Kolumbianische Gewerkschafter kritisieren Nestlé
Gewerkschaftsarbeit unter Lebensgefahr

Gewerkschafter leben in Kolumbien gefährlich. Doch die Gewerkschaft Sinaltrainal lässt sich nicht einschüchtern. Sie kämpft für die Arbeitsrechte und die Sicherheit der Nestlé-Mitarbeitenden. work hat mit Sinaltrainal-Chef Carlos Soto bei einem Besuch in der Schweiz gesprochen.

Beitrag vorlesen lassen.
0:00 / 8:27
IM KONFLIKT MIT NESTLÉ: Die kolumbianischen Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter von Sinaltrainal. (Foto: zvg)

Wilberto Quintero Medina (49) arbeitete während mehr als 20 Jahren für die Milchpulverfabrik von Nestlé in der kolumbianischen Stadt Valledupar. Und er war auch langjähriges Führungsmitglied der Gewerkschaft Sinaltrainal, die Arbeitnehmer in der kolumbianischen Getränke- und Lebensmittelbranche vertritt. Am Abend des 28. April 2025 trafen ihn sechs Kugeln in den Rücken, und er starb noch auf dem Weg ins Spital. Motive und Täterschaft des Mordes sind bis heute nicht geklärt. Doch für Carlos Soto, den Generalsekretär von Sinaltrainal, ist klar, dass der Mord im Zusammenhang mit den gewerkschaftlichen Aktivitäten von Medina steht. Soto sagt:

Die Ermordung von Medina erfolgte in der Woche nach einem nationalen Treffen unserer Gewerkschaft in der Stadt. 100 Gewerkschaftsmitglieder und auch der kolumbianische Arbeitsminister waren damals in Valledupar.

ZU BESUCH IN DER SCHWEIZ: Gewerkschaftssekretär Carlos Soto. (Foto: isc)

In der gleichen Woche seien auch Flugblätter mit Namen von Gewerkschaftsmitgliedern und Morddrohungen zirkuliert.

Blutige Gewerkschaftsgeschichte

Der Tod von Medina reiht sich ein in eine lange Liste von Verbrechen gegen Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter: Für sie ist Kolumbien eines der gefährlichsten Länder. Im neusten Report des Internationalen Gewerkschaftsbundes (IGB) wird neben den Todesopfern auch die systematische Nichteinhaltung der Arbeitsgesetze beklagt. Nach Angaben des kolumbianischen Arbeitsministeriums wurden zwischen 1971 und 2023 insgesamt 3323 Gewerkschaftsmitglieder ermordet, 39 von ihnen gehörten der Gewerkschaft Sinaltrainal an. Internationale Aufmerksamkeit erlangte der Fall des ehemaligen Nestlé-Arbeiters und Gewerkschaftsführers Luciano Romero. Er wurde 2005 entführt, gefoltert und ermordet, nachdem er zuvor mehrfach bedroht worden war. Der Fall führte wegen der Beteiligung von Nestlé-Managern auch zu einem juristischen Verfahren gegen Nestlé in der Schweiz. Die Klage gegen den damaligen Nestlé-Chef Peter Brabeck vor einem Zuger Gericht wurde jedoch aus formalen Gründen abgelehnt. Mit der Neuauflage der Konzernverantwortungsinitiative sollen die Haftungsregeln für Konzerne verschärft werden und damit auch Schadenersatzforderungen in der Schweiz möglich werden. 

Besuch bei Nestlé in Vevey

Carlos Soto ist in diesen Tagen als Teil der kolumbianischen Delegation an der 114. ILO-Konferenz in der Schweiz. Er nutzt die Gelegenheit, um auch den Hauptsitz von Nestlé in Vevey zu besuchen und dort die Forderungen der Gewerkschaft zu plazieren. Denn mit dem neuen Länder-CEO für Kolumbien und nach der Ankündigung des Abbaus von weltweit 16'000 Stellen habe sich der Druck auf die 2000 Nestlé-Mitarbeitenden in Kolumbien weiter erhöht. Soto sagt: «In den vier kolumbianischen Nestlé-Werken wurden in den letzten zwei Jahren 230 Personen entlassen, darunter Kollegen mit Berufskrankheiten und solche, die kurz vor der Pensionierung stehen.» Die grosse Mehrheit dieser entlassenen Personen sind auch Mitglied bei Sinaltrainal. Nestlé hat die Mitarbeitenden wegen Arbeitsunfähigkeit oder disziplinarischer Verfahren entlassen.

BESUCH IN VEVEY: Carlos Soto vor dem Nestlé-Hauptsitz. (Foto: zvg)

Doch auch die zunehmende Automatisierung der Fabriken führt zu Entlassungen. Nestlé will zur Nummer eins der kolumbianischen Lebensmittelindustrie werden und investiert deshalb in neue Maschinen, aber nicht in bessere Arbeitsbedingungen. Immer öfter kommen Mitarbeitende in temporären Arbeitsverhältnissen oder von Subunternehmen zum Einsatz. 

340 Kilometer zu Fuss für Verhandlungen

Soto sagt: «Um mit Nestlé über einen neuen Kollektivvertrag verhandeln zu können, mussten wir eine Protestkampagne starten, bei der wir 340 Kilometer zu Fuss bis nach Bogotá marschierten.» Das war 2025. Unter Mitwirkung des kolumbianischen Arbeitsministeriums und der Schweizer Botschaft konnte ein Treffen mit dem Management von Nestlé stattfinden. Doch statt einen neuen Vertrag abzuschliessen, hat Nestlé lediglich die seit über 40 Jahren bestehende Vereinbarung verlängert. Soto sagt: «Nestlé legt diese Vereinbarung willkürlich aus, missachtet viele der Abmachungen und führt die antigewerkschaftliche Politik fort.» 

PROTEST IN BOGOTA: Die Büezerinnen und Büezer ziehen durch die Strassen. (Foto: zvg)

Soto sagt, Nestlé schreibe Sinaltrainal vor, welche Personen für Gewerkschaftsarbeit freigestellt werden dürften, verweigere die Freistellung für die Teilnahme an nationalen Versammlungen und verhindere den Zugang der Gewerkschaft zu den Fabriken. Ausserdem werde die Arbeit am Sonntag zunehmend die Regel, obwohl der Sonntag nur in gegenseitigem Einverständnis und in Ausnahmefällen ein Arbeitstag sein sollte. Auch die im neuen Arbeitsgesetz festgelegte Senkung der wöchentlichen Arbeitszeit auf 42 Stunden werde ignoriert. Soto sagt:

Wir wissen nicht, was diese Kampagne hier in Europa für unsere Sicherheit in Kolumbien bedeutet, aber wenn wir uns nicht gegen die Drohungen und die Repression wehren, wird es für Nestlé-Mitarbeitende weltweit nur noch schlimmer werden.

Die Pressestelle von Nestlé schreibt auf Anfrage von work: «Wir respektieren das Recht unserer Mitarbeitenden, sich gewerkschaftlich zu organisieren und Kollektivverhandlungen zu führen. Unsere Arbeitsbeziehungen beruhen auf offenem Dialog und der Achtung der Vereinigungsfreiheit. In Kolumbien sind 100% unserer operativen Belegschaft in insgesamt 13 aktiven Gewerkschaften organisiert. Das zeigt eine starke und vielfältige Arbeitnehmervertretung. Wir pflegen einen respektvollen und konstruktiven Austausch mit allen lokalen Arbeitnehmervertretungen, einschliesslich Sinaltrainal.»

Solidarität der Unia-Industrie

Die Delegiertenversammlung des Sektors Industrie hat am 12. Juni eine Resolution verabschiedet und unterstützt damit die Kampagne von Sinaltrainal für die grundlegenden Rechte von Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern. Die Unia-Delegierten fordern Nestlé auf, für die Einhaltung der Gewerkschaftsrechte in Kolumbien zu sorgen, das Leben der Arbeiterinnen und Arbeiter bei Nestlé zu schützen und ihnen ein Leben in Würde zu ermöglichen. Bei einem Umsatz von fast 90 Milliarden Franken machte Nestlé im letzten Jahr 9 Milliarden Franken Reingewinn. Das macht auf jeden der weltweit rund 276'000 Mitarbeitenden einen Gewinn von 32'000 Franken. Dennoch will der Konzern sparen und hat deshalb die Entlassung von weltweit 16'000 Mitarbeitenden bis 2027 angekündigt.

Schreibe einen Kommentar

Bitte fülle alle mit * gekennzeichneten Felder aus.