Merz und Co. wollen längere Arbeitszeiten
Arbeiten wie in der Schweiz? Eine ungesunde Idee!

Deutsche Arbeitgeber wollen so lange arbeiten lassen wie ihre Schweizer Kollegen. Das ist eine ganz schlechte Idee für die Lohnabhängigen, wie eine Analyse der Böckler-Stiftung zeigt, an der Unia-Ökonomin Noémie Zurlinden mitgearbeitet hat.

Beitrag vorlesen lassen.
0:00 / 9:09
FÜR IHN SIND SOWIESO DIE BÜEZERINNEN UND BÜEZER SCHULD: Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz. (Foto: Keystone)

Deutschland diskutiert, wer schuld sei an der lahmenden Wirtschaftslage. Die Antwort der Regierung steht fest: Es sind die Arbeitenden selbst. Bundeskanzler Friedrich Merz sagte beim CDU-Wirtschaftstag im Mai 2025: «Wir müssen in diesem Land wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten. Mit Viertagewoche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können.» SPD-Arbeitsministerin Bärbel Bas kündigte folgsam für nächsten Monat einen Gesetzentwurf an, der die tägliche Höchstarbeitszeit durch eine wöchentliche Grenze ersetzen soll. Tönt nach einer Kleinigkeit, hat aber grosse Konsequenzen: Arbeitstage von bis zu 13 Stunden. Wer sich dagegen wehrt, kann abgemahnt und entlassen werden. Arbeitgeberverbände sind begeistert.

Übles SPD-Erbe

Dass die SPD mitspielt, ist weniger überraschend, als es scheinen mag. Ihr Kanzler Gerhard Schröder rühmte sich schon 2005 in Davos vor dem Weltwirtschaftsforum: «Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, die es in Europa gibt.» Als der «Genosse der Bosse» 1998 Kanzler wurde, kam die SPD auf 40,9 Prozent der Stimmen. 2025 waren es noch 16,4 Prozent.

Und dann ist da noch Winfried Kretschmann, abtretender Grünen-Ministerpräsident Baden-Württembergs. Dem «Blick» sagte er unlängst: «Wir müssen wieder mehr zupacken. Die Schweizer arbeiten 200 Stunden mehr pro Jahr als die Deutschen. Die Schweizer haben trotzdem auch Urlaub und Freizeit. Es fällt einem zwar schwer, etwas aufzugeben. Aber jetzt muss ein Ruck durch Deutschland gehen.»

Wenn Stundenzahlen täuschen

Der Blick auf geleistete Arbeitsstunden täuscht. Er erfasst, was gezählt und entlöhnt wird. Was er ausblendet: die Arbeit, die erst ermöglicht, dass jemand morgens arbeitsfähig zur Stelle erscheint. Kochen, Kinder betreuen, Angehörige pflegen, den Haushalt führen. Ökonominnen und Ökonomen nennen das Reproduktions- oder Care-Arbeit. Sie ist gesellschaftlich notwendig, selten bezahlt, fehlt im Bruttoinlandprodukt (BIP) – und sie wird überwiegend von Frauen geleistet.

Das zeigen die neusten Zahlen des Bundesamts für Statistik. Frauen leisteten 2024 in der Schweiz im Schnitt 34,9 Stunden unbezahlte Arbeit pro Woche. Männer kamen auf 22,8 Stunden. Gleichzeitig arbeiteten Männer deutlich mehr bezahlt: 31,5 Stunden pro Woche gegenüber 22,2 Stunden bei den Frauen. Rechnet man beides zusammen, arbeiten Frauen insgesamt mehr: 57,2 Stunden pro Woche, Männer 54,3. In Deutschland beläuft sich die Wochenarbeitszeit – bezahlte und unbezahlte zusammengerechnet – bei Frauen auf 54 Stunden, bei Männern auf 53 Stunden. Auch wenn die Datengrundlagen nicht vollständig vergleichbar sind: In beiden Ländern arbeiten Frauen insgesamt mehr als Männer und in der Schweiz noch mehr als in Deutschland.

Vollzeit erzeugt Teilzeit

Doch wovon reden deutsche Politiker und Arbeitgeber eigentlich, wenn sie die Schweiz als Vorbild präsentieren? Für das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung haben Bettina Kohlrausch und Noémie Zurlinden sich dieser Frage angenommen. Soziologin Kohlrausch ist wissenschaftliche Direktorin des WSI, Zurlinden kennt als Unia-Ökonomin die Schweizer Situation bestens. Vergangenen Monat erschien ihre gemeinsame Analyse unter dem sprechenden Titel «Arbeitszeitflexibilisierung und lange Erwerbsarbeitszeiten: Warum die Schweiz kein Vorbild ist» (hier herunterladen). Die deutschen Medien straften sie grossmehrheitlich mit Nichtbeachtung. Dabei ist sie eine lohnende Lektüre. Auch in der Schweiz.

HÄTTE DA EINE SPANNENDE LEKTÜRE FÜR DIE DEUTSCHEN ARBEITGEBER: Unia-Ökonomin Noémie Zurlinden. (Foto: zvg)

Die Vollzeitstelle dauert in der Schweiz im Schnitt 41,7 Stunden pro Woche – mehr als in Deutschland und anderen EU-Staaten. Das Ergebnis ist paradox: Je länger die Vollzeitnorm, desto mehr Teilzeit. 2024 arbeiteten 58 Prozent der Schweizer Frauen in Teilzeit, in Deutschland waren es 49 Prozent. Bei den Männern: 21 Prozent in der Schweiz, 12 Prozent in Deutschland. Kohlrausch und Zurlinden bringen es so auf den Punkt: «Eine hohe Vollzeitnorm führt zu einem hohen Anteil von Teilzeitbeschäftigten.» Der Grund ist nicht Bequemlichkeit, sondern Arbeitsteilung. Frauen tragen den grösseren Teil der unbezahlten Sorgearbeit. Je länger die Vollzeitnorm, desto grösser der Druck, in Teilzeit auszuweichen. Frauen arbeiten nicht weniger. Sie arbeiten weniger bezahlt.

Keine Ruhe

Die langen Arbeitszeiten sind an der Entgrenzung ablesbar. 29 Prozent der Schweizer Beschäftigten arbeiten mehrmals pro Monat in ihrer Freizeit, um Arbeitsanforderungen zu erfüllen, in Deutschland sind es 19 Prozent. In der Schweiz leisten 15 Prozent der Beschäftigten 48 oder mehr Stunden pro Woche, in Deutschland sind es 7 Prozent. 25 Prozent hatten in der Schweiz mindestens einmal pro Monat weniger als 11 Stunden Ruhezeit zwischen zwei Arbeitstagen; in Deutschland sind es 17 Prozent.

Kretschmanns 200 Stunden Mehrarbeit – das Institut der deutschen Wirtschaft beziffert den Unterschied übrigens auf 188 – sind in der Schweiz nicht einfach mehr Einkommen. Sie sind weniger Schlaf, weniger Erholung, weniger Zeit für alles, was nicht Erwerbsarbeit ist.

Kranker, erschöpfter, unproduktiver

Der Schweizer Job-Stress-Index zeigt die Folgen. Der Anteil gestresster Erwerbstätiger stieg von 24,8 Prozent im Jahr 2014 auf 28,2 Prozent im Jahr 2022. Die emotionale Erschöpfung nahm im gleichen Zeitraum von 24 auf über 30 Prozent zu. Krankheitsbedingte Absenzen stiegen von 227 auf 329 Millionen Arbeitsstunden. Die Rechnung: Arbeitsbezogener Stress kostete die Schweizer Wirtschaft 2022 rund 6,5 Milliarden Franken. Unzählige Studien belegen, dass die Produktivität ab einer gewissen Arbeitslast sinkt. Konkret: mehr Fehler, längere Ausführungszeiten, und zwar nicht nur bei körperlicher Arbeit, sondern auch bei Bürotätigkeiten. Die Gleichung «längere Arbeitszeit, mehr Leistung» ist eine politische Behauptung.

Eine Warnung, kein Vorbild

Während die deutschen Arbeitgeber die Schweiz als Vorbild rühmen, wollen die Schweizer Arbeitgeber noch mehr. Im September 2025 beschloss der Nationalrat, die tägliche Arbeitsspanne von 14 auf 17 Stunden auszudehnen, die Mindestruhezeit von 11 auf 9 Stunden zu kürzen und bewilligungsfreie Sonntagsarbeit an bis zu 9 Tagen pro Jahr zu ermöglichen. Ende April nahm der Nationalrat eine Motion an, die Beschäftigte mit einem Jahreslohn über 120'000 Franken von sämtlichen Arbeits- und Ruhezeitregeln ausnehmen will. Davon wären rund ein Viertel der Arbeitnehmenden betroffen. «Flexibilisierung» heisst das Schlagwort, «bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie» das Versprechen. Die Schweiz ist kein Vorbild für Deutschland. Sie ist eine Warnung. Das ist das Fazit von Kohlrausch und Zurlinden. Der Ansatz, Arbeitszeiten auszudehnen, «geht in die falsche Richtung». Das gilt für Deutschland. Und das gilt für die Schweiz.

Schreibe einen Kommentar

Bitte fülle alle mit * gekennzeichneten Felder aus.