Textilreinigungsfirma 5àSec verletzt die Gewerkschaftsfreiheit
Alles andere als sauber: Wäscherei entlässt Gewerkschafterin

Weil Sandra Pittet dreckige Arbeitsbedingungen und miese Löhne anprangerte, stellte die Textilreinigungsfirma sie auf die Strasse. Jetzt fordert die Unia ihre Wiedereinstellung und droht mit rechtlichen Schritten.

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BESUCH DER GEWERKSCHAFTEN: Die Unia-Leute besuchen nun alle Filialen von 5àSec im Kanton Genf, um die Mitarbeitenden über den Fall zu informieren und sie über ihre Rechte aufzuklären. (Foto: Olivier Vogelsang)

In der Textilwäscherei 5àSec/Baecheler in Genf herrscht Einigkeit unter den Beschäftigten: Die Arbeitsbedingungen sind schlecht und die Löhne viel zu tief. Sandra Pittet** arbeitet seit Juli 2022 bei der Firma und weiss davon ein Lied zu singen. Deshalb wollte sie diese Missstände durch entschlossenes gewerkschaftliches Engagement ändern. Doch das kam beim weltweit tätigen Wäschereibetrieb gar nicht gut an: Am 27. Januar dieses Jahres hat die Firma Pittet entlassen. In dem Kündigungsschreiben erwähnt die Pariser Geschäftsleitung von 5àSec indirekt die Gründe für ihre Entscheidung: «Da diese Handlungen trotz unserer Verwarnung fortgesetzt wurden, müssen wir leider feststellen, dass das Vertrauensverhältnis, das zwischen den Mitarbeitenden und dem Unternehmen bestehen muss, derzeit nicht mehr gegeben ist.»

Der Fragebogen

Nach erfolglosen Gesprächen mit der Unternehmensleitung und den Personalverantwortlichen beschloss die Unia, das rechtswidrige Verhalten des Arbeitgebers öffentlich anzuprangern. Am Morgen des 11. März informierten der Unia-Regionalsekretär für Genf, Yves Defferrard, und der Verantwortliche für den Industrie- und Dienstleistungssektor, Yan Giroud, gemeinsam mit Sandra Pittet über den Hergang der Ereignisse. Dabei wurde bekannt, dass sich Pittet stark für den Aufbau der Gewerkschaft engagiert hatte. Sie hatte eine Whatsapp-Gruppe gegründet und zwei anonyme Fragebögen verschickt. Die beiden Dokumente sollten kritische Punkte, Missstände oder Missbräuche aufzeigen und im Anschluss daran Verbesserungsvorschläge unterbreiten.

INFORMIERT ÜBER DIE MISSSTÄNDE: Unia-Regionalsekretär für Genf, Yves Defferrard. (Foto: Olivier Vogelsang)

Die Entlassung

Via Fragebogen kamen die widerlichen Arbeitsbedingungen ans Licht: Überlastung, Stress, komplizierte Arbeitszeiten, Personalmangel, tiefe Löhne, schwierige Beziehungen zu den Vorgesetzten, Hitze usw. Diese Missstände wurden in einem Bericht zusammengefasst und an die 5àSec-Geschäftsleitung in der Romandie sowie an die Generaldirektion in Paris geschickt. Der Bericht stiess auf grosse Ablehnung. Unia-Mann Giroud erklärt, sie hätten in einem Videocall mit einer Personalverantwortlichen in Paris viel Aufklärungsarbeit leisten müssen:

Wir mussten erklären, was der Westschweizer Gesamtarbeitsvertrag vorsieht, wie die Personalkommission funktioniert, welche Rolle sie spielt und welche Beziehungen im Rahmen einer Sozialpartnerschaft gepflegt werden müssen.

Die Geschäftsleitung versicherte zunächst, dass es keine Repressalien gegen Sandra Pittet geben würde. Doch das waren leere Versprechungen: Vier Tage später stellten sie Pittet auf die Strasse.

Der Terror

Seitdem sind die Einsprüche und Bemühungen, den Kurs zu ändern, erfolglos geblieben. Yan Giroud sagt: «Wir stehen vor einer Mauer.» Sandra Pittet spricht von einem Management, das auf Terror basiere:

Viele meiner Kolleginnen und Kollegen haben Angst, sich zu äussern, die Arbeitsbedingungen anzuprangern oder Solidarität mit mir zu zeigen. Die Geschäftsleitung hat letzte Woche mehrere Niederlassungen in der Westschweiz besucht, um Druck auszuüben und den Angestellten zu drohen, falls sie ihre Ablehnung zum Ausdruck bringen sollten. Jetzt gilt es, ihnen Sicherheit zu geben und dieses Klima der Angst zu bekämpfen.

Die Anklage

Jetzt will die Unia rechtlich gegen die Wäscherei vorgehen. Regio-Leiter Defferrard erklärt: «Das Unternehmen verstösst gegen Artikel 98 des Übereinkommens der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), der die Anwendung der Grundsätze des Vereinigungsrechts und des Rechts auf Kollektivverhandlungen betrifft. Und gegen Artikel 28 der Bundesverfassung, der die Vereinigungsfreiheit garantiert, und ebenfalls gegen das Mitbestimmungsgesetz.» Mit der Entlassung von Sandra Pittet reiht sich das Unternehmen in die Liste derjenigen ein, die bei der ILO angezeigt wurden und der Schweiz einen Platz auf der schwarzen Liste in Sachen Vereinigungsfreiheit eingebracht haben. Und Defferrard fügt hinzu: «Diese Geschichte ereignet sich zu einem Zeitpunkt, an dem auf nationaler Ebene im Rahmen der Bilateralen III eine Debatte geführt wird. Umso wichtiger ist in diesem Zusammenhang die Schutzmassnahme 14, die darauf abzielt, die Gewerkschafterinnen und Personalvertreter in den Unternehmen besser zu schützen.»

Die Verteidigung

Die Unia versichert, Sandras Fall gegenüber allen zuständigen Instanzen zu verteidigen. Die Gewerkschaft fordert die Wiedereinstellung der Arbeitnehmerin und ein Ende des Drucks und der Repressionen gegen diejenigen, die sich für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen einsetzen. Sie fordert ausserdem die Einrichtung einer Personalvertretung und die Einhaltung des Gesamtarbeitsvertrags, dessen Verhandlungen für die Jahre 2027–2030 bald beginnen werden. Die Mobilisierung der Gewerkschaft war bereits am Tag der Pressekonferenz spürbar. Die Gewerkschaft besuchte alle Filialen von 5àSec im Kanton Genf, verteilte Flyer und sammelte Unterschriften für die Petition, die die Wiedereinstellung von Sandra Pittet fordert.

*Dieser Beitrag ist zuerst in der französischsprachigen Unia-Zeitung «L’Evénement syndical» erschienen und wird hier in einer überarbeiteten Version publiziert.

**Name der Redaktion bekannt

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