Studie zur Macht der Arbeitgeberverbände
Die Schweizer Bosse neu vermessen

Ex-Unia-Co-Präsident Andreas Rieger hat seine Untersuchung der Arbeitergeber- und Wirtschaftsverbände aktualisiert. Das Resultat: Die Verbände sind nicht machtloser geworden, aber die Macht hat sich verschoben. Und zwar zum Teil massiv.

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SPEICHELLECKER IM OVAL OFFICE: Top-Unternehmer aus der Schweiz schleimen sich bei Donald Trump ein. (Foto: Keystone; Quelle: MSC, Rolex, Partners Group, Mercuria, Richemont, MKS Pamp)

Wenn die grösste List des Teufels darin besteht, die Welt davon zu überzeugen, er existiere nicht, so ist es eine grosse List des organisierten Kapitals, so zu tun, als schwächle es. Der vermeintliche schwindende Einfluss der Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände in der Schweiz ist immer mal wieder Thema in den bürgerlichen Zeitungen und Anlass für leichte Häme unter fortschrittlichen Politikerinnen und Gewerkschaftern. Nicht zu letzteren gehört Andreas Rieger. Der ehemalige Unia-Co-Präsident hat seine Untersuchung der Arbeitgeberverbände nach fünf Jahren aktualisiert. 

Oval Office als Brennglas

Im Sommer 2025 verhängten die USA gegenüber der Schweiz Zölle von 39 Prozent. Wirtschaftsminister Guy Parmelin flog daraufhin Anfang August nach Washington – mit dem, was er «Team Switzerland» nannte: Vertreter von Partners Group, Roche, Mercuria und der Swiss. Economiesuisse blieb zu Hause. Swissmem auch. 

Am 5. November 2025 empfing Donald Trump fünf Schweizer Unternehmer persönlich im Oval Office: Jean-Frédéric Dufour von Rolex, Alfred Gantner von Partners Group, Daniel Jaeggi von Mercuria, Johann Rupert von Richemont und Marwan Shakarchi von MKS. Kein Verbandspräsident war darunter. Gewerkschaftsvertreter waren erst recht nicht erwünscht. Die Männer machten Deals. Was sie versprochen haben, muss die Politik auslöffeln. 

Die Szene könnte als Beleg dafür herhalten, dass die Ära der Verbände vorbei ist. Rieger sieht das anders. Warum, erklärt er analytisch präzise.

Nicht Erosion, sondern Umbau

Die Grundthese des aktualisierten Working-Papers lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Die Arbeitgeberverbände sind nicht erodiert, aber die Macht hat sich verschoben. Rieger belegt das mit Zahlen. Der Organisationsgrad liegt nach aktuellsten verfügbaren OECD-Zahlen bei rund 60 Prozent, gemessen an den Beschäftigten in Mitgliedsfirmen. Das ist gegenüber 1980 ein leichtes Wachstum. Von Erosion keine Spur.

Doch dieses stabile Gesamtbild verdeckt erhebliche Verschiebungen. Die Metall-, Elektro- und Maschinenindustrie, jahrzehntelang das Gravitationszentrum der Schweizer Arbeitgeberverbände, hat an Einfluss und Deutungskraft verloren. Swissmem zählt heute rund 120'000 Beschäftigte in Mitgliedsfirmen – mit einem Organisationsgrad von 40 Prozent und noch 95'000 GAV-Unterstellten, halb so vielen wie 1980. Im «Team Switzerland», das im August 2025 nach Washington reiste, war Swissmem nicht vertreten. Rieger: Das wäre früher «ein Ding der Unmöglichkeit» gewesen.

An die Stelle von Swissmem sind andere getreten. Die Pharmaindustrie dominiert die Economiesuisse zunehmend. Die Uhrenbranche verzeichnet als eine der wenigen Industriezweige wachsende Beschäftigung. Der Rohstoffhandel trägt 2 bis 3 Prozent zum BIP bei, obwohl er in der Schweiz gerade mal 10'000 Personen beschäftigt. Also: Es gibt nicht weniger Verbände, sondern andere Verbände mit anderen Gewichten in anderen Arenen. 

«Zentralkomitee» unter Druck

Den eindrücklichsten Befund liefert Rieger zu Economiesuisse. Einst galt deren Vorläuferorganisation als «Zentralkomitee des Kapitals», weil es die verschiedenen Kapitalinteressen bündelte und mit einer Stimme sprach. Heute ist die Organisation kaum mehr wiederzuerkennen. Die Verlustliste der Arbeitgeberverbände der letzten Jahre ist lang: Abzockerinitiative 2013, Masseneinwanderungsinitiative 2014, Unternehmenssteuerreform III 2017, 13. AHV-Rente 2024, BVG-Reform 2024. Fünf kapitale Abstimmungsniederlagen in elf Jahren.

KRITISCH: Andreas Rieger. (Foto: Unia)

Rieger wertet das nicht primär als Personal-, sondern als Strukturproblem. Die Interessengegensätze im Kapitallager haben sich verschärft: Binnenwirtschaft gegen Weltmarkt, Werkplatz gegen Finanzplatz, KMU gegen Multis. Was früher im Vorstand ausdiskutiert und einheitlich vertreten wurde, bricht heute offen auf. Besonders augenscheinlich in der Frage, wie das Verhältnis mit Europa künftig gestaltet werden soll.

Das Bild des Zentralkomitees, das «wie ein Mann» abstimmt, sei Geschichte. Aber – und das ist Riegers wichtige Einschränkung – daraus folge keinesfalls, dass Economiesuisse bedeutungslos geworden sei. In der Branchenregulierung, in parlamentarischen Kommissionen, in der Berufsbildung: überall dort, wo Verbände jenseits der grossen Volksabstimmungen operieren, bleiben sie wirksam. 

Mächtiger Rohstoffhandel

Eines der aufschlussreichsten Kapitel der aktualisierten Fassung ist das neue Unterkapitel zum Rohstoffhandel, einem Bereich, der in der Erstfassung von 2021 noch kaum vorkam. Suissenégoce vereint über 200 Mitgliedsfirmen, darunter Cargill, Vitol, Gunvor, Trafigura und Louis Dreyfus. Nicht im Verband ist Glencore, sie trat 2024 Economiesuisse bei. Nicht mehr dabei ist auch Mercuria, die Firma von Daniel Jaeggi: jenem Rohstoffhändler, der gleichwohl im August 2025 im «Team Switzerland» von Parmelin sass und am 5. November persönlich Trump die Aufwartung machte. Was diese Branche politisch umtreibt, ist ganz einfach: Regulierungen und Steuern beziehungsweise ihre Vermeidung. Als die USA der Schweiz Zölle von 39 Prozent aufbrummten, forderte Suissenégoce sofort ein Moratorium bei der OECD-Mindeststeuer und allgemeine Steuersenkungen. 

Der «Gewerkschafts-Faktor»

Rieger macht in seiner Analyse unmissverständlich klar: Die Rückkehr des Schweizerischen Arbeitgeberverbands (SAV) zur pragmatischen Sozialpartnerschaft war kein Akt plötzlicher Einsicht, sondern das Resultat eines harten politischen Machtkampfs. Die Ära unter Valentin Vogt (2013–2018) markierte den Versuch, die Gewerkschaften durch eine punktuelle Allianz mit der SVP ins Abseits zu drängen und einen harten, rechtsbürgerlichen Kurs ohne Konzessionen durchzuziehen. 

Dass dieser Kurs scheiterte, lag laut Rieger primär an der «erneuten politischen Erstarkung der Gewerkschaften». Mit ihrer wiedergewonnenen Referendumsmacht zwangen sie die Arbeitgeber zurück an den Verhandlungstisch. Für die Verbände wurde offensichtlich: In der direkten Konfrontation an der Urne fehlen ihnen oft die gesellschaftlichen Mehrheiten. Die Sozialpartnerschaft erweist sich damit weniger als romantisches Ideal, sondern als pragmatisches Krisenmanagement, das erst dann wieder floriert, wenn das Drohpotential der Gewerkschaften gross genug ist. 

Stark, wo man sie nicht sieht

Die Verbände sind stark, wo man sie weniger sieht: in der Branchenregulierung, in Parlamentskommissionen, in der dualen Berufsbildung, in der Verwaltung von AHV-Ausgleichskassen und Pensionskassen. Schwächer ist die Verbandsmacht dort, wo sie sichtbar wird: bei grossen Volksabstimmungen. Und noch deutlicher in der globalen Arena. Economiesuisse unterhält in Brüssel lediglich 2 Vollzeitstellen bei einem Budget zwischen 100'000 und 200'000 Euro. Im Gegensatz dazu betreiben Schweizer Konzerne dort Lobbying in Millionenhöhe: Novartis und Roche investieren in Brüssel je 2,2 Millionen Euro, Nestlé 1,5 Millionen Euro. 

Noch massiver ist der finanzielle Einsatz in Washington: Dort gibt Roche unterdessen 11,4 Millionen Dollar, Novartis 7,7 Millionen und Zurich Insurance 4,3 Millionen Dollar aus. Das Schweizer Budget in den USA ist laut Rieger auf einem «Allzeitrekord», da die Privatwirtschaft realisiert hat, dass sie sich nicht mehr allein auf die Diplomatie des Bundesrats verlassen kann. 

Im Dunkeln munkeln

Rieger kritisiert jedoch nicht in erster Linie, dass die Verbände tun, was sie aus ihrer Optik tun müssen. Seine schärfste Kritik am Ende seiner Analyse richtet sich gegen die «fast lächerliche» Transparenz in der Schweiz im Vergleich zur EU. Da ein systematisches «Lobby-Watching» hierzulande fast nicht existiere, werde die reale Macht der Grossunternehmen meist unterschätzt. Während die Verbandspositionen öffentlich bekannt sind, bleibt das, was Grossunternehmen direkt in Bern, Brüssel oder Washington treiben, weitgehend im Dunkeln. Das ist ein Problem für alle, die Gegengewichte zu dieser Macht organisieren wollen. Die Studie von Andreas Rieger trägt zur Lösung dieses Problems bei. Sie kann über diesen Link heruntergeladen werden.

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