KI-Revolution
Wie Streaming-Giganten Synchronsprechenden die Stimme klauen

Wegen mieser KI-Synchros, Verträgen mit brisanten Klauseln und virtuellen Schauspielende: In Hollywood wächst der Widerstand gegen die Techkonzerne.

Phu, da ist ja wieder einiges los in der Filmwelt! Die KI-Revolution schreitet rasant voran: Von Skripten über das Videocutting bis zur Synchronisation. Doch während Tech-Milliardäre von Effizienz und noch mehr Geld träumen, fürchten sich die Beschäftigten um ihre Arbeitsplätze.

Neu ist die Debatte jedoch nicht. Bereits 2024 berichtete work über den Hollywood-Streik, bei dem Synchronsprechende Schutz vor KI verlangten. Seither hat sich die Entwicklung weiter beschleunigt. Ein Überblick über die jüngsten Skandale und den Widerstand der Branche.

Amazon Prime blamiert sich mit KI-Synchronisation

Im letzten Jahr setzte der Streamingdienst Amazon Prime erstmals KI-Synchronisationen für Anime-Serien ein. Die Reaktionen des Publikums fielen vernichtend aus. Anime-Fans kritisierten monotone Stimmen, fehlende Emotionen und schlechte Übersetzungen.

Der Anime-Synchronsprecher Daman Mills brachte die Empörung auf den Punkt:

Jahrelang haben Fans auf eine englische Synchronisation von ‘Banana Fish’ gewartet, und ihr liefert KI-generierten Müll.

Aufgrund der negativen Kritik nahm Amazon die Serien schliesslich wieder offline.

Man könnte meinen, der milliardenschwere Konzern hätte daraus gelernt. Doch weit gefehlt: Kürzlich veröffentlichte Amazon den Thriller «Deadly Patient», in dessen deutscher Fassung kein einziger menschlicher Sprecher mehr zum Einsatz kam. Die Qualität der Synchronisation ist, wie es die deutsche Synchronsprecherin Laura Hensel formuliert, «grottenschlecht». Doch seht selbst:

@filmstarts 🤖 Liebe dich. Ich weiß. Geh weg 🤖 KI hat wohl noch nicht alles im Griff! #filmstarts #thedeadlypatient #KI#whattowatch #filmtok ♬ Originalton – Filmstarts

Die Empörung auf Social Media war enorm. «Du willst wissen, wie dein Geld von einem der reichsten Männer genutzt wird? Spoiler: Nicht für gute Synchro oder ein gutes Dialogbuch», kritisierte Hensel. Ihr Kollege Max Felder ergänzte: «Dieser Anspruch und diese Qualität können nicht ernst gemeint sein. Das uns Zuschauern vorzusetzen, finde ich eine absolute Frechheit.» Der PR-Schaden war so gross, dass Amazon den Film kurzerhand offline nahm. 

Netflix wird zur bösen Hexe Ursula

Wie die Meereshexe Ursula der kleinen Meerjungfrau Ariel die Stimme klauen wollte, so macht es nun auch Netflix mit seinen Synchronsprechenden. Der Streamingdienst nutzt in neuen Verträgen eine Klausel, die es ihm erlaubt, Stimmaufnahmen zum Training von Künstlicher Intelligenz zu nutzen. Im Klartext: Die Stimmen der Synchronsprechenden können in Zukunft künstlich nachgebaut werden, ohne dass die Person, der die Stimme gehört, weiterhin bezahlt wird. Viele Sprechende haben darauf die Zusammenarbeit mit Netflix beendet. Der Verband deutscher Sprecher und Sprecherinnen (VdS) sagt: «Das darf kein Branchenstandard werden. Niemand darf dazu gezwungen werden, seine Stimme für KI abzugeben, nur um überhaupt weiterarbeiten zu dürfen.»

@peterflechtner Synchronsprecherinnen & Synchronsprecher gegen KI „Schützen wir die künstlerische, nicht die künstliche Intelligenz.“ Lasst uns gemeinsam die menschlichen Emotionen und unser außergewöhnliches Handwerk schützen und unterstützt eure Lieblingssprecher im Kampf gegen die illegale Nutzung ihrer Stimmen. #synchronsprecher #synchronsprecherinnen #ranjabonalana #peterflechtner #patrickwinczewski #mariusclarén #susannabonaséwicz #ankereitzenstein #mattiklemm #claudiaurbschatmingues #nicosablik #santiagoziesmer #katrinfröhlich #giulianajakobeit #tonydieagentur #alinchristianoprea #lidiakalendareva Vielen Dank auch an Alin Cristian Oprea & Lidia Kalendareva für Schnitt, Musik, Sounddesign & Mischung Pressekontakt: Tony – die Agentur reinke@tony-dieagentur.de @Giulietta @santiagoziesmerofficial ♬ Originalton – Peter Flechtner

Nicht nur Synchronsprechende werden ersetzt

Doch die KI-Debatte geht längst über das Synchronstudio hinaus. Letztes Jahr wurde am Zürcher Filmfestival die «KI-Schauspielerin» Tilly Norwood vorgestellt. Nun soll sie im Film «Misaligned» erstmals die Hauptrolle übernehmen. Hinter dem Projekt steckt das Londoner KI-Studio Particles 6, das ein ganzes Filmuniversum um Tilly Norwood aufbauen will. Die US-Schauspielergewerkschaft SAG-AFTRA kritisiert das Projekt scharf:

Tilly Norwood ist keine Schauspielerin. Sie ist eine Figur, die von einem Computerprogramm generiert wurde, das auf der Arbeit unzähliger Darsteller aufbaut ohne Erlaubnis oder Vergütung.

WAS IST ECHT? Die KI-Schauspielerin wirkt auf Instagram täuschend echt. (Bild: @tillynordwood auf Instagram)

Am Tribeca Film Festival feierte kürzlich das Dokudrama «Dreams of Violets» Premiere. Der Film wurde innerhalb von nur drei Monaten vollständig mit Künstlicher Intelligenz erstellt – für ein Budget von gerade einmal 2000 Dollar. Erzählt wird die Geschichte iranischer Zivilistinnen und Zivilisten während der jüngsten Gewalt unter dem Mullah-Regime. Der Film löste eine kontroverse Debatte aus. Regisseur Pouya Shahbazian verteidigte den KI-Einsatz mit den Worten, «Schweigen wäre schlimmer gewesen». Doch die «Stimme für die Stimmenlosen» wurde von einer Maschine generiert, die auf den unentgeltlich genutzten Daten unzähliger echter Künstler trainiert wurde.

Keine Macht für Ursula

KI hat in Hollywood und darüber hinaus grundlegende ethische und gewerkschaftliche Fragen aufgeworfen. Es geht um Transparenz, den Schutz der Arbeitenden und um klare Regeln. Am Ende ist die KI-Debatte immer auch eine Vergütungsdebatte: Wer profitiert, wenn eine Maschine auf der Basis der Stimme oder des Gesichts eines Arbeitenden ein neues Produkt erschafft? Die Antwort darauf müssen die Gewerkschaften erzwingen, bevor es Hexe Ursula am Ende doch noch gelingt.

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