Editorial

Befristete Gleichstellung

Marie-Josée Kuhn

Marie-Josée Kuhn, Chefredaktorin work

Was würden Sie, liebe Leserin, mit 7000 Franken mehr pro Jahr machen? Die Frage sei müssig, sagen Sie, weil das sowieso illusorisch sei? Nicht unbedingt. Hätten wir nämlich Lohngleichheit in der Schweiz, würde das ganz schön einschenken. Das zeigen Exklusiv­berechnungen, die work beim ­Berner Büro für arbeits- und sozial­politische Studien (BASS) in Auftrag gegeben hat. Dann bekäme jede erwerbstätige Frau im Schnitt 3 Franken pro Stunde, 590 Franken pro Monat, 7000 Franken im Jahr mehr. Und 303’000 Franken mehr im ganzen Erwerbsleben (siehe «Ab auf die Insel!»). Das würde auch die Renten massiv verbessern.

MINI-MAUS. Die Diskriminierung in Franken und Rappen zeigt das Ausmass des Lohnklaus an den Frauen. Auch 37 Jahre nach der Verankerung des Gleichstellungs­artikels in der Bundesverfassung verdienen wir rund 20 Prozent weniger als die Männer. Davon sind rund 7 Prozent unerklärbar. Das heisst, sie haben nicht mit Berufs­erfahrung, Qualifikation oder anderen messbaren Faktoren zu tun. Sondern nur mit dem Y-Chromosom.

Männerstöckli gebar Mini-Maus.

Zwar hat das Männerstöckli Ständerat nach ausgiebigem Herumeiern jetzt doch noch eine Mini-Maus geboren. Und beschlossen, Firmen einer obligatorischen Lohnanalyse zu unterstellen. Allerdings nur jene mit mehr als 100 Mitarbeitenden. Das entspricht bloss einem Prozent aller Firmen. Sanktionen bei Verstös­sen gibt es keine. Und der Spezialjux an diesem Beschluss: Das Gesetz ist auf 12 Jahre befristet.

GESCHIEDENE. Warum haben sie uns eigentlich nicht auch das Stimmrecht nur befristet gegeben? Oder die Mutterschaftsversicherung? Oder die Fristenlösung beim Schwangerschaftsabbruch? Frei nach der Logik: Wo kommen wir mit dieser unbefristeten Gleichmacherei noch hin? Am Ende noch zu Frauenquoten? Zum Schluss noch im Bundesrat? Und hätten wir erst die Bundesrats-Frauenquote, kämen sofort «die Alten, die Jungen, die Väter, die Alleinstehenden, die Geschiedenen» – und würden auch Quoten verlangen. «Und mit welchen Argumenten würde man bei der nächsten Debatte einer bestimmten Gruppe deren Anspruch dann verweigern? Man sollte eine solche verfassungsmässige Büchse der Pandora nicht erst öffnen!»

Wer denn heutzutage noch immer so einen Blödsinn schreibe, fragen Sie, liebe Leserin. Es ist NZZ-Journalist Michael Schoenenberger in einem kürzlich erschienenen Kommentar. Die 7000 Franken mehr würden Sie sicher nicht der NZZ spenden, sagen Sie jetzt, liebe Leserin? Ich muss sagen, ich kann das irgendwie verstehen.

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