Neuer Bildungsbericht: Die Lehre steht unter Druck
«Lehre ist für viele Junge kein Erfolgsmodell mehr»

Wie geht es dem ­Schweizer Bildungssystem? ­Diesem Thema nimmt sich der jährlich erscheinende Bildungsbericht vom Bund an. Erfreulich: Die Berufs­lehre ist und bleibt ein ­beliebter Weg. Doch Schwachstellen fallen ­immer mehr auf. Unia­Jugendsekretärin Félicia Fasel ordnet für work ein.

Beitrag vorlesen lassen.
0:00 / 7:49
BESORGT: Unia-Frau Félicia Fasel sagt, was im System falsch läuft. (Foto: ZVG)

work: Félicia Fasel, was sind die dringendsten Baustellen beim Thema Berufsbildung?
Félicia Fasel: Die Berufsbildung in der Schweiz steht heute unter Druck. Fast ein Viertel von den Lernenden bricht die Lehre ab, und rund 20 Prozent verlassen das Bildungssystem ganz. Das ist kein Randphänomen, sondern ein systemisches Problem. Die Qualität der Ausbildung in den Betrieben ist sehr unterschiedlich. Einige Betriebe bilden sehr gut aus, andere deutlich we­niger – und die ­Lernenden tragen die Konsequenzen. Gleichzeitig erzielen die Unternehmen einen erheblichen Nettonutzen aus der Berufsbildung, was zeigt, dass sie stärker in gute Ausbildungsbedingungen investieren könnten.

Wie können Betriebe konkret in eine bessere Ausbildung ­investieren?
Mehr Ferien, mehr unabhängige Kontrollen sowie qualitativ gute Betreuung in allen Betrieben. Auch die Berufsbildnerinnen und Berufsbildner müssen besser unterstützt werden: Sie stehen heute zwischen Produktion und Aus­bildung, oft ohne ausreichende Zeit oder Ressourcen. Ohne Entlastung und ohne ausreichende Weiterbildung ist eine gute Betreuung kaum möglich.

Unsere Bevölkerung wird immer älter, die Babyboomer werden pensioniert, zum ersten Mal messen wir demographisch mehr Alte als Junge in der Schweiz. Warum erwartet der Bund bis 2033 dennoch ­16 Prozent mehr Lernende?
Der erwartete Anstieg lässt sich durch mehrere Faktoren erklären. Einerseits führt der massive Renteneintritt der Babyboomer zu einem grossen Bedarf an Nachwuchs. Die Wirtschaft ist stark auf die Berufsbildung angewiesen, um qualifizierte Fachkräfte auszubilden. Ande­rerseits wird die Zahl der Jugendlichen, die ins Ausbildungsalter kommen, in den nächsten Jahren steigen. Das sendet eine klare Botschaft: Die Berufsbildung wird noch zentraler für die Zukunft des Landes. Gleichzeitig halten die Rahmenbedingungen nicht Schritt. Viele Lernende sind überlastet, unzureichend betreut oder arbeiten unter prekären Bedingungen.

Welche Branchen und welche Lehrstellen werden in der Zukunft immer mehr Nachwuchs brauchen?
Der Bedarf an Nachwuchs betrifft insbesondere bereits heute unter Druck stehende Branchen wie Informatik, ICT (Informations- und Kommunikationstechnologie) sowie den Gesundheits- und Sozialbereich. Das sind zentrale Bereiche für das Funktionieren der Gesellschaft, in denen der Fachkräftemangel bereits deutlich spürbar ist.

Ist die Lehre heute unter den jungen Menschen ein attraktiver Bildungsweg?
Die Lehre bleibt ein zentraler Pfeiler des Schweizer Bildungssystems, doch ihr Image als «Erfolgsmodell» entspricht nicht mehr der Realität vieler junger Menschen. Die Abbrüche lassen sich vor allem durch strukturelle Probleme erklären: mangelnde Ausbildungsqualität in den Betrieben, schwierige Arbeitsbedingungen und unzureichende Betreuung. Gleichzeitig wächst die Konkurrenz durch andere Bildungswege wie Fachmittelschulen oder Gymnasien. Diese bieten oft mehr Ferien, eine bessere Work-Life­-Balance und langfristig bessere berufliche Per­spektiven und Einkommen. Zudem schützt eine Lehre heute nicht automatisch vor prekären ­Lebensverhältnissen: Man kann arbeiten und sich dennoch in einer unsicheren Situation befinden. Deshalb fordern die Gewerkschaften, dass Menschen mit einer abgeschlossenen Berufslehre mindestens 5000 Franken verdienen sollen.

Es geht also nicht um mangelnde Motiva­tion der Jugendlichen, sondern um lückenhafte Rahmenbedingungen?
Korrekt. Die Forderungen der Gewerkschaft für mehr Ferien, besseren Gesundheitsschutz und höhere Ausbildungsqualität verbessern das Wohlbefinden der Lernenden und reduzieren Stress und Erschöpfung. Ausreichende Erholungszeiten sind zentral für ihre Gesundheit und Sicherheit. Zudem würde dies zu mehr Gleichstellung mit anderen Bildungswegen beitragen. Eine bessere Ausbildungsqualität und bessere Betreuung könnten auch dazu beitragen, die Abbruchquoten zu senken. Diese Massnahmen werden nicht alle Abbrüche verhindern, sind aber ein entscheidender Schritt.


Berufseinstieg: Jährlich sterben drei Lernende bei der Arbeit

Es sind alarmierende Zahlen: Jährlich verunglücken zwei bis drei Lernende tödlich an ihrem Ausbildungsplatz. Darüber diskutieren junge Berufsleute an der zwei­­tägigen Jugendkonferenz der Gewerkschaft Unia. Mit einer Aktion vor dem Bundeshaus machen sie klar: «Ohne uns geht nichts!»

MIT KLARER BOTSCHAFT: Die jungen Berufsleute der Unia auf dem Bundesplatz. (Foto: Manu Friederich)

Eine Ausbildung darf weder krank machen noch gefährlich sein. Doch das ist in der Schweiz die bittere Re­alität. Jedes Jahr kommt es zu 23 000 Unfällen bei jungen Berufsleuten in der Lehre. Noch tragischer: Jährlich kommen drei Lernende bei einem Arbeitsunfall ums Leben. Diese Zahlen liefert ein Bericht der Suva, der vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) in Auftrag gegeben wurde. Für die Gewerkschaft Unia ein untrag­barer Zustand, denn jede Person, die am Arbeitsplatz das Leben riskiert oder sogar verliert, ist eine zu viel. Lernende verdienen Schutz. Genau unter diesem Mot­­to versammelten sich junge Berufsleute am vergangenen Samstag auf dem Bundesplatz. Sie legten weisse Rosen im Gedenken an die verstorbenen Lernenden nieder. Und machten lautstark klar: «Keine Zukunft ohne Schutz der Lernenden!»

Einblick in die Jugendkonferenz

Die Aktion war der Abschluss der zweitägigen Jugendkonferenz der Unia. Rund 30 junge Erwachsene aus der ganzen Schweiz versammelten sich in Bern, um über die Jugend und ihre Rolle in der Gewerkschaft zu sprechen. Wichtiger Programmpunkt, der die Jugend momentan sehr beschäftigt, ist die Chaosinitiative der SVP. Jugendsekre­tärin Félicia Fasel macht klar: «Unsere Zukunft ist durch diese Initiative gefährdet!» Die Initiative baut die Rechte aller Arbeiternehmerinnen und Arbeit­nehmer in der Schweiz ab, indem sie auf fremdenfeindliche Argumente zurückgreift. Für die Jugend ist klar: Sie kämpft mit aller Kraft für ein wuchtiges «Nein» am 14. Juni.

Schreibe einen Kommentar

Bitte fülle alle mit * gekennzeichneten Felder aus.