Als Kind hat Durgun mehrere Male mit der Ausländerbehörde zu tun. Mit vierzehn wird er von seiner Mutter zu Rate gezogen: Er beschreibt, wie sie vor einem Berg von Briefen sass. Sie konnte kein Deutsch lesen, hatte sich aber mit den Jahren die Fähigkeit angeeignet, anhand von Formatierung und Unterschrift die Wichtigkeit der Briefe abzuwägen. Dieses Mal war es sehr ernst: ihm und seinen drei Geschwistern drohte die Abschiebung in ihre Heimat. Oder besser gesagt in ein Land, das sie nicht kannten und nie besucht hatten. Er studierte die Briefe, sammelte alle nötigen Unterlagen zusammen und begleitete seine Mutter zu der Behörde. Ihm wurde eine Verantwortung übertragen, die ein vierzehnjähriger Junge nicht haben sollte. Auch seiner Mutter war diese Situation nicht recht: «Ich bin immer sauer, wenn wir uns in ihre Behörden begeben müssen, wo ich mich wie ein demütiges, kleines Kind benehmen muss – vor einer Frau, die so alt ist wie ich. Vor einer Frau, die ich sein könnte, wenn ich woanders geboren wäre.»
Der Autor offenbart in seinem Buch den ewigen (Überlebens-)Kampf. Seit er lesen und schreiben kann, hat er Stellungnahmen verfasst und übersetzt. Die Lage seiner Familie erklärt und Unterlagen zusammengesucht. «Aber vor allem habe ich Angst gehabt», schreibt er weiter. Denn seit seiner frühsten Kindheit wurde ihm und seinen Geschwistern gedroht, dass sie Deutschland verlassen müssten. «Das hat uns innerlich verwundet – für immer», stellt er fest. Solche Situationen führten dazu, dass er sich bereits im Kindesalter ein lupenreines Beamtendeutsch aneignete. Aus dem einfachen Grund, den Menschen in den Behörden sprachlich die Stirn bieten zu können.