Grüezi Grüze!
Katerstimmung im Winterthurer Industriegebiet

Beim Implantatehersteller Zimmer Biomet droht die Werkschliessung. Und nebenan bei Burckhardt Compression werden definitiv 148 Stellen abgebaut. Nur Vantage Data Centers baut noch aus. work hat sich im Industriegebiet in Winterthur umgesehen.

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ZIMMER BIOMET: Der US-Konzern stellt Hüft- oder Knieimplantante her. (Bild: isc)

Wer den Bahnhof Winterthur Grüze in nördlicher Richtung verlässt, steht unvermittelt in einem Industriegebiet. Hier haben noch keine Lofts, Kinos oder Fitnesscenter Einzug gehalten. Ein Mann mit blauem Zimmer-Biomet-Shirt raucht im Schatten der Werkhalle an der Sulzerallee. Sein ganzes Berufsleben, inzwischen fünfzehn Jahre, arbeitet er in der Herstellung von Hüft-, Trauma- und Knieimplantaten. Hier hat er auch seine Lehre als Polymechaniker absolviert. Mit Namen möchte er nicht in der Zeitung stehen, aber etwas zu den Konzernplänen könne er trotzdem sagen:

«Das ist schade für Winti und auch sehr schade für die Entwicklung dieses Betriebs.»

Bereits bei der Infoveranstaltung Anfang September habe er Böses geahnt: «Sie haben den Betrieb während eines ganzen Tages pausiert und uns alle zusammen von der Früh- und Spätschicht zu diesem ‹Townhall-Meeting› eingeladen, das gab es zuvor noch nie.» Eine solche Produktionspause von einem Tag koste den Konzern schnell einmal eine Million Franken. Obwohl derzeit noch die Konsultationsphase mit der Stadt und den Sozialpartnern läuft, stelle er sich darauf ein, dass er in zwei Jahren seinen Job bei Zimmer Biomet verlieren werde. Diese Frist hat der Konzern bei der Ankündigung des Abbaus von 580 Stellen in Winterthur genannt. Es gebe im Betrieb auch Spekulationen darüber, wohin die Produktion verlagert werden soll, sagt der Polymech:

«Die Produktion ist komplex, aber Zimmer hat neue Anlagen in Costa Rica gebaut. Vielleicht wird das in Zukunft aber auch in China gemacht.»

Unia und Stadtpräsident auf einer Linie

GRÜZE: So heisst das Industriegebiet in Winterthur. (Bild: isc)

FDP-Stadtpräsident Stefan Fritschi (53) arbeitete vor seiner Zeit im Winterthurer Stadtrat selber als Manager bei Zimmer Biomet. Der US-Konzern hatte die Medizintechniksparte von Sulzer im Jahr 2003 übernommen. Zur letzten Parlamentssitzung brachte Fritschi ein künstliches Hüftgelenk von Zimmer mit und sagte: «Diese Firma produziert auf Hochtouren, effizient und ist qualitativ sehr gut.» Er sei mit den Gewerkschaften nicht immer einig gewesen in der Vergangenheit. «Aber dieses Mal könnte ich sogar unterschreiben, was die Unia geschrieben hat», sagte Fritschi. «Diese Deindustrialisierung können wir nicht akzeptieren.» Die Unia kritisierte in ihrer Medienmitteilung die einseitige Ausrichtung des Konzerns auf die Interessen der Aktionäre: Seit 2022 hat Zimmer Biomet fast drei Milliarden US-Dollar für Dividenden und Aktienrückkäufe aufgewendet – mehr als die kumulierten Gewinne im gleichen Zeitraum.

Serge Gnos, Co-Regioleiter der Unia Zürich-Schaffhausen, sagt:

«580 Stellen sind nicht einfach eine Zahl. Hinter jeder einzelnen Zahl steht ein Mensch. Ein Mensch, die oder der vielleicht seit Jahrzehnten bei Zimmer Biomet arbeitet, eine Familie ernährt und zur Entwicklung von Winterthur beiträgt.»

Die Unia will im laufenden Konsultationsverfahren dafür sorgen, dass möglichst viele Arbeitsplätze erhalten bleiben. Der Konzern hat gegenüber der Stadtregierung zugesichert, dass zumindest die etwa 100 Personen in Ausbildung ihre Lehre bei Zimmer Biomet beenden könnten.

Entlang der Sulzerallee

JOB-KILLER: Der Maschinenhersteller Burckhardt Compression streicht in Winterthur fast 150 Stellen. (Bild: isc)

Auf der Terrasse der Kantine «Werk 4» sitzt ein Rentner mit Pfeife. Auch er hat in der Industrie gearbeitet. Er sagt: «Es ist eine Schweinerei, was hier abläuft, man müsste einfach mal ganz oben ausmisten.» Am Schluss werde alles im Ausland produziert, nur noch mit einem Swiss-made-Stempel drauf. Er lacht und sagt, dass dies bei einem eingebauten Implantat dann aber auch keine Rolle mehr spielen würde. Wo das noch hinführe, wisse er auch nicht. Auf der anderen Seite der Sulzerallee, neben einer Werkhalle von Stadler Rail, befindet sich das Firmengelände des Maschinenherstellers Burckhardt Compression. Auch hier stehen Arbeiter in der Rauchpause, aber niemand mag den Abbau von 148 Stellen in ihrem Betrieb kommentieren. Für solche Fragen müsse man sich an die Marketingabteilung wenden.

Am Ende das Datenzentrum

Noch weiter hinten im Industriegebiet an der Fabrikstrasse steht hinter Gitterstäben ein trutziges fensterloses Gebäude. Bauarbeiter montieren gerade die Fassade des Erweiterungsbaus des Datenzentrums von Vantage. Vantage Data Centers ist ebenfalls ein US-Konzern und einer der weltweit führenden Anbieter von Datenzentren.

Zu den Hauptkunden in Grüze gehört der Webdienst von Amazon.

Der Strombedarf des ausgebauten Datenzentrums könnte bald denjenigen der ganzen Stadt Winterthur übersteigen, neue Arbeitsplätze wird es neben dem Security-Personal aber kaum geben.

Unia-Sekretär Gnos sagt: «Wir dürfen nicht einfach zuschauen, wie die industrielle Produktion im Kanton Zürich zusammenbricht. Es stellt sich heute und hier die Frage, wie die Industrie in Winterthur und im ganzen Kanton noch eine Zukunft haben kann und was die Behörden bereit sind, dafür zu tun.»

Zukunftsstrategie

Das Rezept der bürgerlichen Parteien: tiefere Unternehmenssteuern und mehr Parkplätze. Auch SP, Grüne und AL äusserten sich in einer gemeinsamen Erklärung im Zürcher Kantonsrat. SP-Co-Fraktionschefin Maria Sorgo betonte, dass der Entscheid von Zimmer Biomet kein Beleg dafür sei, dass der Kanton Zürich oder die Stadt Winterthur unattraktiv seien. Die Schweiz habe über Jahrzehnte von einem internationalen Standortwettbewerb profitiert, bei dem Arbeitsplätze andernorts verloren gingen.

ATTRAKTIV: Die Region Zürich hat eine Zukunft als Indutriestandort. (Bild: isc)

Im Kantonsrat sagte sie: «Damit haben wir uns von mobilen, renditegetriebenen Grosskonzernen abhängig gemacht, die Standorte gegeneinander ausspielen können.» Das dürfe keine Strategie für die Zukunft mehr sein: «Es braucht eine widerstandsfähige, regional verankerte Wirtschaft mit starken KMU, genossenschaftlichen Strukturen und Kreislaufwirtschaft.» Mit solchen Unternehmen könnte auch das Industriegebiet in Grüze weiterhin eine Zukunft als Produktionsstandort haben.

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