Sanitärinstallateur Carlos da Silva ist Sohn eines Saisonniers
«Wenn Vater abreiste,kehrte die Leere zurück»

Die Kindheit von Sanitärinstallateur Carlos da Silva (48) war geprägt vom Warten auf den Vater. Dieser war von Portugal in die Schweiz gezogen, um hier als Maurer zu arbeiten. Doch das damals gel­tende ­Saisonnierstatut verwehrte ausländischen Arbeitskräften grundlegende Rechte, darunter auch den ­Familiennachzug. In diesen Wochen engagiert sich da Silva im Abstimmungskampf gegen die SVP­Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!», die das Land in die düsteren Zeiten dieses Statuts zurück­werfen würde, das Missbrauch und Diskriminierung förderte und Familien auseinanderriss.

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GEPRÄGT: Büezer Carlos da Silva kämpft gegen die SVP-Initiative, weil er nicht will, dass sich seine eigene Geschichte wiederholt. (Foto: ZVG)

«Ich wünsche mir, dass kein Mädchen und kein Junge jemals wieder in der ständigen Erwartung leben muss, den Vater oder die Mutter wiederzusehen, nur wegen eines Gesetzes, das Familien daran hindert, zusammenzuleben. Und allein der Gedanke, dass man zu einer solchen Situation zurückkehren könnte, macht mir Angst, weil er mich zurück in eine Vergangenheit versetzt, die ich selbst erlebt habe und die mich tief geprägt hat.

Mein Vater wanderte von Portugal in die Schweiz aus, um eine bessere Zukunft zu suchen – auch für uns Kinder. Ich war damals zwei Jahre alt. Wir waren eine fünfköpfige Familie: mein Vater, meine Mutter, meine Schwester, mein Bruder und ich. Aber als Saisonnier durfte uns mein Vater nicht mitnehmen. In der Schweiz durfte er eigentlich nur arbeiten. Der Kontakt zu uns beschränkte sich auf ­gelegentliche Telefonate und einige Briefe.

Welt des Wartens

Anfangs nahm man die Distanz fast als selbstverständlich hin, weil man in eine Routine hineinwächst, in der es beinahe normal erscheint, den Vater nicht bei sich zu haben. Doch je älter man wird, desto mehr lebt man in einer Welt des Wartens: das Warten auf den August, wenn Papa für 15 Tage Ferien nach Portugal zurückkehrte; dann das Warten auf Dezember, also auf das Ende der Arbeits­saison in der Schweiz, wenn er für drei Monate nach Hause kam. Danach wieder Warten auf August und Dezember – und so weiter.

Und irgendwann merkt man, wie viel man verloren hat und wie viele Momente einem genommen wurden, die man mit dem Vater hätte erleben können. Selbst die einfachsten Dinge, wie eine Hundehütte zu bauen oder den Vatertag oder Geburtstage zu feiern, wie es andere Kinder taten. Mein Bruder, meine Schwester und ich lebten stattdessen in der ständigen Erwartung eines Briefs oder eines Anrufs von ihm.

Dann gab es diese Wochen unermesslicher Freude, wenn seine Rückkehr nach Portugal näherrückte. Doch sobald er wieder abreiste, kehrte die Leere ins Haus zurück. Wenn ich meiner Mutter in die Augen sah, merkte ich, wie sehr auch sie darunter litt, allein mit drei Kindern zurückzubleiben. Auch wenn sie stark blieb.

Nur ein Traum

Die SVP-Initiative wirft mich zurück in diese schlimme Vergangenheit, die mich tief geprägt hat. Vor allem auch deshalb, weil mein Vater vor etwa anderthalb Jahren gestorben ist. Ich habe in meinem ganzen Leben höchstens zehn Jahre mit ihm unter einem Dach gelebt. In meiner Kindheit war die Vaterfigur nur ein Traum, den ich in den Ferien erleben durfte.

Erst Anfang der 1990er Jahre, als ich 13 Jahre alt war, durften wir zu ihm in die Schweiz ziehen, weil er die Jahresaufenthaltsbewilligung und damit das Recht auf Fami­liennachzug erhalten hatte.

Doch nach etwa zehn Jahren wiedergewonnener Normalität zerbrach dieses Gleichgewicht erneut: Mein Vater musste seinen Beruf als Maurer wegen einer Zementallergie aufgeben. Just in dem Moment, als ich meine Lehre abschloss, befanden wir uns in einer gleichen und doch umgekehrten Situation: Ich war zu jung, um Arbeit zu finden, und er, mit etwa 40 Jahren, galt als zu alt.

Er arbeitete dann als Taxifahrer, und ich schaffte den Einstieg in die Arbeitswelt. Und trat in die Gewerkschaft ein (damals noch die GBI), bei der mein Vater seit jeher Mitglied gewesen war und bei der er mich selbst zu meinem 18. Geburtstag anmeldete.

Er war jemand, der Ungerechtigkeiten nicht ertragen konnte und immer versuchte, schwächeren oder in Schwierigkeiten geratenen Menschen zu helfen. Uns Kindern hat er immer beigebracht, dasselbe zu tun.

Verstecken

Das Gespenst einer Rückkehr zum Saison­nierstatut, das diese Initiative mit sich bringen würde, treibt mich an, mich im Abstimmungskampf zu engagieren. Ich wünsche mir, dass nie wieder ein Kind ohne Vater oder ohne Mutter aufwachsen muss. Es erscheint mir als Pflicht gegenüber all dem, was wir Kinder von Saison­niers erlebt haben. Es ist grundlegend, zu erzählen und bekanntzumachen, was dieses Statut bedeutete. Ich spreche auch mit meinen jüngeren Arbeitskollegen, die zum Beispiel die Geschichte der Kinder von Saisonniers nicht kennen: Kinder, die wegen des Verbots des Fami­liennachzugs gezwungen waren, illegal in der Schweiz zu leben, versteckt in Schränken oder ­Kellern und zu absolutem Schweigen gezwungen, um nicht ausgewiesen zu werden. Ich bin Vater von zwei ­wunderbaren Töchtern im Alter von 16 und 18 Jahren. Ich engagiere mich auch für sie. Deshalb habe ich sie ­kürzlich an die von der Unia in Bern organisierte Migrationskonferenz ­mitgenommen. Dort konnten sie meine Geschichte und die anderer Kinder von Saisonniers hören. Denn auch wenn sie die Töchter einer Schweizerin und eines schweizerisch-portugiesischen Vaters sind, ist es richtig, dass sie auch diesen Teil ihrer Wurzeln kennen.»

Jetzt unterzeichnen: Saisonnier-Kinder sagen Nein zur SVP-Initiative


Zwischen 1931 und 2002 wurden Arbeitskräfte aus dem Ausland als sogenannte Saisonniers in die Schweiz geholt. Sie waren gezwungen, ihre Kinder zu verlassen. Viele der Kinder wuchsen bei ihren Grosseltern oder in Heimen auf.

Heute droht eine Rückkehr in genau diese Zeit. Unter dem Deckmantel der Initiative «Keine 10-­Millionen-Schweiz!» will die SVP zentrale Rechte von Arbeitskräften abbauen – und will dabei skandalöserweise die Rückkehr des Saisonnierstatuts mit rechtlosen Arbeiterinnen und Arbeitern. Kinder von Saisonniers wissen aus eigener Erfahrung, welche Wunden das alte Saisonnierstatut hinterlassen hat. Und sagen deshalb entschieden:

  • Nein zur Rückkehr eines Saisonnierstatuts mit Arbeiterinnen und Arbeitern ohne Rechte
  • Nein dazu, dass die Kinder über Monate von ihren Eltern getrennt werden
  • Nein zur extremen SVP-Initiative am 14. Juni

Kinder von Saisonniers sind aufgerufen, den ­Appell hier zu unterschreiben.

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