Gefährliche Turniere
Während der WM nimmt häusliche Gewalt zu

Die Nati ist raus. Der Traum vom Weltmeister ist geplatzt. Das kann gefährliche Auswirkungen haben: Bei verlorenen Spielen steigt die häusliche Gewalt um 38 Prozent.

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EIN SPIEL MIT VIEL EMOTIONEN: Die Schweiz scheidet gegen Argentinien aus. (Foto: Keystone / Montage: work)

In der Nacht auf Sonntag war es so weit: Die Schweizer Männerfussballmannschaft scheidet gegen Argentinien aus. Das verlorene Spiel löst bei vielen Fussballfans grosse Emotionen aus. Enttäuschung, Tränen und bei einigen sogar Wut. Das grausame an dieser Wut: Sie wird oft mit Nachhause genommen. 
 
Eine Studie aus England zeigt: Während grosser Turniere wie der Welt- oder Europameisterschaft im Männerfussball kommt es deutlich häufiger zu häuslicher Gewalt. Konkret analysierte die Studie die Fussball-Weltmeisterschaften von 2002, 2006 und 2010. Das Resultat: Sogar wenn das englische Team gewann, stieg die Zahl der gemeldeten Fälle von häuslicher Gewalt. Und zwar um ganze 26 Prozent. Bei verlorenen Spielen stieg sie sogar um 38 Prozent.
 
Eine besorgniserregende Situation. Während das verlorene Spiel der Schweizer Nati für einige Zuschauer einfach enttäuschend war, kann es für andere Menschen in unserem Land das Risiko massiv erhöhen, in den eigenen vier Wänden Gewalt zu erfahren.
 
Barbara Lienhard, Co-Geschäftsleiterin der Dachorganisation der Frauenhäuser Schweiz und Liechtenstein, ist sich diesem Gewaltanstieg bewusst:

Wir müssen diese Gewaltstatistik ernstnehmen. Wie stark die Fussballweltmeisterschaft zum Anstieg von häuslicher Gewalt in der Schweiz beiträgt, können wir nicht in Zahlen nennen. Gerade weil viele Fälle nicht oder erst später gemeldet werden.

Laut Lienhard ist es aber klar, dass es mehrere Ereignisse und Zeiten gibt, wo die Gewalt ansteigt. Nebst einem Turnier wie der WM könnten das auch einfach die Sommerferien sein. «In Ferien, wo viele Familien oder Paare freie Tage gemeinsam verbringen, kann das Gewaltrisiko massgeblich steigen».

FIFA verschliesst weiterhin die Augen

Weder die Fifa noch die Fussballvereine reagieren ernsthaft auf das Gewaltrisiko. Lienhard sieht dringenden Handlungsbedarf: «Die Fifa sowie die Vereine haben die Verantwortung, hinzuschauen und entschieden gegen Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit sowie jegliche Art der Diskriminierung vorzugehen». Es könne nicht sein, dass ein Milliardenkonzern, wie es die Fifa sei, dieses Risiko nicht anerkenne und entschlossen dagegen vorgehe. Am Geld mangelt es bekanntlich nicht: Die Fifa nimmt schätzungsweise elf Milliarden Dollar ein mit der laufenden Weltmeisterschaft. Und Fifa-Präsident Gianni Infantino füllte sich die Taschen im vergangenen Jahr mit einem Jahresgehalt von 4,8 Millionen Franken. 

Argentinien: Keine Alimente, kein Fussball!

Eine Liste mit 13'000 Männernamen aus Argentinien sorgt für Wirbel an der diesjährigen Fussball-WM der Männer. Es handelt sich um Väter, die ihrer Pflicht zum Bezahlen von Alimenten nicht nachkommen. Sämtlich dieser Männer sind jetzt der US-Einwanderungsbehörde bekannt. Übermittelt hatte die Liste nicht etwa die rechte Landesregierung unter Javier Milei, sondern die Hauptstadt Buenos Aires. Damit soll verhindert werden, dass die pflichtschuldigen Väter ihr Geld für überteuerte WM-Tickets verjubeln, statt ihren Alimenten zu bezahlen.
 
Ohne Alimente kein Fussball: Das ist in Argentinien schon länger Realität. Die Fussballnation hat nämlich nicht die vorbildlichsten Väter. Sieben von zehn bezahlen gerichtlich festgelegten Alimenten nur teilweise oder gar nicht. Mehrere Gemeinden wurden deshalb erfinderisch: Seit diesem Jahr dürfen sich die verschuldeten Väter keine Tickets für Fussballspiele mehr kaufen.
 
Die vorbildlichen Massnahmen Argentiniens greifen aber noch weiter. Mit dem Programm «tribuna segura» (auf Deutsch: «sichere Tribüne») wird eine staatliche Datenbank mit Personen geführt, die Gewalttaten verübt oder verurteilt wurden. Auch die zahlungsscheuen Väter werden in diesem Programm aufgelistet und beim Ticketkauf abgewiesen.

Für Expertin Barbara Lienhard ist zudem klar:

Gleichstellung verhindert Gewalt. Und von dieser sind wir im Fussball wie auch in vielen anderen Sportarten sehr weit entfernt. Weiter beginnt Gewalt an Frauen dort, wo sexistische und frauenfeindliche Sprüche fallen. Dafür sollte es überall eine Nulltoleranz geben – auch auf den Tribünen der Fussballstadien.

Lokale feministische Netzwerke der Gastgeber-Länder Mexiko, Kanada und USA haben im Vorfeld auf die Problematik mit dem steigenden Gewaltrisiko aufmerksam gemacht.
 
Obwohl das Risiko weltweit bekannt ist, Studien vorhanden sind und unzählige Frauenrechtsorganisationen darauf aufmerksam machen, schlafen die Schweizer Behörden. Weder Kantone noch der Bund sammeln Zahlen, die häusliche Gewalt während Fussball-Turnieren bestätigen können. Dieses Nichts-tun kann tödliche Folgen haben.  

Gewalt beginnt mit Kontrolle

Häusliche Gewalt beginnt laut Lienhard in den meisten Fällen lange vor dem ersten Schlag: «Die Gewalt beginnt dort, wo Freiheiten eingeschränkt werden.» Das könne sich in Kontrolle, Beschimpfungen bis zu Drohungen äussern. Und gerade die psychische und auch finanzielle Gewalt müsse ernst genommen werden. «Besitzansprüche sollten nicht als Liebe oder Fürsorge missverstanden werden.» Für Betroffene gibt es mehrere Wege, sich Hilfe zu holen. Einerseits ist seit anfangs Mai die nationale Notrufnummer 142 aktiv. Dort können sich Betroffene von physischer, psychischer oder sexueller Gewalt melden. Auch Opferberatungsstellen oder im Notfall die Polizei helfen weiter. 
 
Nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für das Umfeld kann Gewalt in den eigenen vier Wänden eine enorme Belastung sein. Lienhard sagt dazu: «Wer von häuslicher Gewalt weiss oder ahnt, kann sich beraten lassen, wie sie die betroffene Person am besten unterstützen kann. Im Notfall lieber einmal zu viel als zu wenig die Polizei anrufen».  

Der Femizid, der Gipfel

Was bei einem sexistischen Witz beginnt, kann in einem Femizid gipfeln. Die Schweiz misst fürs vergangene Jahr einen traurigen Rekord: 27 Frauen und Mädchen wurden ermordet, weil sie Frauen sind. Zusätzlich überlebten 9 Frauen und Mädchen eine versuchte Ermordung. «Der Begriff Femizid macht deutlich: Es geht um ein gesellschaftliches Problem und nicht um Einzelfälle», so Lienhard. Umso wichtiger ist Sensibilisierung, Ressourcen und griffiges Handeln. 

Schweizer Frauenhäuser sind stark ausgelastet

Im vergangenen Jahr suchten in der Schweiz und Lichtenstein 2800 Frauen und Kinder Schutz in Frauenhäusern und dem einzigen Mädchenhaus des Landes, das in Zürich steht. Dazu sagt die Lienhard: «Diese Zahl zeigt: Frauen- und Mädchenhäuser leisten jeden Tag unverzichtbare Arbeit. Gleichzeitig bleibt die Situation angespannt.» 
 
Der Anstieg der Schutzsuchenden führt dazu, dass die insgesamt 233 Familienzimmer mit 468 Betten im letzten Jahr stark ausgelastet waren. Die Auslastungsziffer betrug durchschnittlich 81 Prozent. Zu hoch, warnt die Dachorganisation Frauenhäuser Schweiz (DAO). Die empfohlene Auslastungsgrenze liegt bei 75 Prozent. Denn Frauenhäuser müssen jederzeit kurzfristig Frauen und ihre Kinder aufnehmen können, um in akuten Gewaltsituationen sofort Schutz zu bieten. Das System ist also deutlich überlastet. Dadurch werde es immer schwieriger, im Ernstfall sofort einen sicheren Platz bereitzustellen.


Häusliche Gewalt im Kanton ZürichDiese Statistiken bringen Licht ins Dunkle

Wer ist von häuslicher Gewalt betroffen? Wer sind die Tatpersonen? Und wie wird Betroffenen geholfen? Der Kanton Zürich bringt bei diesen Fragen Licht ins Dunkel. 

Während vor zehn Jahren die Polizei täglich 13,8-mal aufgrund von familiären Differenzen oder häuslicher Gewalt ausrücken musste, lag der Wert 2025 schon bei 21,6 täglichen Polizeieinsätzen. Ebenfalls zugenommen haben in den vergangenen Jahren die Vergewaltigungen, sexuellen Übergriffe, Freiheitsberaubungen und vollendeten Tötungsdelikte.
 
Die Statistik zeigt weiter, dass Menschen aller Altersgruppen von häuslicher Gewalt betroffen sind. Zudem zeigen die Zahlen klar: Die überweigende Mehrheit der Opfer sind Frauen. Konkret wurden im vergangenen Jahr 1916 Fälle von häuslicher Gewalt registriert, 72 Prozent der Opfer waren Frauen. Wie gross die Dunkelziffer bei häuslicher Gewalt ist, lässt sich nicht schätzen.
 
Zudem sind in einigen Fällen die Opfer gleichzeitig auch Täter. Dabei zeigt sich ein klares Muster: Erwachsene Männer zwischen 18 und 39 bilden die grosse Mehrheit der erfassten Opfer, die gleichzeitig auch Täter sind.

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