Das Klimakollektiv, das stört
«Vergessen wir den ökologischen Fussabdruck»

Nils Huber (33) ist Koch und Klimaaktivist. Mit dem Drop-Klimakollektiv hat er schon UBS-Chef Sergio Ermotti, Bundesrat Albert Rösti und Unternehmer Peter Spuhler überrascht. Ende März war er zu Besuch bei NZZ-Chefredaktor Eric Guyer.

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NEIN ZUR ZUKUNFT: Das Klimakollektiv mit Nils Huber (links) tauft die NZZ um. (Foto: isc)

Bis die vier Aktivistinnen und Aktivisten vor die Bühne treten, verläuft die Veranstaltung im Foyer der NZZ in geordneten Bahnen. Der NZZ-Chefredaktor Eric Guyer referiert unter dem Titel «Die Uno – Eine Vision schafft sich ab» über den Zerfall der Weltordnung und die Zeit der Raubtiere. Doch an diesem Frühlingsabend tauchen an der Zürcher Falkenstrasse keine Raubtiere auf, sondern Menschen, die die Berichterstattung der NZZ nicht weiter hinnehmen wollen. Sie werfen der Zeitung «bewusste und systematische Verharmlosung und Leugnung des wissenschaftlichen Konsenses in der Klimakrise» vor.

Nein zur Zukunft: NZZ

Einer der Aktivisten ruft Eric Gujer zu: «Journalismus ist nicht nur worüber man berichtet, sondern vor allem, worüber man nicht berichtet.» Das bürgerlich orientierte Publikum reagiert mit Buhrufen und die Security-Leute stürmen nach vorne. Sie reissen den Aktivistinnen und Aktivisten das Transparent mit dem Slogan «Nein zur Zukunft» in NZZ-Schrift runter. Ein älterer Zuschauer schlägt auf den Drop-Fotografen ein. Eine Frau aus dem Drop-Kollektiv richtet sich daraufhin direkt an Guyer und sagt ihm die Meinung. Nach fünf Minuten und einigem weiteren Gerangel ist die Aktion vorbei und die Störenfriede ziehen singend ab.

Störaktionen im Alltag

work trifft Nils Huber (33), einen der beteiligten Aktivisten. Huber arbeitet als Koch und ist seit letztem Jahr Teil des Drop-Kollektivs, das die Hauptverantwortlichen der Klimakatastrophe in der Schweiz konfrontiert: Im vergangenen Herbst besuchten sie UBS-CEO Sergio Ermotti, Stadler-Chef Peter Spuhler und Energieminister Albert Rösti bei öffentlichen Podiumsveranstaltungen. Huber sagt:

Durch unsere Aktionen wollen wir in der Klimabewegung die Hemmschwelle absenken und zu weiteren Störaktionen ermutigen.

KLIMAAKTIVIST: Nils Huber. (Foto: zvg)

Das könne auch mal im Alltag bei der Arbeit sein und müsse sich nicht nur auf prominente Personen und öffentliche Bühnen beschränken. Das Kollektiv will mit seinen Aktionen Aufmerksamkeit für die die Klimakrise und den Fokus auf Personen lenken, die in Machtpositionen sitzen und «Klimasabotage» betreiben. Die UBS investiere weiterhin Milliarden in Öl- und Gaskonzerne, Albert Rösti sabotiere die Energiewende und Peter Spuhler sei wegen seinem Einsatz gegen die Erbschaftssteuer und wegen Steuerumgehung in den Fokus der Gruppe geraten.

Huber sieht Drop dabei als Teil einer Klimabewegung, bei der viele verschiedene Organisationen mit unterschiedlichen Strategien ein gemeinsames Ziel verfolgen: Den schnellstmöglichen Ausstieg aus Öl und Gas. Das Kollektiv ist auch international vernetzt über das A22 Network, das bis 2024 mit Strassenblockaden und Klebeaktionen Bekanntheit erlangte.

Leidens- und Spassgemeinschaft

Vor einer Störaktion verabredet sich das Kollektiv jeweils zu einem Training und geht die Aktion Schritt für Schritt durch. Die Gruppe trifft sich auch wöchentlich zu online Meetings. Für Huber ist es ermutigend, dass es andere Menschen gibt, die sich weiterhin für Klimaschutz engagieren: «Alleine bist du verloren und machtlos. Wir sind eine Leidensgemeinschaft und eine Selbsthilfegruppe, aber wir haben auch Spass mit unseren Aktionen.» In der Gesellschaft nimmt Huber eine grosse Resignation wahr. Viele Leute hätten den Glauben an eine Kehrtwende verloren und glaubten, dass die Menschheit verloren sei. Doch Huber ist überzeugt: «Wir können und müssen aussteigen aus den fossilen Energieträgern, aber je länger wir warten, desto höher wird der Preis sein.» 
 
Wichtig ist für Huber, dass wir aufhören, uns gegenseitig unsere kleinen Umweltsünden vorzuhalten. Er sagt: «Vergessen wir den ökologischen Fussabdruck, dieser führt nur zu einer Entpolitisierung und damit zur Handlungsunfähigkeit der Gesellschaft.» Heute gehe es darum, die politischen und die wirtschaftlichen Weichen neu zu stellen. Und solange Leute wie Ermotti, Spuhler, Rösti oder Guyer an den Schalthebeln sitzen, werde diese Entwicklung blockiert bleiben.

20 Jahre ökologischer Fussabdruck

Immer mehr Menschen versuchen, nachhaltig zu leben. Sie ernähren sich vegetarisch, fahren mit dem Velo zur Arbeit und verzichten auf Flugreisen. Das Ziel: Der eigene ökologische Fussabdruck soll möglichst klein werden. Doch dieses Konzept der individuellen und konsumorientierten Verantwortung hat zu keiner nennenswerten Reduktion des Gesamtkonsums geführt. In der Schweiz werden die planetaren Belastungsgrenzen auch 20 Jahre nach der Einführung des ökologischen Fussabdrucks konstant massiv überschritten.
 
Die Idee des CO2-Fussabdrucks verbreiteten ab dem Jahr 2006 nicht Klimaaktivisten und Forscherinnen, sondern der Öl-Konzern BP British Petroleum. Er brachte das Konzept des ökologischen Fussabdrucks mit Werbemillionen unter die Leute. Nicht die Produzenten des Öls sollten für den Klimawandel verantwortlich gemacht werden, sondern jede und jeder einzelne durch den Konsum. 20 Jahre später fokussiert BP nach zwischenzeitlichen Versuchen mit erneuerbaren Energien wieder voll auf Öl und Gas, verdient Milliarden und verursacht Klimaschäden in Milliardenhöhe. Der ökologische Fussabdruck hat sein Ziel nicht verfehlt: BP und andere Ölkonzerne können das Klima und die Lebensgrundlagen weiter zertrampeln.

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