Abschied von Bruno Cannellotto
«Das war Gewalt gegen Tausende von Menschen»

Mitten im Abstimmungskampf gegen die fremdenfeind­liche SVP-Initiative ist Bruno Cannellotto im Alter von 88 Jahren gestorben. Er war ein wichtiger Zeitzeuge des brutalen ­Saisonnierstatus. 2014 sprach er in der work-Broschüre ­«Baracken, Fremdenhass und versteckte Kinder» über seine Erfahrungen als Saisonnier. Wir publizieren das eindrückliche Gespräch hier erneut.

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ENGAGIERTER GEWERKSCHAFTER: Bruno Cannellotto setzte sich bis zu seinem Tod für eine offene und solidarische Schweiz ein. (Foto: Peter Mosimann)

work: Wie sind Sie als Saisonnier in die Schweiz gekommen?
Bruno Cannellotto: Das war 1957. Ich war 18jährig. Eigentlich wollte ich die Kunstschule machen. Als mein Vater starb, starb mit ihm auch dieser Traum. Ich musste arbeiten, um meine Familie zu ernähren. Bei uns im Dorf in der Nähe von Triest im Friaul gab es nur Bauern und Maurer. Wer kein Land hatte, wurde Maurer. So bin ich auf dem Bau gelandet. Den Job zu erhalten war kein Problem. Die Grenzkontrolle war eine andere Geschichte. Das war Gewalt gegen Tausende von Menschen.

Gewalt?
Die Grenzpolizei hat uns eine Nacht lang am Bahnhof von Chiasso festgehalten. Und am Morgen mussten wir alle durch eine medizinische Musterung. Das war reine Schikane. Dann, in der Firma, haben unsere Chefs die Saisonbewilligung und den Reisepass konfisziert und an die Gemeinde geschickt.

Sie haben Ihnen alle Papiere abgenommen? War das legal?
Nein, das war es eigentlich nicht. Sie haben es trotzdem getan. Unsere Pässe haben wir erst zurückerhalten, nachdem wir Ende Saison auf der Gemeindeverwaltung unsere Steuern bezahlt hatten. Besonders schlimm, wenn während der Saison zu Hause eine Mutter oder ein Kind starb. Der Saisonnier musste sofort abreisen, damit er rechtzeitig zur Beerdigung kam. Wenn dann die Gemeindeverwaltung geschlossen hatte… Viele gingen das Risiko ein und fuhren ohne Pass über die Grenze. Im Alltag hiess es «schaffe, schaffe, schaffe». Auch am Samstag, fünfzig Stunden in der Woche auf der Baustelle. Ausserdem unbezahlte Überstunden am Sonntag.

Wie lange dauerte eine Saison?
Die Saison fing am 1. März an und ging bis Ende November. Nach diesen neun Monaten blieben dir zwei, maximal drei Tage, um auszureisen.

Wussten Sie zu dem Zeitpunkt, ob Sie im folgenden Jahr wieder kommen können?
Nein, wir hatten immer alles eingepackt, als wir abreisten. Erst etwa drei Wochen vor der nächsten Saison hast du den neuen Vertrag bekommen. Und wenn nicht… Diese Unsicherheit war belastend. Und sie gab den Chefs eine totale Kontrolle über die Saisonniers. Darum wehrte sich keiner gegen die tiefen Löhne, die unbezahlten Überstunden und die harten Lebensbedingungen. Erst mit einer Jahresauf­enthaltsbewilligung bekamst du ein ­wenig Sicherheit.

Wie kamen Sie an eine Jahres­aufenthaltsbewilligung?
Nach 45 Monaten als Saisonnier in der Schweiz konnte man sie beantragen. Also nach fünf Jahren.

Sie selbst haben die Bewilligung aber erst nach neun Jahren ­erhalten. Weshalb?
Die Bewilligung bekamst du erst, wenn du alle Saisons komplett hattest. Fehlte in einer Saison nur ein einziger Tag, musstest du wieder bei null anfangen. Davon wusste ich nichts. Wegen einer dreimonatigen Weiterbildung in Italien bin ich im vierten Jahr ein paar Tage zu spät in die Schweiz eingereist.

Eine harte Strafe für ein kleines Missgeschick.
Ja, bei mir war es tatsächlich ein ­Missgeschick. Aber bei vielen anderen haben die Chefs das ausgenutzt: Wenn der ­Luigi, der Antonio oder der José gute Arbeiter waren, haben sie alles getan, damit die Betreffenden keine Aufenthaltsbewilligung bekamen. Denn mit der Bewilligung ­hattest du die Freiheit, woanders arbeiten zu gehen. Zum Beispiel einen Job in der Fabrik zu suchen. Darum haben die Chefs die neuen Verträge jeweils so kurzfristig geschickt. Oder die Leute kurz vor Ende der Saison entlassen.

Wie hat man damals auf ­Schweizer Baustellen gearbeitet?
Wir haben Material benutzt, das in Italien längst als veraltet galt. Die Buden haben nie in Maschinen investiert. Denn die ausländischen Arbeitskräfte waren so billig… Viele Zehntausend Arbeiter haben sie in die Schweiz geholt. Alleine aus meinem Dorf mit 2000 Einwohnern arbeiteten 150 Leute in der Schweiz.

Und all die Saisonniers kamen immer auf Anfang Saison in die Schweiz?
Ja, 130 000 Italienerinnen und Italiener mussten in wenigen Tagen einreisen. Das war alles perfekt von A bis Z durchorganisiert. Nur für die Menschen, die kamen, war nichts vorgesehen.

Es gab Baracken?
Ja, sie haben schnell, schnell Baracken aufgestellt. Vier Leute in einem Zimmer, viel zu wenige Duschen und WC. Die Firmen bauten ihre Baracken am Stadtrand, damit die Arbeiter die Leute in der Stadt nicht störten. Und weil sie dort weniger bezahlen mussten für den Boden. In Zürich stand ein grosses Barackendorf am Leutschenbach, in der Nähe der heutigen Fernsehstudios. Die Arbeiter mussten jeden Morgen zwei Kilometer gehen, bis sie an die erste Tramhaltestelle beim Bahnhof Oerlikon kamen.

Und ganze Familien lebten in diesen Baracken?
Nein, nur die Bauarbeiter. Die Saisonniers durften ihre Familien nicht mitnehmen. Ehefrauen konnten sich als Ledige ausgeben und unter ihrem Mädchennamen einreisen, wenn sie eine eigene Saisonnierstelle hatten.

Was passierte mit den Kindern?
Wer die Kinder nicht bei den Grosseltern lassen konnte, parkierte sie in religiösen Internaten oder Klöstern in der Nähe der Grenze. Zum Beispiel in Varese. Die Nonnen dort haben in jenen Jahren ein gutes Geschäft gemacht. Andere mussten ihre Kinder mitnehmen und versteckten sie hier. Es gab Kinder, die jahrelang die Wohnung nicht verlassen konnten. Die nie in die Schule gehen durften. Nie die Sonne sahen.

«Gastarbeiterinnen» nannte man sie in der Schweiz.
Es war nicht erwünscht, dass wir ein Teil der Gesellschaft wurden. In der Arbeitswelt schon. Dort konnten wir uns integrieren. Ausserhalb nicht. Viele aus meiner Generation können alles, was es auf dem Bau gibt, perfekt auf deutsch benennen. Aber in der Apotheke oder wenn sie ihre Kinder in die Schule begleiten mussten, fehlten ihnen die Worte.

1963 hat die Schweiz Kontingente für Ausländer eingeführt. Was war die Wirkung?
Die Kontingentierung hat nichts gebracht. Als Gewerkschaftssekretär sass ich in den 1970er Jahren in der zuständigen Aufteilungskommission. Wir waren zwei Gewerkschafter und zwei Unternehmer. Wir teilten den Baufirmen die Bewilligungen zu. Die Firmen haben immer das Maximum verlangt. Hatte eine Firma zu wenig Arbeiter, stellte sie einfach über eine andere Firma, die ihr Kontingent noch nicht ausgeschöpft hatte, Leute ein. Wir in der Kommission hatten keine Mittel, das zu kontrollieren oder zu verhindern.

Die Broschüre

Auf 48 Seiten ­dokumentiert und ­analysiert work die Zeit des ­Saisonnier­statuts und seine ­Folgen für die Zuwanderungs­politik der Schweiz. Hier ­herunterladen: rebrand.ly/baracken

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