Über 20 Arbeiterinnen verklagen MS Direct!
Zalando-Retouren: Hungerlöhne und falsche Versprechen

Immer wieder steht die Ostschweizer Logistikfirma MS Direct wegen Ausbeutung in der Kritik. Jetzt machen über 20 Ex-Angestellte ernst und klagen aufgrund ausstehender Löhne. Der Zalando-Partner präsentiert sich derweil als Wohltäter und Hauptsponsor eines elitären Reit-Events.

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PAKETFLUT: Die Büezerinnen von MS Direct verarbeiten Zalando-Retouren zu einem Hungerlohn. (Foto: Keystone)

Ende Juni berichtete Eliane Misal* im «Blick» über fehlende Lohnzahlungen und brutale Leistungsziele bei der St. Galler Logistikfirma MS Direct. Mit rund 1000 Mitarbeitenden wickelt sie die Retourensendungen für Onlinehändler wie Zalando, Bergzeit oder Apfelkiste ab. Der Arbeitsdruck wird seit Jahren als viel zu hoch kritisiert. Zum «Blick» sagte Misal:

45 Artikel pro Stunde waren gerade noch so machbar. 60 Artikel pro Stunde sind ein Ding der Unmöglichkeit.

Für die Verarbeitung der Paketrücksendungen von Zalando hatte MS Direct ihr einen Monatslohn von 3500 Franken versprochen. Doch so viel Geld hatte sie Ende Monat nie auf dem Konto gesehen. Wegen der unzureichenden Lohnzahlungen fordert sie von MS Direct jetzt fast 25'000 Franken.

HR-Manager packt aus

Mittlerweile machen 25 weitere Personen solche Lohnforderungen geltend. Über 20 von ihnen gehen auch rechtlich gegen MS Direct vor. Mirko Telardi* hat während über eines Jahres im Management der Personalabteilung von MS Direct gearbeitet. «Immer wieder kamen Frauen zu mir und beschwerten sich über den Lohn», sagte Telardi gegenüber dem «Blick». Er stellte die Verträge für die Mitarbeitenden aus, wusste aber nicht, wie viel Ende Monat tatsächlich auf dem Konto der Angestellten landete.

Systematische Unterbezahlung

Dann begann er die Mitarbeiterinnen nach ihren Lohnausweisen zu fragen. «Ich habe in diesem Jahr kaum eine Lohnabrechnung über 2000 Franken gesehen – es wurden ihnen aber 3000 bis 4000 Franken pro Monat versprochen», sagt Telardi. Mit der Zeit hat sich das Problem weiter verschärft, führt er aus:

Ich hatte irgendwann täglich Frauen im Büro, die geweint haben, weil sie ihre Rechnungen nicht mehr zahlen konnten.

Viele der vorwiegend migrantischen Frauen, die an den MS-Direct-Standorten in Arbon TG und St. Gallen arbeiten, würden systematisch unterbezahlt. 

Chef als Wohltäter?

Telardi suchte auch mehrfach das Gespräch mit der Geschäftsleitung: «Sie sagten mir, das sei Teil des Geschäftsmodells.» Daraufhin verlässt Telardi die Firma: «Ich habe gemerkt, ich schütze das System für ein paar Tausend Franken pro Monat.»

Die Verantwortung über MS Direct trägt Verwaltungsratspräsident und Besitzer Milo Stössel (46). Er hatte die Logistikfirma nach dem HSG-Studium von seinem Vater und Firmengründer Peter Stössel geerbt. Heute gibt sich der passionierte Golfspieler und Tesla-Enthusiast als grosser Mäzen. Milo Stössels MS Direct ist einer der Hauptsponsoren des elitären Springreitturniers CSIO St. Gallen (Budget: 3,5 Millionen Franken), das von Stössels Schwester als OK-Chefin geführt wird.

GELD FÜR DEN REITSPORT: MS Direct als Sponsor am CSIO St. Gallen. (Foto: Keystone)

Auch spendet Stössels Firma jährlich eine hohe Summe an wohltätige Organisationen, zuletzt 20'000 Franken. Bei der eigenen Belegschaft hört die Grosszügigkeit allerdings auf. Die Stundenlöhne lagen anfänglich bei skandalösen 16 Franken. Und auch heute ist der Mindestlohn reinste Magerkost: 19 Franken! Zudem misstraut Chef Stössel offenbar seinen Mitarbeitenden, besonders jenen, die krank werden: Er spricht sich öffentlich für den Vorstoss von SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr aus, die das Arztgeheimnis zugunsten der Arbeitgeber aufweichen will.

Die Gewerkschaft Syndicom, seit 2020 Sozialpartnerin von MS Direct, schreibt auf Anfrage von work, dass die vom «Blick» aufgeworfenen Themen «bekannt» seien und mit den Verantwortlichen «regelmässig diskutiert» würden. Man bemühe sich für eine stetige Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Und was sagt die Gewerkschaft zu den äusserst tiefen Mindestlöhnen? Die seien in den letzten sechs Jahren immerhin um 10 Prozent gestiegen. Es handle sich um den einzigen GAV in der Fulfillment-Branche und also um einen Vertrag «mit Strahlkraft».

MS Direct bestreitet die im «Blick» erhobenen Vorwürfe allgemein. Auch auf Anfrage von work gab sich die Firma zugeknöpft: «Zu laufenden Verfahren und zu einzelnen Arbeitsverhältnissen äussern wir uns aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht.» Nur so viel: Sämtliche Anstellungen erfolgten auf Basis schriftlicher Einzelarbeitsverträge und des GAV. Mitarbeitende hätten jederzeit Einblick in ihre Einsatzplanung sowie in die erfassten Arbeitszeiten. Auch nicht verraten will MS Direct, wie viel Geld jeweils an das St. Galler Springreitturnier fliesst.

*Namen geändert

Chronik der Missstände bei MS Direct

DEZEMBER 2017: Im work schildert Maria B. die Zustände bei MS Direct in St. Gallen. Sie musste Zalando-Retouren reinigen und sortieren. Wer zu langsam ist, wird alle zwei Stunden zur Eile angetrieben. In der Halle zieht es, im Winter braucht sie Handschuhe. Ihr Anfangsstundenlohn: 16.50 Franken. Mehr dazu: rebrand.ly/direct1

FEBRUAR 2018: Zwei Frauen lassen die miesen Maschen im Call-Center in Feldmeilen ZH auffliegen. MS Direct wollte beiden den Arbeitsvertrag deutlich verschlechtern. Eine von ihnen unterschrieb und verdiente danach 600 Franken weniger im Monat. Die andere unterschrieb nicht und bekam die Kündigung. Mehr dazu: rebrand.ly/direct2 

AUGUST 2019: Nachdem die Unia gegen die Hungerlöhne protestiert und eine Organisierung im Betrieb gestartet hat, schliesst MS Direct mit der Gewerkschaft Syndicom einen GAV ab. Die Löhne sind kaum mehr, als was MS Direct bisher bezahlt hat: 17.57 Franken pro Stunde im ersten halben Jahr, dann 18.21 Franken für Ungelernte und 19.12 für Gelernte.

NOVEMBER 2019: Weitere fünf Ex-Mitarbeitende aus Call-Centern packen aus. Alle berichten von Lohndrückerei, in Muttenz BL zudem von grusigen Büros. Mehr dazu: rebrand.ly/direct3

AUGUST 2020: Der Schweizer Presserat urteilt über eine Beschwerde von MS Direct – und hält fest: work hat weder «unwahre Behauptungen verbreitet» noch «wichtige Informationen unterschlagen» und auch die kritisierte Firma korrekt angehört. Er weist die Beschwerde vollumfänglich ab.

NOVEMBER 2024: In Arbon TG stellt MS Direct eine schwangere Mitarbeiterin auf die Strasse. Nur wenige Stunden nachdem sie den Betrieb über die Schwangerschaft informiert hat. Sie wehrt sich mit Unterstützung der Unia und einigt sich mit MS Direct auf eine aussergerichtliche Entschädigung. Über den Inhalt wurde Stillschweigen vereinbart. Mehr dazu: rebrand.ly/direct4 

SEPTEMBER 2025: MS Direct vernichtet jede Woche Tausende neuwertige Artikel, anstatt sie wieder in den Verkauf zu bringen. Das berichtet im «Blick» ein Mitarbeiter. Die Auftraggeber der Firma, die Onlinehändler Zalando und Apfelkiste, seien darüber im Bild. Bei den Zalando-Kleidern lande etwa jeder vierte zurückgeschickte Artikel im Abfall. Geschätzt seien so innert sechs Jahren Waren im Wert von bis zu 40 Millionen Franken vernichtet worden. Zalando und Apfelkiste bestreiten die Kritik. 

NOVEMBER 2025: Eine Ex-Mitarbeiterin berichtet im work von einem Klima der Angst im Call-Center der Firma DialogWorld, die ebenfalls Teil der MS Direct Group ist. Mehr dazu unter diesem Link. (che)

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