Nachruf auf Roland Gretler

Nützt es denn, ein Lied zu singen?

Paul Rechsteiner, Präsident Schweizerischer Gewerkschaftsbund SGB

Der St. Galler Fotograf und Fotoarchivar Roland Gretler tat sich oft schwer mit den Institutionen der Arbeiterbewegung. Ein Glücksfall, sagt SGB-Chef Rechsteiner in seinem Nachruf.

SCHWEIZER ARBEITERGESCHICHTE. 1. Ein Schlafzimmer in der Baracke der Baustelle Mattmark VS, wo 1965 bei einem Gletscherabbruch 88 Menschen starben. 2. «Volksfront gegen Herrenfront»! 3. 1.-Mai-Umzug 1936 in Zürich. 4. Schneiderinnen des Haute-Couture-Hauses Schiaparelli in Genf streiken 1947 erfolgreich für Lohnerhöhung und einen Gesamtarbeitsvertrag. 5. Eine Arbeiterin und Mutter mit Kindern in der Ostschweiz, Anfang 20. Jh. Arbeiterinnen bei Bally Schönenwerd, um 1900. 6. Eine Arbeiterfamilie zu Hause vor dem Kaninchenstall, um 1920. 7. Bei der Von Roll Gerlafingen bereitet 1942 ein Arbeiter den Abstrich am Elektrolicht­bogen-Ofen vor. 8. Italienische Arbeiter­innen bei der Mittagsverpflegung in der Conservenfabrik St. Gallen AG (ohne Datum). (Fotos: Gretlers Panoptikum)

Es war Jahrzehnte vor der Erfindung des Smartphones, als Roland Gretler mit Niklaus Meienberg nach Meilen ZH fuhr. Dort waren im Ortsmuseum Erinnerungsstücke von
General Ulrich Wille ausgestellt. Darunter ein Bändchen mit Briefen an seine Frau. Die Texte, die Gretler fotografierte, waren die Grundlage für Meienbergs Buch «Die Welt als Wille und Wahn»: noch heute eine Pflicht­lektüre für alle, die verstehen wollen, wie es vor 100 Jahren zum Generalstreik kam. Als Serie erschien der Text übrigens zuerst in der damals noch nicht SVP-orientierten «Weltwoche».

Roland Gretler kam wie Niklaus Meienberg aus St. Gallen. Als Fotograf verfügte er über ein ausser­ordentliches visuelles Gedächtnis. Und über einen geschärften Sinn für die gesellschaftlichen Unterschiede. Er erkannte das Potential von Bildern. Und sah in Bildern auch Dinge, die sich nicht auf den ersten Blick erschliessen. Das Problem sei nicht, sagte Gretler, dass es zu wenige Bilder gebe. Sondern, dass man sie zu wenig anschaue.

Roland Gretler glaubte an die Kraft der Bilder. (Foto: Monica-Boirar-Beurer)

EIGENE GESCHICHTE

Gretler hat mit seinem «Panoptikum zur Sozialgeschichte», dem früheren «Bildarchiv der Arbeiter­bewegung», etwas geschaffen, was es in der Schweiz und wohl auch weltweit so nicht gibt: Er hat einen Bilderschatz gesammelt, der eine andere Geschichte erzählt. Eine Geschichte der Menschen in ihrem Alltag und bei der Arbeit. Und die Geschichte ihrer Kämpfe. Ihrer Würde. Höhepunkte waren die in verschiedenen Städten gezeigten Ausstellungen. Und die 2006 erschienene Gewerkschaftsgeschichte «Vom Wert der Arbeit». Wer den schön gestalteten Band in die Hand nimmt, stellt rasch fest, dass die aus Roland Gretlers Archiv stammenden Bilder eigene Geschichten erzählen. Und einen speziellen Sog entwickeln. Gretler glaubte an die Kraft der Bilder.

Mit seinem Lebenswerk ist er zum Bildarchivar der schweizerischen Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung geworden. 2002 wurde er mit dem Kulturpreis des Gewerkschaftsbunds ausgezeichnet. Es ist kein Zufall, dass damals auch die Idee angestossen wurde, die Geschichte der Arbeiterbewegung neu zu schreiben. Für Roland standen die Gewerkschaften nie nur für
materiellen Fortschritt. Sie waren auch eine kulturelle Bewegung für Menschlichkeit und Solidarität.

RÜCKEROBERUNG DES GEDÄCHTNISSES

Roland kam aus der 68er Bewegung und war einer ihrer prominenten Exponenten. Mit den Institutionen der Arbeiterbewegung tat er sich zeitlebens schwer. Und sie taten sich oft mit ihm schwer. Im Rückblick war seine Eigenständigkeit ein Glücksfall. Hat er doch, als Teil der «informellen Internationale der Rückeroberer des kollektiven Gedächtnisses», dafür gesorgt, dass Erinnerungs­stücke erhalten blieben, die sonst entsorgt worden wären.

Zu den bleibenden Verdiensten von Roland Gretler gehört die Pflege des 1. Mai als Feiertag der Arbeiterbewegung. In seinem Bilderbuch zur 100-Jahr-Feier setzte er sich 1990 mit der damals von Medienleuten, Politikerinnen und Politikern häufig gestellten Frage auseinander, was denn der 1. Mai solle und nütze. Seine Antwort: «Die Frage ist falsch gestellt. Ebenso könnte man fragen: Nützt es denn, ein Lied zu singen? Oder nützt es, vor Schmerz zu weinen? Nützt denn Weihnachten etwas?».

Roland Gretler ist tot. Er starb am 22. Januar mit 80 Jahren. Aber sein Werk lebt weiter.

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