Die Mehrheit hat weniger im Portemonnaie

Die Schweiz ist so ungleich wie noch nie

Ralph Hug

Die Schweizer Oligarchen räumen auch dieses Jahr Millionen ab. Die unteren und mittleren Einkommen sehen davon keinen Rappen.

Alle Angaben in Franken. Quelle: Berechnungen SGB

Ob auf dem Bau, in der Industrie oder im Gewerbe: die Löhne sind überall unter Druck. Besonders klar zeigt sich das im ­Detailhandel. Die Zahlen aus dem Internet-Lohnrechner des Gewerkschaftsbunds belegen, dass die Löhne der Verkaufsangestellten zwischen 2010 und 2014 gesunken sind. Und zwar je nach Region um zwei bis sechs Prozent. Die grossen Detailhändler Coop, Migros und Aldi sagen zwar, sie hätten die Löhne in den letzten Jahren angehoben. Das ist nicht falsch. Vor allem die Mindestlohnkampagnen der Gewerkschaften wie auch die Debatte um die Mindestlohninitiative im Jahr 2014 setzten den ­nötigen Druck auf und machten den Grossverteilern Beine.

Doch sie sind nicht die Einzigen im Detailhandel. Es gibt auch zahlreiche Textil- und Modeketten sowie Warenhäuser, wo oft nichts anderes herrscht als Wildwest auf Kosten der Angestellten. Besonders dort, wo ein Gesamtarbeitsvertrag fehlt, sind die Löhne schlechter. Der enorme Konkurrenz- und Preisdruck, das zunehmende Onlineshopping und der starke Franken schlagen dann voll durch auf die ungeschützten Löhne. Das Resultat der Dumpingstrategie sind Pleiten wie jene der Schweizer Modekette Yendi, wo das Management auf volles Risiko fuhr (work berichtete in der letzten Ausgabe). Den Schaden haben am Ende die Mitarbeitenden. Das Unternehmen hat Konkurs angemeldet, kann nicht einmal mehr die Aprillöhne bezahlen.

TRENDUMKEHR. Der drohende Lohnzerfall zeigt sich nicht nur im Detailhandel. So richtig klar wurde die Entwicklung vor zwei Jahren. Damals gab das Bundesamt für Statistik bekannt, dass die Löhne in der Schweiz zwischen 2012 und 2014 schrumpften. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten. Über alle Branchen hinweg sanken sie um 0,2 Prozent. Ein Wendepunkt in der Lohnentwicklung, der auch die Industrie betraf. Hier sanken die Löhne im Schnitt gar um 0,7 Prozent.

Eine genauere Analyse, welche die Unia für die Chemie-, die Pharma- und für die Uhrenindustrie vornahm, enthüllte den wahren Grund: Die tieferen Einstiegslöhne drückten den Schnitt nach unten. Die Firmen stellen Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger konsequent zu tieferen Löhnen als früher an. Der Unia-Mann Manuel Wyss weiss, warum das so ist: «Die Unternehmen versuchen mit allen Mitteln, den hohen Renditeerwartungen der Finanzmärkte gerecht zu werden.» Oder anders gesagt: Damit oben weiter geklotzt werden kann, muss unten mehr gespart werden.

Jahr für Jahr zeichnet der Gewerkschaftsbund in seinem «Verteilungsbericht» nach, um wie viel ungleicher die Schweiz geworden ist. «Die Entwicklung ist besorgniserregend», ist im letzten Bericht von 2016 zu lesen. Wohl gibt es dank dem erfolgreichen gewerkschaftlichen Kampf um Mindestlöhne eine spürbare Verbesserung bei den unteren Einkommen. Monatslöhne unter 4000 Franken sind weniger ­verbreitet als früher. Doch diese hart erkämpften Lohnfortschritte werden gleich wieder von der unsozialen Steuer- und Abgabenpolitik von SVP, FDP & Co. weggefressen. Diese Politik belastet die Schlecht- bis Mittelverdienenden im besonderen. Den Sparpaketen fallen zum Beispiel die Prä­mienverbilligungen zum Opfer, die die steigenden Krankenkassenkosten für untere Einkommen erträglicher machen. Währenddessen hätscheln die Bürgerlichen Gut- und Topverdiener sowie die Wirtschaft durch generöse Steuersenkungen.

FALSCHE POLITIK. So vertieft sich die sozia­le Kluft in der Schweiz. Diese ist heute so reich wie nie, ist aber auch so ungleich wie nie zuvor. Kräftig dazu beigetragen hat die falsche Währungspolitik der Nationalbank unter Jobkiller-Präsident Thomas Jordan. Seit der unnötigen Aufhebung des Euro-Mindestkurses vor zwei Jahren ist der Franken zum Spielball im globalen Finanz­casino geworden. Zur Freude raffgieriger Banker, zum Nachteil der Beschäftigten und ihrer Löhne. Und mit der Folge, dass ­einer wachsenden Zahl von exportabhängigen Firmen der Schnauf ausgeht. Sie verlagern Tausende von Jobs in Tieflohnländer wie Tschechien und Polen. Jüngstes Beispiel ist der US-Industriekonzern Thermo Fisher in Ecublens VD. Trotz gutem Geschäftsgang will er 106 Jobs in die Tschechische Republik verlegen.

Die Opfer dieser anhaltenden De­industrialisierung sind oft Facharbeiterinnen und Facharbeiter über 50, die nur schwerlich eine neue Stelle finden. Und wenn, dann sicherlich keine zum gleichen Lohn wie vorher. Das alles schafft böses Blut. Die Wahl von Donald Trump in den USA, aber auch der Brexit, der Austritt Grossbritanniens aus der EU, sind ein Aufstand gegen die Zumutungen einer neoliberalen Politik, die nur auf Globalisierung und Deregulierung setzt und dabei eine wachsende Zahl von Opfern links liegenlässt. Nicht nur in den USA, auch in der Schweiz.

Die US-Politologin Nancy Fraser aus New York spricht in diesem Zusammenhang von einem Giftcocktail aus Freihandel, prekären Löhnen und Diskriminierung, den uns ein progressiv auftretender Liberalismus täglich aufs neue serviere. Im Unterschied zu den USA ist die Schweiz ein besser ausgebauter Sozialstaat. Aber wie jenseits des Atlantiks muss es auch hierzulande heissen: Weg mit diesem Giftcocktail! Genug Geld für faire Löhne, gute Jobs und einen effizienten sozialen Ausgleich im Land ist vorhanden.


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