Lehrstellensuche
«Das Motivationsschreiben ist am Verschwinden»

Wie informieren sich Jugendliche heute über Berufe, und was hat sich in den letzten Jahren am Bewerbungsprozess verändert? Das verrät Marianne Rust, Berufs- und Laufbahnberaterin beim BIZ Bern.

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SCHNUPPERN HILFT: Die Berufsberaterin sagt, es sei wichtig, dass Jugendliche Berufe ausprobieren könnten. (Foto: Vecteezy)

work: Frau Rust, welches sind die grössten Herausforderungen, mit denen Jugendliche zu Ihnen in die Beratung ­kommen?
Marianne Rust: Das hängt vom Alter und von der Jahreszeit ab. Zwischen Frühlings- und Sommerferien etwa, kommen Neuntklässlerinnen und Neuntklässler, die noch keine Lehrstelle gefunden haben. Die allermeisten wurden von ihren Lehrpersonen bereits für ein Brückenangebot angemeldet. Doch einige würden lieber im Sommer mit der Ausbildung beginnen, als noch ein weiteres Jahr zur Schule zu gehen. Wir versuchen dann gemeinsam herauszufinden, warum es bisher nicht geklappt hat. Sind die Bewerbungsunterlagen unvollständig? Haben sie sich Stellen ausgesucht, für die sie die schulischen Anforderungen nicht erfüllen? Die Herausforderung ist, trotz Zeitdruck eine Lehrstelle zu finden, die ihnen auch gefällt. Jüngere Schülerinnen und Schüler kommen oft zu uns, weil sie noch keinen Berufswunsch haben. Dann schauen wir mit ihnen, wo ihre Stärken und Interessen liegen und welche Berufe dazu passen könnten. Die Herausforderung hierbei ist es, sie zu ermutigen, möglichst breit zu suchen und auch in Berufe reinzuschnuppern, die sie sich im ersten Moment vielleicht nicht vorstellen können. 

Wie informieren sich Digital Natives heute über Berufe? 
Natürlich ist Social Media für Jugendliche eine wichtige Informa­tionsquelle geworden, aber nicht die einzige. Sie informieren sich über das Portal berufsberatung.ch oder über lehrberufe-live.ch. Hier berichten Lernende in kurzen interaktiven Videos aus ihrem Alltag. Auch Berufsverbände stellen ihre Berufe vor, in den letzten Jahren vermehrt auch via Instagram und Tiktok. Daneben sind Veranstaltungen wie etwa Berufsmessen oder die Berufsmeisterschaften Swiss Skills beliebte Möglichkeiten, um live vor Ort zu erfahren, was zum Beispiel eine Netzelektrikerin macht. Und nicht zuletzt sind für junge Menschen der Freundeskreis sowie die Familie immer noch wichtige Informationsquellen. 

Was hat sich in den letzten Jahren verändert, was den ­Bewerbungsprozess betrifft? 
Da gibt es grosse Unterschiede je nach Branche und Firma. Es gibt Betriebe, die den Bewerbungsprozess immer etwa gleich gestalten. Bei einigen Grossunternehmen wie zum Beispiel der Swisscom ist es heute üblich, dem eigentlichen Bewerbungsprozess ein Online-Bewerbungsvideo vorzuschalten. Die Jugendlichen bekommen drei, vier Fragen zugeschickt, die sie online beantworten müssen. Generell sind Motivationsschreiben eher am Verschwinden. Manche Unternehmen, gerade im Bereich Mediamatik, verlangen stattdessen ebenfalls ein Video, in dem sich die ­Jugendlichen vorstellen und ihre Motivation beschreiben sollen. 

Haben Sie konkrete Tipps für Jugendliche, die zum ersten Mal ein solches Video aufnehmen?
Begeisterung und Authentizität sind wichtiger als ein perfekter Auftritt. Zeige deine Motivation und erkläre, warum dich der Beruf und dieser Lehrbetrieb interessieren. Natürlich und frei zu sprechen ist besser, als einen Text ­auswendig zu lernen. Gute Rahmenbedingungen machen viel aus: Ein ruhiger Ort, ein klares Bild und ein gut hörbarer Ton hinterlassen einen professionellen Eindruck.

Marianne Rust. (Foto: zvg / Michael Meier)  

Welche Berufsfelder haben derzeit besonders viele offene Lehrstellen? 
Es gibt keine Regel ohne Ausnahme, ich kann nur von Tendenzen sprechen. Aber traditionellerweise gibt es in gewissen Bereichen der Pflege, in Berufen rund um das Thema Gebäudetechnik sowie im handwerklichen Bereich viele freie Lehrstellen. Auch im Detailhandel werden oft noch Lernende gesucht, ausser in Sportgeschäften oder im Bereich Consumer Electronics – Bereiche, die bei Jugend­lichen sehr beliebt sind.

Und wo ist der Wettbewerb ­besonders hart?
Lehrstellen für Hochbauzeichnerinnen und Hochbauzeichner sind umkämpft, und die Architekturbüros vergeben ihre Ausbildungsplätze in der Regel sehr früh. Hier sind die Schnupperlehren oft bereits Teil des Bewerbungsprozesses und werden für die Vorselektion genutzt. Diese Stellen werden erfahrungsgemäss häufig schon Anfang der neunten Klasse vergeben. Stark gefragt ist auch der Grafikberuf, hier verlangen die Lehrbetriebe meistens, dass die Bewerbenden den gestalterischen Vorkurs absolviert haben. Weitere «Traumjobs» von Jugendlichen sind KV-Stellen, Mediamatikerin, Informatiker, Interactive Media Designer und auch Fachfrau oder Fachmann Gesundheit. Diese Hitliste ist seit Jahren konstant. 

Wie reagieren Sie, wenn die Vorstellungen von Kind und Eltern zur beruflichen ­Zukunft auseinanderdriften?
Ich versuche, die jugendliche Person in den Beratungen möglichst oft zu Wort kommen zu lassen. Dann sage ich zum Beispiel: «Deine Mutter hat das und das vorgeschlagen, was denkst du darüber?» Es ist dabei wichtig, dass Eltern und Kind zu einer echten Kommunikation finden, in der sie sich gegenseitig zuhören. Oft hilft es, die Spannung, die in der Luft liegt, direkt anzusprechen. 

Gibt es etwas, das Sie Betrieben mit auf den Weg geben möchten, was den Bewerbungsprozess betrifft? 
Es gibt zwei Arten von Schnupperlehren: jene, in denen es darum geht, einen Beruf kennenzulernen, und jene, die bereits Teil des Bewerbungsprozesses sind und der Vorselektion dienen. Es wäre hilfreich, wenn mehr Betriebe Jugendlichen ermöglichen würden, zu schnuppern, ohne sich gleich bewerben zu müssen. Es ist mir bewusst, dass das aufwendig und zeitintensiv ist. Aber für Jugendliche ist es wichtig, einen Beruf ausprobieren zu können, ohne sich gleich in einer Bewerbungssituation zu befinden. Sie lernen dabei viel über sich selbst und können aus den Feedbacks wertvolle Erkenntnisse gewinnen. 

Schnupperplatz gesucht?

Wer einen Beruf kennenlernen möchte, findet auf der Website ­berufsberatung.ch Adressen von Betrieben, die angefragt werden können, ob eine Schnupperlehre gerade möglich ist. Konkrete Angebote von Unternehmen gibt es auf yousty.ch. Auf beiden Portalen finden Interessierte zudem ­hilfreiche Tipps rund um die ­Suche, die Bewerbung und das Schnupperpraktikum. Auch das persönliche Umfeld – Eltern, ­Verwandte, Nachbarn – kann mit persönlichen Beziehungen helfen, einen Platz zu organisieren. 


BIZAngebote für alle

In jedem Kanton der Schweiz gibt es eine öffentliche Berufs-, Studien und Laufbahnberatung – so schreibt es das Berufsbildungsgesetz vor. In den Berufsinformations­zentren (BIZ) können sich Jugendliche und Erwachsene über Berufe, berufsergän­zende Kurse, Weiterbildungen und Studiengänge informieren. Die BIZ bieten Infotheken mit Broschüren, Berufspor­traits und Onlineinformationen ­sowie persönliche Kurzberatungen an und arbeiten mit ­Institutionen wie Volksschulen, Berufsfachschulen, RAV und IV.

Gleiche Chancen

Dabei ­orientieren sich die BIZ an der nationalen Strategie für die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung (BSLB), die von der EDK 2021 verabschiedet wurde. Das Hauptziel: die Chancengerechtigkeit der ­Bevölkerung in Ausbildung und Erwerbsleben zu er­höhen.

«Die Dienstleistungen werden laufend an gesellschaftliche Entwicklungen und die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden angepasst. Einschneidend in den letzten Jahren waren etwa Corona, der Ukrainekrieg und KI», sagt Shirley Barnes, Leiterin des Geschäftsbereichs Berufs- und Studienwahl bei den BIZ Kanton Bern. Und weiter: «Während der Coronapandemie wurden zahlreiche Angebote digitalisiert, von denen viele bis heute ergänzend zu den persön­lichen Beratungen bestehen. Nach Beginn des Ukraine­kriegs ­wurden Informationsveranstaltungen zum Schweizer Bildungssystem ange­boten und Informationsmittel ins Ukrainische übersetzt. Im Bereich KI setzen sich die BIZ aktiv damit auseinander, wie diese die Beratungsarbeit sowie die Laufbahngestaltung von Kundinnen sinnvoll unterstützen kann.» 

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