1968: Ueli Mäders Sittenbild der Schweiz

Permanent rebellisch

Oliver Fahrni

Vom Wallis bis nach Kaiseraugst: Der Basler Soziologe Ueli Mäder hat in seinem neuen Buch zu 68 seine Generation befragt und tausend Episoden und Aktionen zusammengetragen.

SPURENSUCHER. Soziologe Ueli Mäder hat die 68er in der Schweiz dokumentiert. (Foto: Peter Mosimann)

Als Studierende in diesem März auf Schweizer Strassen riefen: «Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut», gab auch der Soziologe Ueli ­Mäder Laut. Schon 1968 habe man gegen die Gefahr von «Bildungsfabriken» gekämpft, sagte er, und seither nehme die Bedeutung der Gelder von Konzernen in der Bildung zu, sogar bei der Wahl der Professoren. Sei die Forschung nicht mehr unabhängig, warnte Mäder, verlören alle, sogar die Wirtschaft.

ZEITZEUGE. Ueli Mäder in den 60ern. (Foto: zvg)

DER GEIST VON 68. In seinem gerade erschienenen Buch «68 – was bleibt» schreibt er: «Für mich drückt sich der 68er Geist in der Bereitschaft aus, einen Beitrag zu einer lebendigen und möglichst gerechten Gesellschaft zu leisten. (…) Das führt weiter – im Sinne des permanent Rebellischen.» Es ist der letzte Satz seines 368 Seiten starken Buches. Er lässt weit über hundert Beteiligte des Mai 68 sprechen. Darunter sind einige bekannte Namen. Ruth Dreifuss, Peter Bichsel, Claudia Honegger, Jürg Marquard, Thomas Held, Filippo Leutenegger, Urs Jaeggi, Mascha Madörin, Helmut Hubacher, Benedikt Weibel, Peter Niggli, Regula Renschler … Und viele andere. Das liest sich, in tausend Episoden, Ereignissen, Aktionen, in biographischen Notizen und Tupfern, weniger wie ein «Who is who» als wie ein Roman.

Tausende demonstrieren 1968 gegen den Vietnamkrieg. Lehrlinge rebellieren gegen autoritäre Lehrmeister. Frauen gegen patriarchale Unterdrückung. Das Frauenstimmrecht kam erst drei Jahre später, da war das Fernsehen längst farbig. Rekruten verbrannten das Zivilverteidigungsbüchlein, das der Bundesrat auf Geheiss von Geheimdienstoberst Bachmann gegen die rote Gefahr und die «bunten Vögel» an alle Haushalte verteilen liess. Während überall im Land – nicht nur in den Städten – Kommunen, pädagogische Experimente, linke Parteien und neue Lebensformen blühten.

Bis heute leben die Debatten und Projekte von 68 weiter.

WAS BLEIBT? Als etwas zu spät Geborener liest man mit wachsendem Erstaunen und hin und wieder aufblitzender Erinnerung von Zehntausenden von Schweizerinnen und Schweizern, die aufbrachen, den Muff zu lüften. So entsteht bei Mäder ein umfassendes Sittenbild der Schweiz. Von 1968? Auch. Aber seine Absicht zielt auf heute. Er fragt danach, was fünfzig Jahre später von 1968 bleibe. In den Gesprächen wird deutlich, dass manche der Debatten und Projekte von damals in den Tiefenströmungen der Schweiz von 2018 weiterleben.

ABGEKOPPELT VON DER WELT. Mäders Methode hat den Vorteil, scheinbar beiläufig einige scharfe Befunde über die gegenwärtige Schweiz zutage zu fördern. Gerade durch das Ungesagte. Kaum jemand von den 100 Interviewten spricht über die Weltwirtschaftskrise von 2007 und ihre Folgen. Und so gut wie nichts fällt ihnen zu den akuten weltweiten Rebellionen gegen den verschärften Kapitalismus und seine Ultra­nationalisten ein. Vielleicht wird 2018 ein noch schärferer Bruch als 1968. Dass dies in den befragten Köpfen kein Echo findet, liesse eine beunruhigende Vermutung zu: Sie haben sich, und mit ihnen die Schweiz, weitgehend von der Welt abgekoppelt.

Ueli Mäder: 68 – was bleibt? 368 Seiten, illustriert. Rotpunktverlag, Zürich 2018,
CHF 49.90.


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