Fotograf Alexander Egger hat die Renovation der Berner Kirchenfeldbrücke dokumentiert
Schnappschüsse von der Brücke

Men at work, ­Bauleute am Chrampfen: Das ­fasziniert Fotograf ­Egger seit Jahren. Jetzt hat er wieder zugeschlagen. Und wie!

SCHWINDELFREI UND ECHT ÜBER DER AARE: Reale Arbeit an einer realen Brücke über einem realen Fluss. Da sieht jeder, was er macht. Und später alle, was sie gemacht haben. Nur nicht, wie. (Fotos: Alexander Egger)

Alexander Egger trägt Schuhe mit Stahlkappen. Er kommt gerade von der Baustelle der Kirchenfeldbrücke. «Sicher schon zwanzig Mal» sei er dort gewesen, jeweils für eine Stunde oder auch zwei, und habe die Menschen bei der Arbeit fotografiert. «Die Leistung dieser Menschen hat mich schwer beeindruckt», sagt der 72jährige Berner Fotograf. «Manchmal müssen sie im Liegen arbeiten und an einer unzugänglichen Stelle etwas ‹grüble›. Und sie müssen viel Dreck und Gestank aushalten.» Etwa beim Asphaltieren, «das stinkt grauenhaft».

Oder beim Abfräsen des alten Belags, das Unmengen an Staub freisetzt. Zum Glück für Egger hatten die Bauarbeiter starke Windmaschinen, um den Dreck wegzublasen. «Da habe ich mich hinter das Gebläse gestellt. So konnte ich aus der Nähe Fotos machen, ohne dass Staub in meine Kamera kam.»

DAS STRAHLEN DES LESENDEN ARBEITERS: Wenn die Knochen in der Pause auch schmerzen, das Hirn will Nahrung.

NAH DRAN

Egger fotografiert oft Menschen bei der Arbeit, häufig im Auftrag der Unia und anderer Gewerkschaften. Die Kirchenfeldbrücke war nicht seine erste Grossbaustelle: Vor knapp zehn Jahren fotografierte er für die Unia die Neat-Baustelle in Sedrun GR und die Tunnelbauer. Den Auftrag für die Kirchenfeldbrücke erhielt er jetzt vom Tiefbauamt der Stadt Bern. Eigentlich finde man auf einer Baustelle immer gute Bildsujets, sagt Egger. «Aber man muss nahe an die Menschen heran.» Von den Arbeitern sei er immer gut empfangen worden: «Sofort stehen zwei oder drei zusammen und wollen aufs Foto. Da merkt man, die sind stolz auf ihre Arbeit.»

Gibt es Frauen auf der Baustelle? ­Egger lacht. Auch die PR-Agentur, die die Stadt für den Bau engagiert habe, verlangte immer Bilder von Frauen. «Aber es gab lange keine.» Bis plötzlich eine Arbeiterin einen Muldenkipper fährt. Egger drückt ab. Und hat schon wieder Glück: «Die Frau habe ich vorher und nachher nicht wieder gesehen.»

FUSSWERK: Mit schmutzigen Schuhen arbeitend über schmale Balken balancieren ist auch eine Kunst.

ES KITZELT

Auch unterhalb der Fahrbahn hat Egger fotografiert. Etwa die Gerüstbauer. Er sei ziemlich schwindelfrei, sagt er. «Aber die ersten paar Mal auf diesem schmalen Steg, und daneben geht’s 30 Meter in die Tiefe, das hat schon ein bisschen ‹kutzelet›.»

Die Kirchenfeldbrücke wurde 1883 erbaut, damit die Stadt nach Süden wachsen konnte. Die Kosten für den Bau übernahm eine englische Finanzgesellschaft. Im Gegenzug erhielt sie von der Stadt lukratives Bauland im damals noch unbebauten ­Kirchenfeld auf der anderen Seite der Aare. Dort entstand ein Reichen-Ghetto: Botschafter, Architekten, Rechtsanwälte.

Zeitweise wohnten sämtliche Regierungsräte des Kantons Bern im Kirchenfeld. Der elegante Bau aus Stahlbögen war billiger als eine Steinbrücke. Aber die moderne Kon­struktion war vielen Bernerinnen und Bernern nicht geheuer. Wenn Soldaten im Gleichschritt darüber gingen, schwankte sie. Gingen Pferde darüber, hüpfte sie. Als ab 1901 das erste Tram über die Brücke fuhr, wurden die Stahlpfeiler deshalb mit Beton verstärkt.

Dieser Beton weist heute Schäden auf und muss repariert werden. Auch von den rund 250 000 Nieten, die den Stahl zusammenhalten, müssen viele ersetzt werden. Zwar rollt seit kurzem der Verkehr wieder über die Brücke, die Arbeiten unterhalb der Fahrbahn dauern aber noch bis Januar. Danach, so die Stadt Bern, soll die Brücke wieder 80 Jahre halten.

DIE SCHÖNHEIT LIEGT IM DETAIL. Feine Zeichnung auf einem starken Arm.

Bilder statt Worte: Fotograf Alexander Egger

FOTOGRAF: Alexander Egger.

Der Berner Alexander Egger (72) ist Dokumentarfotograf. Über seine Arbeit bei der Kirchenfeldbrücke sagt er: «Ich musste nahe an die Bauleute heran.» Entstanden sind spektakuläre Bilder mit Tiefgang. Egger war bereits in der Vergangenheit auf Grossbaustellen und unter Arbeitern unterwegs, etwa für die Unia und andere Gewerkschaften. Die Reportage über die Sanierung der Kirchenfeldbrücke ist im Auftrag des Tiefbauamts der Stadt Bern entstanden. Die gesamte Bild-Reportage ist auf Eggers Website aufgeschaltet: www.alexanderegger.ch/reportagen/sanierung-kirchenfeldbrücke.

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