Am 14. Juni 2019 kommt der zweite Frauenstreik

Sie machen ihn

Patricia D'Incau

Weniger Lohn, weniger Rente, häusliche Gewalt, sexuelle Belästigung und jede Menge Gratisarbeit: «Jetzt reicht’s!» sagen Frauen in der ganzen Schweiz. Auch Moira Walter (23), Stefanie von Cranach (27) und Alexandrina Farinha (58). Sie engagieren sich schon heute für den Frauenstreik vom 14. Juni 2019.

Moira Walter (23), Solothurn «Ohne die Frauen geht nichts»

AKTIVISTIN. Moira Walter ist eine von drei Gründerinnen des Solothurner Streikkomitees. (Foto: Matthias Luggen)

«Eigentlich war das Zufall», sagt Moira Walter über ihre Rolle im Frauenstreik. Sie ist eine von drei Frauen, mit denen in Solothurn alles begann. Und das ging so: Im November bekam Walter ein E-Mail. Die Absenderin kannte sie nicht. Aber bald sassen sie zu dritt am Tisch: Pflegerin Eva Hungerbühler, Unia-Sekretärin Daniela Ianni und eben Studentin Walter. Die Chemie stimmte sofort, schnell standen die ersten Pläne. Walter, die eigentlich «nur mal reinhören» wollte, war plötzlich mittendrin. Sie sagt: «Irgendwie passiert mir das öfter.» Seit Jahren ist sie auch schon in der Juso aktiv.

Aus den 3 sind inzwischen über 30 geworden. Gerade überlegen die Frauen, wo am 14. Juni Aktionen steigen sollen. In Solothurn? In Olten? Überall im Kanton? Mit­denken tun da auch Männer. Sie sind im Streikkomitee ausdrücklich willkommen. Gleichstellung ist ein gemeinsamer Kampf, findet Walter. Er betreffe alle – aber eben nicht alle gleich.

«Gleichstellung betrifft alle, aber eben nicht alle gleich.»

SYSTEMFRAGE. Sie erzählt von der jungen Mutter, die zum ersten Streiktreffen in Olten kam. Ihr Kind geht in den Kindergarten, sie möchte wieder arbeiten gehen. Für die meisten Jobs müsste sie aber eine zusätzliche Kinderbetreuung haben. Der Lohn wäre gleich wieder weg. Streikmitorganisatorin Walter sagt: «Ein Problem, mit dem sich ein Mann viel seltener herumschlägt.»

Die Frage sei aber: Wer genau profitiert von den tieferen Löhnen für Frauen? Warum gibt es noch heute sogenannte Frauenberufe? Da gehe es ums System, sagt Walter. Um den Kapitalismus, in dem zwar eine Gross­bank im Eiltempo vom Staat gerettet werde, wir Frauen aber Jahrzehnte auf unsere Gleichstellung warten müssten. Genau deshalb sei der Streik jetzt das richtige Mittel, sagt Walter: «Erst wenn die Frauen fehlen, wird klar: Ohne sie geht’s nicht.»

Geht’s also um Macht? Walter lacht: «Oh, das ist schwierig. Es gibt mindestens hundert Konzepte von Macht.» Kurz denkt sie nach und sagt dann: «Für mich hängt Macht damit zusammen, wie wir die Dinge sehen. Das gängige Bild ist doch: Der CEO hat die Macht. Aber eigentlich hat er das nicht. Wenn die Leute in der Fabrik beschliessen: heute produzieren wir mal nichts, dann hat der CEO ein grosses Problem.» Denn: Ohne Arbeit keine Gewinne.

Genau um dieses Bewusstsein gehe es auch jetzt: «Wir Frauen kommen zusammen und merken: Eigentlich sind wir ganz schön stark.»


Stefanie von Cranach (27), Bern«Jeden Tag Frauenstreik»

GEWERKSCHAFTERIN. Stefanie von Cranach arbeitet bei der Unia Bern für den Frauenstreik. (Foto: Yoshiko Kusano)

14. Februar, Valentinstag. Unia-Frau Stefanie von ­Cranach ist in Fahrt. Für den 14. Juni. Für den Frauenstreiktag. Mit den Berner Unia-Frauen tüftelt sie aus, wie Frau streiken kann. Da ist die Schreinerin, die mit ihrer «Bude» eine Streikküche auf die Beine stellen will. Die Gastroangestellte, die plant, die Tische mit Streikmanifesten zu dekorieren. Und die Verkäuferin, die im Betrieb Unterschriften sammelt. Weil Frauen wie sie mit kleinen Teilzeitpensen abgespeist werden.

Von Cranach weiss: «Die Frauen haben grosse Lust, etwas zu machen.» Jede habe ihre eigenen Gründe, aber: «Lohn ist definitiv ein Thema.» Und Sexismus. Den hat sie selbst erlebt, als sie als Aushilfe im Service gearbeitet hat: «Einmal hat mich mein Chef nach Hause geschickt, weil ich nicht geschminkt war.»

ERFINDERISCH. Stefanie von Cranach und der Frauenstreik verband bis vor kurzem nur eine Zahl: 1991. Das Jahr, in dem sie geboren ist und in der Schweiz der Frauenstreik stattfand. Doch seit sie in der Region Bern als Unia-Sekretärin angefangen hat, «ist bei mir jeden Tag Frauenstreik», sagt sie und lacht.

Doch nicht alle Frauen können es sich leisten zu streiken. Deshalb ist Kreativität gefragt. Daran mangelt es der 27jährigen nicht: «Die Frauen können in einem ­violetten T-Shirt zur Arbeit kommen oder sich einen Pin anstecken. Sie können die Mittagspause zusammen verbringen und sich austauschen. Sie können im Betrieb Post-its aufkleben, Plakate aufhängen oder eine Wand­zeitung montieren.»

«Für jeden Betrieb und jede Frau gibt es die passende Aktion.»

Und wenn Frau möchte, kann sie einen Tag lang nur die Arbeit machen, für die sie tatsächlich bezahlt wird. Also nur 80 Prozent. Denn noch immer verdienen die Frauen in der Schweiz rund 20 Prozent weniger als die Männer. Von Cranach: «Da würde die Frau im Detailhandel zum Beispiel jedes fünfte Regal nicht auffüllen. Oder die Gastroangestellte jeden fünften ‹Härdöpfu› nicht schälen.»

Die Unia-Frau ist überzeugt: «Für jeden Betrieb und jede Frau gibt es die passende Aktion.» Man müsse sie nur finden. Indem man zusammensitzt und bespricht, was ­möglich ist. Das, findet von Cranach, sei doch gerade auch das Schöne an diesem Frauenstreik: «Dass die Frauen ­erfinderisch sind und sich jede beteiligen kann, wie es für sie geht.»


Alexandrina Farinha (58), Genf «Jetzt müssen wir einfach»

KÄMPFERIN. Alexandrina Farinha ist in Genf für den Frauenstreik aktiv. (Foto: Darrin Vaselow)

Alexandrina Farinha ist eine imposante Erscheinung. Tiefe Stimme, dunkle Brille, feine Kettchen an beiden Handgelenken. Die klimpern, während sie erklärt, wie das so funktioniert mit dem Frauenstreik in Genf.

Fast täglich läuft dort etwas: eine Veranstaltung, eine Aktion, eine Streiksitzung. Farinha verwirft die Hände, lacht und sagt: «Viele, viele Sitzungen.» Klar, das Administrative müsse auch sein. Am wichtigsten sei es jetzt aber rauszugehen. Für den 8. März planen die Frauen Grosses: Musik, eine Nacht-Demo, vorher Live-Schaltungen zu den streikenden Frauen in Spanien und Belgien.

Dass sie selbst streiken werden, haben die Westschweizerinnen schon im letzten Sommer beschlossen. Sie bauten Strukturen auf: ein Streiksekretariat für die gesamte Westschweiz, kantonale Koordinationen, lokale Gruppen. In Genf gehört dazu das «Colectivo Feminista Unia». Farinha hat es mitgegründet. Sie ist Unia-Mitglied und arbeitet auf dem Konsulat.

«Migrantinnen sind doppelt diskriminiert.»

ANGST UM RECHTE. Alexandrina Farinha kommt aus Portugal. Dort gibt’s seit kurzem Lohngleichheit. Zumindest im Gesetz. Dar­über freut sich die Wahlgenferin zwar, gleichzeitig weiss sie: In der Schweiz gilt Lohngleichheit schon seit 22 Jahren, aber sie wird einfach nicht umgesetzt.

Deshalb der Frauenstreik? «Ja», sagt ­Farinha «weil wir spüren: Jetzt müssen wir einfach.» Heute gehe es nicht mehr nur nicht vorwärts, sondern wieder rückwärts: «Die Menschen verlieren Rechte», sagt die 58jährige. Damit meint sie die drohenden Abtreibungsverbote in Polen und Brasilien, aber auch die fremdenfeindlichen Initiativen, mit denen die SVP in der Schweiz ­regelmässig kommt.

Farinha weiss: «Wer keinen Schweizer Pass hat, ist nie hundertprozentig sicher.» Am schwierigsten sei die Situation für Migrantinnen. Denn: «Diskriminierung trifft sie doppelt und dreifach.» Als Frauen, als Mütter, als Ausländerinnen.

Darum gehe es beim kommenden Frauenstreik am 14. Juni. Aber auch um Lohn, Rente und Arbeitszeit. Farinha weiss: «Alles, was wir haben, wurde hart ­erkämpft. Wenn wir nicht stark genug sind, verlieren wir.»


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