Dreiste Baumeister verlangen grenzenlose Arbeitszeiten

Chrampfen ohne Ende

Ralph Hug

Der Baumeisterverband fordert von den Bau­arbeitern noch mehr Gratisarbeit. Doch schon jetzt sind die Tage auf den Baustellen zu lang.

LAUTSTARK: Die Bauarbeiter gaben an der Massendemo in Zürich den Chefs den Tarif durch. (Foto: Manu Friedrich)

Baumeisterpräsident Gian-Luca Lardi will von den Bauleuten pro Jahr zusätzlich
300 Gratisstunden. Heute sind gemäss Arbeitszeitkalender nur 100 möglich. Diese Überstunden werden jeweils im Winter abgebaut und bei Hochbetrieb im Sommer angehäuft. Dreimal mehr Überstunden hiesse konkret, zehn Monate lang jeden Tag 9½ Stunden und mehr arbeiten – ohne dafür einen Franken Zuschlag und ohne eine einzige Überstunde ausbezahlt zu erhalten, alles auf Kosten ihrer Gesundheit. Und im Januar und Februar müssten die Baubüezer dann zu Hause Daumen drehen. Klar, dass da die Unia nicht mitmacht. Bauchef Nico Lutz: «Wir spielen nicht mit der Gesundheit der Bauarbeiter.»

WEGZEIT NICHT EINGERECHNET

Schon heute klagen viele Bauleute über endlose Arbeitstage. Im Sommer ist eine Tagesbüez von über zehn Stunden möglich. Real sind es dann oft bis zu zwölf Stunden, weil die Wegzeit nicht als Arbeitszeit gilt. Nicht wenige Bauleute fahren vom Magazin zur Baustelle und zurück mehrere Stunden. «Im Sommer sehe ich die Familie kaum noch», beschweren sich viele. Was die Baumeister fordern, ist für Nico Lutz verantwortungslos: «Die Bauarbeiter müssten sich krank und invalid schuften.»

«Wir spielen nicht mit der Gesundheit der Bauarbeiter.»

Drei Monate nach der grossen Baudemo vom Juni in Zürich stecken die Verhandlungen zum Landesmantelvertrag fest. Dabei hat die mächtige Kundgebung der 18’000 Bauleute – jeder vierte Bauarbeiter war dabei – die Patrons an den Verhandlungstisch gezwungen. Zuvor hatten sie über ein Jahr lang dringend nötige Verhandlungen mit den Gewerkschaften über die Rente 60 verweigert. Hauptstreitpunkt ist ihre Nachfinanzierung. Die Frühpensio­nierung braucht wegen der geburtenstarken Jahrgänge vorübergehend einen Zustupf.

KEIN SCHLECHTWETTER-SCHUTZ

Unter Druck haben die Baumeister ihre Forderung nach einer Rentenalter­erhöhung schliesslich aufgegeben. Auch sind sie jetzt zu einer Lohnerhöhung von 150 Franken pro Monat ab 2019 bereit. Dies aber nur, wenn die Bauleute uferlos Gratisarbeit leisten und weitere Verschlechterungen akzeptieren. So sollen bei einem Stellenwechsel tiefere Löhne gelten. Das würde dem Dumping alle Türen öffnen. Weiter sollen sämtliche Bestimmungen zum Schutz vor Schlechtwetter gestrichen werden. Das kommt für die Bauarbeiter nicht in Frage. Sie verlangen im Gegenteil mehr Schutz.

Jetzt ist Konfrontation angesagt. In einer Urabstimmung im letzten Frühjahr haben 93 Prozent der befragten Bauleute für Streiks gestimmt, falls es am grünen Tisch keinen Fortschritt gibt. Dieser Herbst wird heiss werden. Noch heisser als der Sommer.


Polier Marcel Mösch: «Noch mehr Überstunden? Liegt nicht drin!»

POLIER MARCEL MÖSCH: «Mehr Überstunden heisst
noch mehr Samstags­arbeit, noch grösserer Druck und noch kürzere Fristen.» (Foto: Roland Schmid)

Am Morgen kam der Beton, schon ist der Boden hart. Aber er braucht noch Wasser. «Sonst gibt’s Risse.» Polier Marcel Mösch (58) kennt die Tricks. Schliesslich ist er seit über dreissig Jahren auf dem Bau. Ein Profi, der weiss, was geht und was nicht. Zum Beispiel Mehrarbeit. Noch mehr Überstunden, wie das jetzt der Baumeisterverband fordert? Mösch winkt ab: «Liegt nicht drin.» Viele seien schon am Anschlag. Der Stress durch Zeitmangel, Preisdruck, Hetzerei und zu wenig Personal setze allen zu.

SCHMERZEN. Auch ihm, obwohl er doch fit wirkt. Am Fuss plagt ihn ein Fersensporn, der Rücken tut ihm ständig weh. Mösch freut sich auf die Rente mit 60 in zwei Jahren. «Die ist genial, vor allem wenn man sieht, wie es so um die Leute steht», sagt er. Auf diese Errungenschaft lässt er gar nichts kommen.

Mösch baut an einem Hang im aargauischen Fricktal ein luxuriöses Einfamilienhaus. Mit nur zwei Kollegen. Kaum zu glauben, wirkt doch die Baustelle riesig. Er zuckt mit den Schultern: «Mehr Leute gibt es einfach nicht.» Die Bauunternehmung Obrist AG, bei der er angestellt ist, hat noch zwei Dutzend andere Baustellen. Bauherr ist ein Banker. Fünf Garagen und zwei Wohn­etagen – ein anspruchsvoller Bau, viele Winkel und Ecken, nichts nach Schema F. Im Frühjahr haben sie damit begonnen, in zwei Monaten werden die Arbeiten schon fertig sein.

Auf dem Papier ist Mösch Polier. Aber er und seine Kollegen erledigen alles gemeinsam, was anfällt – etwa schalen, putzen, räumen. Mösch übernimmt auch die Funktion des Bauleiters und muss Handwerker bestellen, Termine und Lieferungen organisieren. «Auch die Architekten schieben alles dir zu», erzählt er. Mösch hat alle Hände voll zu tun. Das Handy klingelt. Ein Nachbar beschwert sich, weil ein Lieferant seinen Briefkasten touchiert hat. Jetzt muss er das ausbügeln. Bei Hochbetrieb sind die Tage lang. Mösch und sein Team beginnen morgens um sieben, manchmal auch früher. Wenn ein Zulieferer auf sich warten lässt, dauert es am Abend halt länger.

ABWÄRTSSPIRALE. Seinem Chef will er keinen Vorwurf machen. Druck setzten die Generalunternehmer und Architekten auf, stellt er fest. «Die sagen dir: Bis dann muss so und so viel stehen. Wenn du das nicht garantierst, bist du weg vom Fenster, weil ein anderer kommt und sagt, ich mache es in dieser Zeit.» Für Mösch ist klar: Noch mehr Überstunden hiesse noch mehr Samstagsarbeit, noch grösserer Druck und noch kürzere Fristen. «Eine Spirale nach unten. Die müssen wir verhindern, auch wenn wir streiken müssen.»

Alternative zur 8-Tage-Regel: Faules Ei der Baumeister

Der Baumeister­verband (SBV) macht Politik. Aus heiterem Himmel verkündete er Mitte September in einer Medienmitteilung, dass die neue ISAB-Card eine Alterna­tive zur 8-Tage-Regel bei den flankierenden Massnahmen sei.

EIGENGOAL. Die ISAB-Card ist jener Badge, der künftig die paritätischen Kontrollen auf den Baustellen erleichtern soll. Das Informationssystem ­Allianz Bau (ISAB) soll im Winter erstmals zur Anwendung kommen. Der SBV wollte damit ­offenbar den beiden FDP-Bundesräten Ignazio Cassis und Johann Schneider-Ammann zu ­Hilfe ­eilen, welche die ­8-Tage-Regel beim Lohnschutz in Frage stellen. Ein Eigengoal. Denn der Badge ist frei­willig und nur für inländische Firmen gedacht. Für Ent­sendefirmen im ­Ausland kommt er nicht in Betracht.

SPIELCHEN. ISAB-Präsident Hans ­Rupli, der gleich­zeitig auch Zentralpräsident von Holzbau Schweiz ist, ­bestätigt gegenüber work: «Die ISAB-Card ist nicht darauf ausgelegt, die 8-­Tage-Regel zu ersetzen.» Unia-Bauchef Nico Lutz hält dem SBV vor, er ­betreibe in der ­Auseinandersetzung um ein Rahmen­abkommen mit der EU ein «verantwortungsloses Polit-Spielchen».

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