Novartis-Manager wollen Ex-CEO Daniel Vasella beim Stellenstreichen noch toppen

Protest gegen Brutalo-Abbau

Ralph Hug

Novartis plant den Kahlschlag. Im Grossraum Basel sollen 2150 Stellen verschwinden. Nur wegen des Profits. Doch es gäbe ein besseres ­Rezept.

PROTEST-REGEN: Mitarbeitende von Novartis zerreissen in Basel symbolisch den blauen Brief. (Foto: Frantisek Matous)

Das gefällt Novartis nicht. Letzte Woche machten 800 Personen auf dem Basler Theaterplatz ihrem Ärger über die Arroganz der Pharmakönige Luft: «Menschen vor Marge!» hiess es auf Trans­parenten. Daniela Neves von der Unia geisselte den Konzern für seine brutalen Jobvernichtungspläne: «Sieben Milliarden Gewinn machen und zweitausend Leute auf die Strasse stellen – das geht nicht!» Es war nicht die erste Demo gegen ­Novartis. Aber die erste, zu der alle drei Vertragsgewerkschaften Unia, Syna und Angestellte Schweiz gemeinsam auf­gerufen hatten. Thomas Leuzinger, Kommunikationschef der Unia Nordwestschweiz, freut sich: «Das gab es noch nie.»

TEURE MEDIS

Der Brutalo-Abbau von 2150 Stellen sprengt alles Dagewesene. Brigitte Martig, Personalvertreterin bei Novartis und Unia-Mitglied, sagt: «Es ist der grösste für die Schweiz angekündigte Abbau seit der Gründung des Konzerns vor zwanzig Jahren.» Der Hintergrund: VR-Präsident Jörg Reinhardt will weg von der Massenproduktion von Tabletten und hin zu höherwertigen Gen- und Zelltherapien. Damit lässt sich viel Geld machen. Zum Beispiel mit einem Krebsmittel gegen Leukämie. Es heisst Kymriah. Und eine einzige Behandlung kostet 475’000 Franken. Oder mit einem Mittel gegen schweren Muskelschwund, das nächstes Jahr auf den Markt kommen soll. Dafür will Novartis gar 4 Mil­lionen Franken (!) verlangen.

MEGA-MARGE

Medien kommentierten, Novartis wickle jetzt das Erbe von Daniel Vasella ab. Fehlanzeige – Vasellas Erbe lebt. Und wie. Die massenhafte Jobvernichtung bei gleichzeitigen Milliardengewinnen hatte der Ex-CEO im Jahr 2010 vorexerziert. Damals wollte Vasella den Standort Nyon schliessen, Knall auf Fall. Doch er scheiterte am geschlossenen Widerstand der Region. Die Fabrik mit mehreren Hundert Jobs blieb erhalten. Reinhardt will jetzt aber nicht nur eine ­Fabrik, sondern gleich ganze Teile des Konzerns demontieren. Mit sieben Mal mehr Jobs, als in Nyon auf dem Spiel standen: 1000 Stellen sollen in den nächsten vier Jahren am Hauptsitz in ­Basel verschwinden, 700 in Stein AG, 350 in Schweizerhalle BL sowie weitere in Rotkreuz ZG und Locarno.

Treiber hinter dem Abbau sind Grossaktionäre wie Blackrock oder UBS.

Scheitert Reinhardt wie Vasella? Das wird sich zeigen. Die Stimmung im Konzern ist jedenfalls mies. Carmen Stern, Unia-Frau in der Personalvertretung, sagt: «Niemand weiss, wen es trifft. Alle sind verunsichert.» Nicht nur die Mitarbeitenden fühlen sich «versecklet», sondern auch Politik und Behörden. Niemand ahnte etwas vom Jobmassaker. Im Gegenteil: Noch vor kurzem stiessen Regierungsräte und Pharma­manager mit Prosecco auf 350 neue Stellen im Produktionswerk in Stein an. Damit wollte Novartis einen gleichzeitigen Abbau von 500 Stellen versüssen. Die Unia protestierte im Mai 2017 mit einer Petition mit 1165 Unterschriften. Wie viele Mitarbeitende gehen mussten, ist unklar. Nov­artis lässt die Personalvertretungen im Dunkeln. Und wollte auch nicht direkt mit der Unia sprechen.

Treiber des Konzernumbaus sind Grossaktionäre wie Blackrock oder UBS. Sie diktieren dem Konzern höhere Renditen. Reinhardt soll den Gewinn bis 2022 jährlich um 4,5 Prozent und die operative Marge von 32 Prozent auf 35 Prozent steigern. Im Moment laufen Verhandlungen mit den Personalvertretungen. Unia-Betriebsrätin Martig sagt: «Wir konnten die Frist für die Einreichung von Vorschlägen verlängern.» Neben dem Jobabbau ist ein neuer Sozialplan Thema. Der alte läuft Ende Jahr aus. Martig hält dafür, dass genug Geld für Umschulungen da sei. «Damit könnten Entlassungen verhindert werden.» Für die Maschinenindustrie hat die Unia das Projekt «Passerelle 4.0» entwickelt. Es soll Mitarbeitende durch gezielte Weiterbildung digital fitmachen (work berichtete: rebrand.ly/passerelle). Das könnte auch für die Pharma­branche nützlich sein.

Gewinnmaschine Novartis: Millionen für die Teppichetage

Novartis, Roche & Co. arbeiten hochprofitabel. Gemäss Berechnungen von Unia-Ökonom Beat Baumann erwirtschaftet die Branche aus ­jedem Mitarbeiter und jeder Mit­arbeiterin ­einen Spitzenwert von 337’000 Franken Gewinn pro Jahr. Die Umstellung auf superteure ­Therapien soll ­Novartis in eine noch hochtourigere Gewinnmaschine ­verwandeln. Das hoffen Aktionäre und Finanzelite. Und auch die ­Manager. Denn ihre Löhne steigen mit dem Umbau. Laut dem ­Bundesamt für Statistik zahlt die Pharmabranche heute im Schnitt die höchsten Löhne, noch vor den Banken. Obere Kader garnieren im Schnitt 280’000 Franken.

ÜBLE TRADITION. Ganz oben hat ­Abzockerei Tradition. Daniel Vasella machte es vor. Nachfolger Joe ­Jimenez strich jährlich über 11 Millionen Franken ein. Die «Zielvergütung» des neuen CEO Vas Narasimhan für dieses Jahr beträgt 8,9 Millionen Franken. Wetten, dass er bald im zweistel­ligen Bereich ist? Und mit 3,8 Millionen Franken pro Jahr ist auch VR-Präsident Jörg Reinhardt fürstlich bezahlt. Er reiht sich damit ein in die Spitzenriege der Schweizer Verwaltungsräte, die im europäischen Vergleich als überzahlt gelten.


«Novartis-Gate»: Aufruhr in Athen

SCHMIERIG: Wie viele Ärzte hat Novartis gekauft? (Foto: Keystone)

Seit Monaten ermitteln die Staatsanwälte. Der Vorwurf: Der Pharmakonzern Novartis soll in den nuller Jahren – also als ­Daniel Vasella noch Chef war – Politiker und Ärztinnen mit insgesamt 50 Millionen Dollar geschmiert haben. Dies, um aggressiv den Absatz zu pushen und überhöhte Preise durchzu­drücken.

KORRUPTION. Griechische Medien sprechen von «Novartis-Gate». Noch sind keine Anklagen da. Giorgos Chondros, Sprecher des linken Regierungsbündnisses Syriza von Ministerpräsident Alexis Tsipras, sagt: «Wir erwarten solche bis nächsten ­Januar.» Laut Chondros hat Novartis ein Schmiergeld-Netzwerk auf­ge­baut. Zum Schaden der Griechinnen und Griechen, die ­ohnehin schon ­unter dem Spardiktat der EU gelitten haben. Damit habe der Konzern mitgeholfen, die Gesundheitsversorgung in Griechenland zu schädigen. Bürgerliche Politiker und Beamte hätten sich bestechen lassen. Chondros verlangt volle Aufklärung der Korruptionsaffäre. Ersuchen um Rechtshilfe gingen auch an die Schweiz. Novartis macht keine näheren Angaben dazu. Sprecher Satoshi Sugimoto reagiert auf Anfrage von work mit einem Standard-Statement: Man kooperiere mit den Behörden und mache eigene Unter­suchungen.

DUBIOSER DEAL. Aufgeflogen war die Affäre durch Whistle­blower. Sie be­­richteten von Koffern voller Geldbündel und von griechischen Werbeagenturen als Tarnfirmen, durch welche die Zahlungen geflossen seien. Das US-Magazin ­«Politico» veröffentlichte entsprechende Auszüge aus einem Bericht des FBI, das ebenfalls gegen Novartis ermittelt. Das alles erstaunt ­wenig. Schmiergeld gehört zum Pharmabusiness wie der Blister zur Tablette. Die konzernkritische Organisation Multiwatch listet 14 Fälle von den USA bis China auf, wo Novartis mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert ist (siehe www.multiwatch.ch).

Die Basler wollten sich auch Einfluss im wichtigen US-Markt erkaufen. Dazu schlossen sie einen 1,2-Mil­lionen-Dollar-Vertrag mit Trumps ­dubiosem Anwalt ­Michael ­Cohen ab. Dieser ­entpuppte sich inzwischen als Lügner und Steuerbetrüger und der Vertrag als nutzlos. Als dies publik wurde, war der langjährige Novartis-Chefjurist Felix Ehrat seinen Job los.

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