbritannien Theresa May, da stürzt in Österreich die ganze schwarz-blaue Re­gierung, da erhebt sich in Italien nach reüssierten EU-Wahlen der Neofaschist Salvini über alle anderen: und du, was schreibst du? Über einen Frauenstreik, der noch nicht mal stattgefunden hat. Und ich sagte: Warum denn nicht? Warum nicht über den Frauenstreik schreiben? Da ist wenigstens was los, was schon lange nicht mehr los war: Power to the people! Unter dem Pflaster der Strand.

Da planen Gewerkschafterinnen in einem grossen Schweizer Industriebetrieb am 14. Juni ein Picknick. Und bei einem grossen Detailhändler einen Stand und eine grosse Pause für alle Verkäuferinnen. Da bauen Frauen keck ein grosses Patriarchat, das sie am 14. Juni öffentlich aufstellen werden, damit wir es zerstören können. Und da montieren katholische Kirchenfrauen pinkige Bischofsmützen und schwarze Gummistiefel, als Symbol dafür, dass sie «aus dem Sumpf der katholischen Kirche waten wollen». Sprich, aus Sexismus, Missbrauchsskandalen heraus. Wenn das nicht ein Editorial wert ist, sagte ich. Schliesslich hat der Frauenstreik schon begonnen.

Der Frauen­streik hat schon begonnen.

RUNTER VOM OLYMP! Schon jetzt machen Frauen im Tagesrhythmus aufsehenerregende Agit-Aktionen für den schönsten Tag aller Tage. Sie schreiben den Frauenstreik auf Mauern. Auf Stauseemauern – und filmen sich im Morgengrauen abschüssig am Abgrund. So geschehen am Les-Toules-Damm im Wallis. Sensationell und erwähnenswert, oder? Und die Berner Statuen, die Adrian von Bubenbergs, Rudolf von Erlachs und Albert von Hallers, die eines frühen Morgens in violetten Frauenstreik-Tüchern erwachten, weil: «Runter vom Olymp!» und: «Starke Frauen* statt Kriegs­treiber!». Eine journalistische Sünde, wer nicht darüber berichtet.

FÜRS GEMÜT. Die Frauenstreik-Bewegung ist superaktuell und relevant, verschteisch: Politisch, öko­nomisch, psychologisch, galaktisch. Gut fürs Gemüt. Darum bringt auch dieses work wieder 4 Seiten zum Frauenstreik, der näher und näher und näher rückt.

Ach ja, und über den Nebenwiderspruch berichten wir selbstverständlich auch. Über das Ibiza-Video und seine Folgen. Über die beachtliche kriminelle Energie von Strache, Salvini, Le Pen & Co., inklusive SVP-Vorstrafenregister. Und über die EU-Wahlen.

2 Kommentare

  1. Peter Bitterli

    Falls jemand das Bedürfnis verspürt, „aus dem Sumpf der katholischen Kirche [zu] waten“, weil diese vorab „aus Sexismus, Missbrauchsskandalen“ besteht, dann ist das ihm oder ihr vollkommen unbenommen, da man ja aus dem Verein einfach austreten kann und dabei auch noch viel Geld spart. Das ist im übrigen bei der Gewerkschaft ganz genau gleich, falls man den Eindruck hat, dass diese allerlei Ideologien und andere Privathobbies (orthodox marxistisch: Nebenwidersprüche) mittels Kühlung und Chemie zu konservieren versucht, und man das mit seinen happigen Mitgliederbeiträgen als „Büezer“, „Chrampfer“, „Malocher“ nicht mehr finanzieren möchte.

  2. Peter Bitterli

    „Da bauen Frauen keck ein grosses Patriarchat, das sie am 14. Juni öffentlich aufstellen werden, damit wir es zerstören können.“ Sowas hat einen schönen alten Namen: Popanz. Besser, selbstentlarvender kann man es gar nicht auf den Punkt bringen. „Keck“ ist auch ein schönes altes Wort, und wir freuen uns und gratulieren der Autorin zum Gebrauch dieses backfischigen Begriffs. „In unbefangen-munterer Weise dreist“ wird er uns erklärt. Süss. Von „zeitgeistig billig“ und „abgestanden ranzig“ ist nirgendwo die Rede.

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