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Ausstieg aus der Braunkohle: Der Hambacher Forst ruft

In Deutschland spitzt sich der Kampf um die Braunkohle zu. Das Schlachtfeld heisst ­Hambacher Forst. Dank der dort angewandten Baumhaus-Guerrilla-Taktik könnte Deutschland den Ausstieg aus der Braunkohle schaffen.

WEG MIT DER BRAUNKOHLE: Die Aktionen gegen die Abholzung im Hambacher Forst werden Deutschland dazu bringen, einen noch grösseren Anteil der Strom­produktion aus erneuerbaren Energiequellen zu generieren. (FOTO: Aktion Unterholz; Quelle Grafik: Fraunhofer Institut)

Noch wird weltweit viel zu viel Strom mit Braunkohle produziert. Meist in Kraftwerken mit einem schlechten Wirkungsgrad. Diese Kombination ist ökologisch fatal: Verglichen selbst mit einem Gas­kombiwerk, stösst das Braunkohlewerk pro produzierte Kilowattstunde rund viermal mehr CO2 in die Luft.

Deutschland steigt im Gegensatz zur Schweiz aus der Atom­energie aus. Deutschland produzierte letztes Jahr 36 Prozent seines Stroms mit Wind, Sonne und Biogas. Tendenz steigend. Wenn die Schweiz vergleichbar viel Strom aus neuen erneuerbaren Energien produzieren würde, hätten wir in Sachen Strom den ökologischen Umbau bereits hinter uns. Weil wir 60 Prozent unseres Verbrauchs mit Wasserkraft produzieren. Und erst noch grosse Speicher haben, die bei Dunkelflaute Strom ins Netz speisen können.

Dunkelflaute bedeutet: Es weht wenig Wind, und die Sonne versteckt sich hinter den Wolken. Und beides gleichzeitig. Kommt nicht sehr häufig vor, aber kommt eben vor. Und dagegen helfen national und international unter anderem gut gefüllte Stauseen, die nur angezapft werden, wenn dieser Fall eintrifft.

SPD SPINNT. Jetzt spitzt sich der Kampf um die Braunkohle in Deutschland zu. Die SPD hat den Kompass verloren. Ihre oberste Chefin Andrea Nahles wehrt sich gegen die schnelle Stilllegung der Braunkohlekraftwerke: «Für eine Blutgrätsche gegen die Braunkohle steht die SPD nicht zur Verfügung. Wir können diese Technologie nicht einfach abknipsen. An der Kohle hängen Lebensläufe und ganze Regionen.» Von einer Blutgrätsche spricht man, wenn im Fussball «mit voller Absicht der Gegenspieler getreten wird, ohne dass eine Chance besteht, den Ball zu treffen». So weit Wikipedia.

Jeder Konflikt braucht und findet in der Regel seine Schlacht­felder, Richter, Symbole und Zu­spitzungen. In Deutschland ist dies der Hambacher Forst. Der Energie­konzern RWE will ihn ab­holzen, um noch mehr Kohle mit Braunkohle zu machen.

Gegner und Gegnerinnen der Braunkohle versuchten, den Wald zu retten. Mit einer Baumhaus-­Guerrilla-Taktik. Das Land Nord­rhein-Westfalen marschierte relativ erfolgreich mit viel Polizei und schwerem Gerät an. Für einen Moment schien der Kampf ent­schieden. Doch dann stoppte das Oberverwaltungsgericht Münster den behördlichen Wahnsinn. Nun darf bis 2020 kein Baum mehr gefällt werden.

WIE WÄR’S? Viele gehen davon aus, dass Deutschland bis 2022 nicht nur den Ausstieg aus der Atomenergie schaffen wird, sondern bis 2030 auch jenen aus der Braunkohle.
Weil SPD-Nahles die Zeichen der Zeit nicht erkennt, gewinnen in Deutschland die Grünen politisch an Boden.

Was wäre, wenn wir gelegentlich unsere Atomkraftwerke abstellen würden? Die Befürworter der Atomenergie würden dagegen ins Feld führen, wir müssten dann dreckigen deutschen Braunkohlestrom importieren. Ihr Pech: Bis es so weit ist, gibt es diesen nicht mehr.

Links zum Thema:

  • rebrand.ly/Stauseen
    Edwin Somm – der Papa von Blocher-Biograph und Ex-Chef der «Basler Zeitung», Markus Somm – fordert in der NZZ, dass die Schweiz die Stauseen füllt und erst anzapft, wenn Europa den Strom braucht. Und zusätzlich Gas-Dampf-Kraftwerke baut. Alles nicht ganz falsch, weil man mittelfristig mit Überschussstrom Gas produzieren kann.
  • rebrand.ly/Alpiq
    Kiel produziert mit Gas und Jensbacher Motoren gleichzeitig Strom und Wärme. Die Anlage geplant und gebaut hat jener Teil des Alpiq-Unternehmens, der nach Frankreich verkauft wurde.
  • rebrand.ly/Elfmeter
    Das «Handelsblatt», das Leibblatt des deutschen Kapitals, stellt etwas resigniert fest: «Die Argumente sprechen am Samstag fast geschlossen für die Klimaschützer. Das Urteil entkräftet nicht nur die Kohleunternehmen, sondern verschafft den Aktivisten einen Elfmeter für die anstehenden Gespräche in der Kohlekommission.»
  • ˜rebrand.ly/MiloRau
    Milo Rau, der geniale Schweizer Regisseur, feierte mit 50’000 Demonstrierenden den Sieg über die Braunkohle. Und schrieb dazu in der «Sonntagszeitung»: «Übrigens wurde die Abholzung des Hambacher Forsts gestoppt. Nicht wegen unserer Proteste oder anderer Heldentaten: Forscher haben eine seltene Fledermaus im Forst entdeckt … Danke, Fledermaus! ¡No pasarán!» Alles erinnert uns etwas an die Chaos­theorie und den Flügelschlag des Schmetterlings im Amazonasbecken.

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