Die Protestwelle rollt an

Baubüezer haben die Nase voll

Ralph Hug

Angriff auf die Rente 60, Angriff auf die Mindestlöhne, Angriff auf den Gesundheitsschutz: Der Baumeisterverband ist ausser Rand und Band. Jetzt haben die Bauleute genug.

DAS WAR DER ERSTE STREICH: 3000 Bauarbeiter gingen in Bellinzona auf die Strasse. (Foto: Keystone)

Bellinzona und Genf machten den Anfang. Dort gingen in den letzten Tagen insgesamt 5500 Bauarbeiter auf die Strasse. Aus Protest gegen den Starrsinn der Funktionäre vom Baumeisterverband SBV. Die Deutschschweiz wird folgen ab dem 1. November. Denn die Büezer sind wütend. An einer Versammlung der Mitarbeitenden des Baukonzerns Marti in Zürich sagte einer: «Ohne Streik läuft sowieso nichts.» Er bekam viel Applaus. Keine Lohnerhöhung, aber noch länger arbeiten – das ärgert die Bauleute masslos. Ähnlich war die Stimmung auch an Versammlungen der Implenia-Mitarbeitenden sowie auf der Grossbaustelle The Circle beim Flughafen Kloten.

POLEMIK STATT SACHKUNDE

Die Büezer haben die Nase voll von den Attacken der Baumeister auf ihre wohlverdiente Frühpensionierung mit 60, auf ihre Löhne und auf ihre Gesundheit. Und auch von der Hinhaltetaktik des SBV. Am Verhandlungstisch um die Vertragserneuerung zaubern die Baumeistervertreter ständig neue und immer absurdere Forderungen aus dem Hut. Polemik scheint wichtiger als Sachkunde. Der neueste Blindgänger: Chef Gian-Luca Lardi und Direktor Benedikt Koch werfen den Gewerkschaften in einem offenen Brief ­«Sozialmissbrauch» vor. Das machte ­sofort Schlagzeilen. Dabei hatte die Unia lediglich auf die Möglichkeit der Schlechtwetterentschädigung hingewiesen. Denn der LMV sieht vor, dass bei Minustemperaturen und Gesundheitsgefährdung die Arbeit auf den Baustellen eingestellt werden muss. Die Baufirmen können in ­diesem Fall ­einen Teil der Lohnkosten über die Schlechtwetterentschädigung zurückfordern.

Ginge es nach den Meistern,
wären Arbeitstage von 12 Stunden normal.

Diese Inanspruchnahme ist aber kein Missbrauch, sondern eine gesetzliche Hilfe. Und sie hat nichts mit dem Arbeitszeitkalender zu tun. Baufirmen vor allem im Tessin, im Wallis und in Graubünden nutzen diese Möglichkeit. Das zeigt die Statistik. Letztes Jahr zahlte die Arbeitslosenversicherung (ALV) den Firmen 26,1 Millionen Franken an Entschädigungen aus. A propos Missbrauch: Wenn das jemand tut, dann wären es ja die Chefs selber. Denn sie müssen die Gelder bei der ALV beantragen. Unia-Chefin ­Vania Alleva blieb der SBV-Spitze die Antwort auf ihren offenen Brief nicht schuldig. Sie schrieb cool: «Lesen Sie Ihre eigene Website!» Dort sind der Sinn und die Funktionsweise der Schlechtwetterentschädigung zutreffend erläutert.

AUTOBAHN FÜR LOHNDUMPING

Den erzürnten Protest der Bauarbeiter haben sich die Baumeister bzw. ihre Funktio­näre also selber zuzuschreiben. Zuerst verweigert der SBV vertragswidrig neun Monate lang Verhandlungen über eine Nachfinanzierung der Rente mit 60. Erst die Grossdemo der Bauarbeiter vom Juni in Zürich mit 18’000 Teilnehmenden bringt sie an den Verhandlungstisch. Der Kompromiss sieht nun vor, dass die Bauarbeiter für den Erhalt der Rente 60 mehr zahlen. Dafür bezahlen die Firmen nach vier Jahren mit blendenden Geschäften, aber null Lohnanpassung 150 Franken mehr Lohn ab 2019.

Doch dann kam der Rückzieher: Das alles gelte nur, wenn die Bauarbeiter Mehrarbeit schluckten. Der SBV will, dass die Bauleute im Januar und Februar zu Hause hocken, dafür von März bis Dezember durchschuften. Arbeitstage von 12 Stunden wären normal. Zudem wollen die Baumeister bei Stellenwechsel die Löhne massiv senken können. Vor allem ältere Bauarbeiter wären davon betroffen. Darüber hinaus soll künftig bei jedem Wetter gearbeitet werden müssen.

An der letzten Verhandlungsrunde legten die Funktionäre ein weiteres faules Ei auf den Tisch: Für sogenannte Praktikanten, die weniger als vier Monate arbeiten, sollen gar keine Mindestlöhne mehr gelten. Ausländische Firmen, die ohne Bewilligung bis zu drei Monate in der Schweiz arbeiten können, müssten so keinerlei Mindestlöhne einhalten. Man kennt das von der Landwirtschaft. Dort verrichten zum Beispiel Polen Schwerstarbeit für Hungerlöhne. Unia-Bauchef Lutz nennt diese absurde Forderung eine «Autobahn für Lohndumping». Sie macht auch klar, dass es mit dem Bekenntnis von SBV-Präsident Gian-Luca Lardi zu den flankierenden Massnahmen nicht weit her ist. Statt Lohnschutz heisst das Ziel offensichtlich «Löhne drücken».

SBV-Politik: Hauptsache Wind

Was ist bloss mit diesem SBV los? Im Frühjahr hat er vom ­Gewerbeverband Bernhard ­Salzmann eingewechselt. Ein PR-Mann, der Hans-Ulrich Biglers verbiesterte Abstimmungs­kampagnen mitverantwortet. Seither mutiert auch der SBV mehr und mehr zur Fake-News-Schleuder. Motto: Inhalt egal, Hauptsache viel Wind.

SEIFENBLASEN. Kürzlich ver­kaufte der Verband etwa den neuen Baustellen-Badge als Alternative zur 8-Tage-Regel beim Lohnschutz. Obwohl das miteinander gar nichts zu tun hat. Dann warf er den Gewerkschaften vor, sie liessen die Bau-Frührentner im Stich und wollten lieber streiken als Lösungen bieten. Schliesslich die Seifenblase mit dem angeb­lichen Sozialmissbrauch. An die Stelle von ­inhaltlicher Auseinandersetzung ist faktenfreie Polemik getreten. Mit SBV-Funktionären in einem ­solchen Betriebsmodus wird es noch schwieriger, einen vertragslosen Zustand zu vermeiden. Und ­darunter leiden auch die an­ständigen Baumeister.


Meister-Methoden Tricks & Drohungen

EINSCHÜCHTERN UND DROHEN: Der Chef von Comicfigur Gaston Lagaffe macht’s vor. (Foto: PD)

«Jetzt haben die Baumeister die schwere Artillerie auf­gefahren», sagt José ­Sebastiao. Er ist Unia-­Sekretär in Genf. Witterten die Chefs Unzufriedenheit und Proteste, versuchten sie die Mitarbeiter mit Tricks und ­Drohungen einzuschüchtern, auch mit verbotenen.

VERBOTEN. Es klingt fast ­mitfühlend: «Seid ihr nicht ­zufrieden mit euren Jobs?» fragten die Genfer Baumeister ihre Leute per SMS und Mail. Auf Chef-Deutsch heisst das: «Wenn es dir nicht passt, kannst du ja gehen.» Baumeister hätten auch immer wieder versucht, der Unia den Zutritt zu den Baustellen zu verwehren, sagt Sebastiao. Und von den Polieren hätten sie Namenslisten verlangt, wer von ihren Teams an den Protesten teilnehmen wolle. Solche Listen sind verboten.

GEFÄHRLICH. Und die Chefs greifen noch zu weiteren Tricks. Sebastiao erzählt, dass sie auf ihren Baustellen rund um den 16. Oktober, dem ­Beginn der Protesttage, ­bewusst Arbeiten planten, die von den Büezern unbedingte Anwesenheit ­verlangten. Sie sollen einen Kran aufbauen oder Beton­mischer entladen. Und überall hätten die ­Patrons ­verkündet, dass Streiks in der Schweiz ­generell verboten seien, was nicht stimmt. ­Besonders fies ­setzten gewisse Chefs die ­Temporärangestellten unter Druck. ­Sebastiao: ­«Ihnen ­haben sie ­gesagt, sie seien den Job los, wenn sie am 16. Oktober nicht zur Arbeit erschienen.» (asz)

Schreiben Sie einen Kommentar

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus.