Maschinenbauer Osterwalder
Weniger Abbau, solider Sozialplan: Erfolgreicher Einsatz für Firma und Belegschaft

Über die Hälfte aller Jobs war bedroht. Jetzt schrumpft der Berner Maschinenbauer Osterwalder weit weniger. Und er gewährt einen Sozialplan, der diesen Namen verdient. Dahinter steckt eine fitte Arbeitnehmervertretung mit klarem Erfolgsrezept.

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HABEN SICH ERFOLGREICH EINGESETZT: (v.l.) Die Osterwalder-Arbeiter Ignace Zwygart (60), Sven Stier (44) und Paul Schuler (35). (Foto: Manu Friederich)

Im August noch sah es düster aus beim Maschinenbauunternehmen Osterwalder Technology AG in Lyss BE. An einer Mitarbeiterversammlung hatte die Geschäftsleitung (GL) bekannt gegeben, dass «strukturelle Massnahmen» nötig seien. Konkret: Eine Massenentlassung von potenziell mehr als der Hälfte der Belegschaft. Die Unia Biel-Seeland/Solothurn reagierte empört: Mit einem solchen Kahlschlag verliere einer der weltbesten Hersteller von Pulverpressen sein Knowhow in der Produktion, Forschung und Entwicklung. Das sei umso stossender, da die 144jährige Traditionsfirma erst 2025 von der belgischen Tessenderlo Group übernommen worden sei – und zwar mit dem Versprechen «das Unternehmen weiterzuentwickeln und dessen Zukunft zu sichern». Stattdessen folge nun die «Aushöhlung» – und dies, obwohl die Muttergesellschaft Ende 2025 über liquide Mittel von rund 158 Millionen Euro verfügt und 82 Millionen Euro an ihr Aktionariat ausgeschüttet habe.

Keine zwei Monate später ist dieses Worst-Case-Szenario verflogen. Statt wie angekündigt bis zu 35 Stellen verschwinden «nur» 16 von heute 64. Und wen es trotzdem trifft, kann auf einen soliden Sozialplan zählen. Über die Höhe der Abgangsentschädigungen wurde Stillschweigen vereinbart. Garantiert sind jedenfalls ein Grundbetrag pro Entlassenem plus Beiträge pro Dienstjahr und für unterhaltspflichtige Eltern. Auch Massnahmen zur Erleichterung der Stellensuche gibt es. Und über 60jährige, die auf dem Stellenmarkt den schwersten Stand haben, erhalten einen deutlich höheren Grundbetrag. Dazu kommt eine Kompensation, falls vor der Pensionierung die Arbeitslosenentschädigung ausfällt. Vom Himmel gefallen ist all das freilich nicht.

E-Autos drücken Absatz

«Den ursprünglichen Sozialplan der GL konnten wir materiell um rund einen Drittel verbessern.» Das sagt Ignace Zwygart (60). Mit 44 Jahren Betriebszugehörigkeit kennt er Osterwalder so gut wie niemand sonst. Schon die Mechaniker-Lehre absolvierte er hier. Es folgten Stationen in Produktion, Service, Prozessentwicklung – und in China, wo er eine Tochterfirma aufbaute. Heute lautet seine Jobbezeichnung «Global Head of Sales Special Materials». Zwygart ist also ein Verkaufschef – und sah, dass die Absatzzahlen nicht genügten. Überrascht habe ihn der Abbau deshalb nicht: «Die Übernahme durch Tessenderlo hat uns vor dem Konkurs bewahrt, aber um die Zukunft zu sichern, braucht es nun mal eine Umstrukturierung.»

SEIT 44 JAHREN IM BETRIEB: Ignace Zwygart. (Foto: Manu Friederich)

Da sei zum einen der starke Franken, der die Lysser Pressen für die primär ausländischen Kunden verteuere. Hinzu komme eine immer konkurrenzfähigere Industrie in Asien. Und auch der E-Auto-Boom sorge für Schwierigkeiten. Zwygart erklärt:

Elektroautos laufen ohne Getriebe und mit kleinerem Motor, daher brauchen sie 70 Prozent weniger Sinterteile als ein Verbrenner.

Sinterteile sind präzise Bauteile aus Metall- oder Keramikpulver, das in Form gepresst und anschliessend in einem Ofen erhitzt wird. Dafür braucht es Pressen wie jene von Osterwalder. Doch viele Teilehersteller haben bereits dichtgemacht. Die Folge: Eine Marktschwemme von günstigen Occasion-Pressen. Unia-Mitglied Zwygart hat deshalb Verständnis fürs Management. Und trotzdem hatte er Einwände. Nicht nur er.

Verhandeln auf Augenhöhe

Paul Schuler (35) ist Maschinenbauingenieur und bei Osterwalder für datenbasierte Prozessoptimierung zuständig. Er sagt: «Ich gehe gern zur Arbeit, es macht Spass hier!» Für ihn sei die Abbauankündigung daher «ein grosser Schock» gewesen. Zwar habe auch er Handlungsbedarf gesehen. Aber derart abbauen? «Im Betrieb fragten sich alle, wie wir so noch handlungsfähig bleiben sollten.»

MASCHINENBAUINGERNIEUR: Paul Schuler. (Foto: Manu Friederich)

Aber nicht Resignation habe die Belegschaft erfasst, sondern Tatendrang. Ein Beispiel: Nach der überbrachten Hiobsbotschaft erlaubte die Firma den Angestellten, nach Hause zu gehen. Doch alle kehrten an die Arbeit zurück. «Das hat die belgischen Manager beeindruckt», sagt Zwygart. Es gab aber ein Problem: Die Arbeitnehmervertretung (ANV) war vor ein paar Jahren wegen mangelndem Interesse eingestellt worden. Nun fehlte ein organisatorisches Gefäss. Doch die Osterwalder-Leute rauften sich zusammen und gründeten ad-hoc eine neue ANV. Zwygart, der schon zwei frühere Restrukturierungen miterlebt hat, nahm die Zügel in die Hand. Er sagt:

Mein Ziel war eine starke Arbeitnehmervertretung, die mit der Geschäftsleitung mindestens auf Augenhöhe verhandeln kann.

Das leuchtete ein. Die Belegschaft wählte Zwygart, Schuler und noch vier weitere Vertrauenspersonen, darunter Sven Stier, einen 44jährigen Projektleiter und Familienvater. «Für mich war all das neu», erzählt Stier. Umso wertvoller sei der Einbezug der Sozialpartner gewesen, insbesondere der Unia. «Sie sagten uns nicht, ‘so müsst ihr es machen’, sondern gaben konstruktive Hinweise und erklärten uns unsere Rechte, Pflichten und Möglichkeiten.»

PROJEKTLEITER UND FAMILIENVATER: Sven Stier. (Foto: Manu Friederich)

Aber auch die GL habe sich äusserst kooperativ, offen und zuvorkommend verhalten, betonen alle drei AN-Vertreter. So durfte die ANV ihre zeitintensiven Sitzungen und Arbeitstreffen während der Arbeitszeit abhalten. Auch habe die GL einen aufs Wochenende eingereichten vierseitigen Fragenkatalog der ANV schon am Montagmorgen beantwortet retourniert. Ein Tempo, das der Belegschaft entgegenkam. 

Nicht nur fordern!

Denn eine Konsultationsphase dauert in der Regel nur drei Wochen. Dann müssen die Arbeitnehmer-Vorschläge auf dem Tisch liegen – und zwar möglichst fundiert.
Sven Stier rät daher allen in einer ähnlichen Situation: «Bloss nicht den Kopf in den Sand stecken!»

Was es brauche, sei zügig eine Betriebsversammlung, dann thematische Arbeitsgruppen, und immer wieder Feedbacks und Abstimmungen mit dem Betriebskollektiv. «Wichtig ist, dass alle involviert werden und dann am gleichen Strick ziehen.» «Und früh die Unia einbinden», ergänzt Paul Schuler, der mittlerweile überzeugtes Mitglied geworden ist. Und er hat noch einen Tipp:

Wir haben nicht nur auf den Sozialplan fokussiert und Forderungen gestellt, sondern reelle Vorschläge für die Firmenzukunft eingebracht.

Das ist angekommen. Marc Schneeberger vom Osterwalder-Management sagte im «Bieler Tagblatt», die Leitung habe das Engagement der Mitarbeitenden «überdurchschnittlich positiv wahrgenommen». Auch seien daraus «effektiv gute Ansätze» entstanden, die teils bereits umgesetzt würden.

Also alles eine Frage von Einsatz und Kreativität? Kaum. Dass der Abbau nur halb so drastisch herausgekommen ist, hat auch mit Selbstbewusstsein und Ehrlichkeit zu tun. Dazu Ignace Zwygart:

Wir sagten der GL, wie es ist: Wenn so viele Leute gehen müssen, werden noch viele weitere von sich aus kündigen. Das wäre an die Existenz gegangen und gab ihnen dann schon zu denken.

Heute aber sei man rundum zufrieden mit den gefundenen Lösungen und dem Sozialplan. Und: Osterwalder sei wieder top aufgestellt – und die Zuversicht zurück.

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