Fabrik seit 1700 Tagen besetzt
Italienische Büezer führen den längsten Arbeitskampf Europas 

Die Mitarbeitenden des Automobilzulieferers GKN in Italien reagierten auf ihre Entlassung im Jahr 2021 mit einer Dauerversammlung und entwickelten einen Produktionsplan für Lastenfahrräder und Solarpanels. Nach fast fünf Jahren stehen sie an einem Wendepunkt.

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BEWEISEN AUSDAUER: Die Büezer der ehemaligen Autozulieferfabrik GKN besetzen die Fabrik seit 2021. (Foto: Andrea Sawyerr)

Dario Salvetti (47) ist Metallarbeiter und Mitglied des Arbeiterkollektivs der ehemaligen Autozulieferfabrik GKN. Das Kollektiv hält die Fabrik in der Nähe von Florenz seit 1700 Tagen besetzt: Sie kümmern sich um die Maschinen, reinigen die Räume und schützen die Fabrik vor der Übernahme durch Immobilienspekulanten. Für Salvetti und seine Mitstreitenden geht es dabei nicht nur um ihre Arbeitsplätze, sondern auch um das industrielle Erbe und eine Vision für die Zukunft der Gesellschaft.

Der grosse Protest der Bevölkerung

Die Geschichte des Kollektivs beginnt im Sommer 2021: 400 Arbeiter der Fabrik erhalten per E-Mail die fristlose Kündigung. Der britische Finanzkonzern Merlose Industries, seit 2018 Eigentümer von GKN, hatte die Massenentlassung angeordnet. Der Finanzfonds wollte die Gewinne durch eine Verlagerung der Produktion ins Ausland weiter steigern. Dies, nachdem GKN während Jahren öffentliche Zuschüsse von der italienischen Regierung erhalten hatte. Die Arbeitnehmenden reagierten mit einer Dauerversammlung, denn eine offizielle Besetzung der Fabrik wäre illegal gewesen. Und sie organisierten den Widerstand in der Bevölkerung, der zu Grossprotesten in Florenz führte. Metallarbeiter Salvetti sagt:

Wir waren in einem Land, das von der Pandemie traumatisiert und von der Wirtschaftskrise gebeutelt war. Die Massenentlassung löste eine unglaubliche Welle der Empörung und Solidarität aus.

KÄMPFER: Dario Salvetti. (Foto: zvg)

Gewerkschaftliche Tradition

Die GKN-Fabrik war früher ein wichtiger Zulieferbetrieb des italienischen Autokonzerns Fiat, und viele der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren Mitglied der italienischen Metallarbeitergewerkschaft FIOM-CGIL. Salvetti sagt: «Der GKN-Belegschaft ist es gelungen, die gewerkschaftliche Tradition dieser Fabrik am Leben zu erhalten. Vor allem in dem Moment, als die italienische Automobilindustrie während der Finanzkrise 2008 vor eine erpresserische Wahl gestellt wurde: entweder Rechte oder Arbeit.» Diese Tradition hat auch beim Aufbau des Kollektivs geholfen. 

Seit der Massenentlassung von 2021 war der Konflikt bei GKN ein Auf und Ab zwischen Hoffnung, Sabotage und Neustarts. Salvetti erinnert sich an den Beginn der Proteste:

Wir wollten nicht nur die Rettung der Fabrik, sondern ein Projekt, das die gesamte italienische Automobilbranche und die Gesellschaft als Ganzes einbezieht. Wir strebten eine von der Öffentlichkeit unterstützte Umstellung an, um Teil einer Lieferkette zu werden, die Elektrobusse herstellt.

Doch die neuen Eigentümer, die auf Merlose Industries folgten, erwiesen sich als Handlanger des früheren Besitzers. Und dieser hatte weiterhin nur ein Ziel: das Scheitern des Projekts, um mit den Immobilien der Fabrik Geld zu machen.

Lastenfahrräder

Das Kollektiv ernannte daraufhin Leonard Mazzone (41), einen Forscher der Universität Florenz, zum Koordinator der Reindustrialisierung. Mazzone und andere solidarische Fachleute entwickelten mit dem Kollektiv einen neuen Geschäftsplan, der in der Fabrik die serienmässige Produktion von Elektro-Lastenfahrrädern möglich machen soll. Das Kollektiv hat die Lastenfahrräder bereits als Prototypen hergestellt und verkauft. 

PRODUKT DES WIDERSTANDS: Ein Büezer mit dem Lastenfahrrad des Kollektivs. (Foto: zvg)

Auch die Produktion von spezialisierten Solarmodulen ist in der Fabrik möglich. Mazzone sagt: «Wir haben verschiedene technische, kommerzielle und finanzielle Prüfungen bestanden. Wir haben ein regionales öffentliches Industriekonsortiums ins Leben gerufen und haben private Investorinnen und Investoren, aber die Produktion läuft noch nicht.» Letzten Sommer stand das Projekt wegen des Absprungs eines Investors kurz vor dem Aus. Die Mitglieder des Kollektivs finanzierten sich über eine Streikkasse, über vor Gericht erstrittene Lohnzahlungen und zuletzt über die Arbeitslosenentschädigung. Doch jetzt geht den verbleibenden etwa 100 Mitarbeitenden des Kollektivs das Geld aus. Die Gruppe hat deshalb eine neue Finanzierungskampagne mit dem Namen «Eine Aktion gegen die Aufrüstung» gestartet und will die finanzielle Trägerschaft verbreitern. Salvetti sagt: «Wir mussten unsere Pläne zwar verkleinern, aber wir versuchen es weiter, denn wir wollen und können nicht mehr warten mit der serienmässigen Produktion.»

Das Projekt der Ex-GKN finanziell unterstützen: über diesen Link.

Kostenlose Weiterbildung der Unia: Onlinekurs mit Salvetti und Mazzone

Die Unia organisiert in Zusammenarbeit mit den Sozialpartnern des Bildungsfonds des MEM-GAV kostenlose Weiterbildungskurse für Beschäftigte in der MEM-Industrie. Am 16. April um 19 Uhr steht im Onlinekurs die aussergewöhnliche Erfahrung des italienischen Arbeiterkollektivs von GKN im Fokus. Wo einst Antriebswellen für Sportwagen hergestellt wurden, sollen künftig Elektrolastenvelos und Solarmodule produziert werden. In der Online-Weiterbildung erzählen Dario Salvetti, Fabrikarbeiter und Mitglied des «Collettivo di Fabbrica GKN», und Leonard Mazzone, Forscher an der Universität Florenz und Koordinator der Reindustrialisierungsgruppe, über ihre Erfahrungen und die Pläne für die Zukunft. 

Das Gespräch findet auf italienisch mit Simultanübersetzung ins Deutsche und Französische statt. Anmeldung über diesen Link.

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