Dentalassistentin, Gewerkschafterin, Gemeinderätin
«Die beste Antwort auf Ausgrenzung: Spread Love!»

Vera Çelik (20) hat den Sprung ins Zürcher Stadtparlament geschafft. Die gelernte Dentalassistentin ist als jüngste Person in den Gemeinderat gewählt worden und will noch mehr Junge für Politik begeistern.

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VERA ÇELIK: «Es braucht eine starke Gegenlobby zu den Arbeitgeberverbänden.» (Foto: jun)

work: Sie sind vor kurzem für die SP in den Zürcher Gemeinderat gewählt worden. Gratulation! Wie ist es dazu gekommen?
Vera Çelik: Ich wollte nie Politikerin werden, das hat sich einfach so ergeben. Als ich 15-jährig war, bin ich dem Klimastreik und dann der Juso beigetreten. Ein Nachbar hat mich darauf aufmerksam gemacht. Politik war damals aber mehr eine Nebenbeschäftigung für mich, ich habe das nicht so ernst genommen, ich war einfach links und «aware» - also gut informiert. Die Strukturen beim Klimastreik und der Juso waren sehr offen und transparent. Da konnte ich aktiv mitwirken. Ich war auch an nationalen Versammlungen, konnte an Positionspapieren mitschreiben und Demos mitorganisieren. Während der Lehre zur Dentalassistentin bin ich dann auch SP- und Unia-Mitglied geworden.

Was war der Grund für die Mitgliedschaft bei der Unia?
Die Unia war die einzige Gewerkschaft, die ich kannte. Ich habe gesehen, dass manche Dinge bei der Arbeit nicht gut laufen. Vor allem bei Mitlernenden. Meine Kollegin hatte zum Beispiel fast keine Mittagspause. Da dachte ich: Das kann nicht sein. Ich selber hatte zum Glück eine gute Lehrzeit und keine Probleme mit meiner Arbeitgeberin, aber ich habe mir grundsätzliche Fragen zur Lohnarbeit gestellt und mich als Lernende gefragt: Ist es fair, dass wir im Vergleich zu unseren Verpflichtungen so wenig Rechte haben? Neben der konkreten Unterstützung, wie zum Beispiel Rechtsberatungen, finde ich die Gewerkschaften aber auch gesellschaftlich wichtig, denn es braucht eine starke Gegenlobby zu den Arbeitgeberverbänden.

Waren die Gewerkschaften in der Ausbildung ein Thema?
Bei den Lernenden wissen viele gar nicht, dass es Gewerkschaften gibt. In der Berufsschule hat man mich nicht darüber informiert. Das Einzige, was ich gelernt habe, war, dass ich bei einer Kündigung zu einer Gewerkschaft gehen könnte. Aber ich wusste gar nicht, was das ist. Die politische Relevanz und die Geschichte der Gewerkschaften sind vielen Jungen nicht bekannt.

Und wie und wo erreichen Sie die jungen Menschen?
Vor allem über Tiktok. Ich versuche, junge Menschen bodenständig anzusprechen. Auf Tiktok gibt es viele Vorurteile gegen Linke und Grüne. Die Meinungen auf Social Media bilden sich sehr schnell und es gibt oft wenig Vorwissen. Die jungen Menschen müssen angesprochen und involviert werden. Ich möchte als Gemeinderätin dafür sorgen, dass den Jungen mehr Vertrauen geschenkt wird und dass sie Verantwortung übernehmen können. In der Politik sollten mehr junge Menschen vertreten sein. Mit meinem Engagement für soziale Gerechtigkeit, Chancengerechtigkeit und für Tierrechte möchte ich auch ein Vorbild sein.

Haben Sie selber auch solche Vorbilder?
Bei mir ist das SP-Nationalrätin Anna Rosenwasser. Sie inspiriert mich immer noch. Sie zeigt auf, dass man in der Politik nicht ein «tough guy» sein muss und nicht jeden «roasten» - also fertig machen – muss. Das ist eine grosse Hilfe für mich. Die Leute denken, dass man als Politikerin auch vieles einstecken können muss. Kritik ist normal, aber Hass nicht. Da muss ein klarer Unterschied gemacht werden. Mit Kritik kann ich sehr gut umgehen, sie hilft mir, dass ich meine Arbeit besser machen kann. Aber manche Leute erkennen nicht, dass sie sich diskriminierend verhalten.

Wie erleben Sie Diskriminierung?
Vor allem seit ich das Kopftuch trage, bin ich exponiert und erlebe dadurch Rassismus viel stärker als andere muslimische Frauen. Im Wahlkampf konnte ich auch mit vielen Leuten auf der Strasse sprechen und habe gesehen, dass es in der Realität viel weniger Rassismus als auf Social Media gibt. In der Gesellschaft gibt es so viele unterschiedliche Menschen, diese Diversität kann in den Medien gar nicht mehr richtig abgebildet werden. Wenn ich die Zeitung lese, sehe ich oft normalisierten Rassismus.

Und was gibt ihnen trotzdem Vertrauen in eine bessere Zukunft?
Es gibt viele Menschen, die schauen nur für sich. Ich glaube aber, dass wir gute Lebensbedingungen für alle nur gemeinsam schaffen können. Auch meine eigene Aufstiegsgeschichte, das waren viele Menschen, die das möglich gemacht haben, sichtbar und unsichtbar. Wir müssen aufeinander schauen, das ist wichtig. Das ist das Schöne an der Gesellschaft, wir sind nicht auf einer Insel. Ich habe Vertrauen in die Menschen und die Community. Der persönliche Kontakt verändert oft viel. Dann stellt man die Leute nicht in eine Ecke. In die Gesellschaft reingehen, mit den Leuten sprechen, das ist die schönste Antwort auf Ausgrenzung. Meine Antwort: Spread Love! Liebe versprühen!

Zur Person

Die 20-jährige Vera Çelik ist in Zürich-Affoltern als Kind türkischer Eltern aufgewachsen. Nach der Sekundarschule hat sie sich für eine Lehre als Dentalassistentin entschieden. Während ihrer Lehrzeit ist sie Mitglied der Unia und der Juso geworden. Ab Mai sitzt sie für die SP im Zürcher Gemeinderat und im Sommer wird sie mit der Berufsmaturitätsschule beginnen.

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