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DIE GAV-Abdeckung steigt – aber nur langsam

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Ohne Gesamtarbeitsverträge (GAV) wären die Arbeitsbedingungen schlechter. Um nur die wichtigsten Vorteile zu nennen: GAV sorgen für faire Löhne. Sie legen Arbeitszeiten und Ferien fest, die deutlich über dem gesetzlichen Minimum liegen. Und sie ermöglichen Kontrollen, um gegen Dumping vorzugehen. GAV erlauben es in vielen Bauberufen, frühzeitig in Rente zu gehen. Kurz: GAV halten gewerkschaftlich erkämpften Fortschritt fest. Es ist deshalb erfreulich, dass die Zahl der Arbeitnehmenden steigt, die einem GAV unterstellt sind. Zuletzt waren es rund 2,1 Millionen. Das ­ist mehr als die Hälfte aller Beschäftigten, für die ein GAV abgeschlossen werden kann (siehe Grafik).

Keine Selbstverständlichkeit

Es ist jedoch keine Selbstverständlichkeit, dass die GAV-Abdeckung zunimmt. In den 1990er Jahren sank sie, da die Arbeitgeber die Sozialpartnerschaft angriffen. Erst nachdem die Gewerkschaften kämpfe­rischer wurden und verstärkt die Dienstleistungsbranchen (u. a. Detailhandel, Reinigung und Gastgewerbe) organisierten, ging es in den 2000ern wieder aufwärts. Entscheidend war auch die Personenfreizügigkeit. Sie führte zu einem Umdenken im Gewerbe. GAV erlauben nämlich Arbeitgebern, sich vor Dumping-­Konkurrenz zu schützen. Auf Druck der Gewerkschaften kamen die flankierenden Massnahmen hinzu. Sie machten die GAV attraktiver. Denn dank ihnen können Lohn- und Arbeitsbestimmungen besser kontrolliert und durchgesetzt werden.

Grosse Lücken

Die GAV-Abdeckung ist zuletzt gestiegen, weil die Beschäftigung in GAV-Branchen stärker wuchs. Grössere Fortschritte sind aber ausgeblieben. So ist bereits seit längerem kein neuer GAV in einer grossen Branche hinzugekommen. Der letzte ist der GAV Personalverleih – er ist bereits seit 15 Jahren in Kraft. Nach wie vor klaffen grosse Lücken: In der privaten Pflege, bei Kindertagesstätten, in der IT oder auch im Detailhandel (mit Ausnahme der Supermärkte) gibt es kaum GAV. Auch der Grosshandel, die Versicherungen oder die Unternehmensdienstleister (u. a. ­Architektur, Werbung) bleiben GAV-Wüsten. Das muss sich ändern. Denn nur über GAV können Gewerkschaften auch in diesen Branchen die Arbeitsbedingungen verbessern.

David Gallusser ist Ökonom beim ­Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB).

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