Nach dem Urteil im Mordfall Tupac Shakur wird dessen Gangster-Image einmal mehr zementiert. Doch dieses Klischee greift zu kurz: Geprägt durch die Black-Panther-Wurzeln seiner Mutter war der Rapper eine Ikone des Klassenkampfs und des Widerstands.

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KLASSENKAMPF IM GANGSTER-RAP: Tupac Shakur hatte eine Botschaft. (Foto: zvg)

Der wohl berühmteste «Cold Case» der Musik-Geschichte hat diese Woche seinen vorläufigen Abschluss gefunden. Am 31. August hat in Las Vegas eine Geschworenenjury den früheren Gang-Anführer Duane «Keffe D» Davis für den Mord an Rap-Legende Tupac Shakur verurteilt. Tupac wurde vor fast genau 30 Jahren, am 7. September 1996, in Las Vegas im Alter von 25 Jahren in seinem Auto angeschossen und starb wenige Tage später. Der nun verurteile Davis, heute 63 Jahre alt, ist nach Überzeugung der Jury der Drahtzieher und Organisator des Angriffs.

VERURTEILT: Duane Davis im Gerichtssaal in Las Vegas. (Foto: Keystone)

Tupac und Che

Tupac Shakur ist eine herausragende Figur der Hip-Hop-Kultur. Sein Name ist weit über das Genre hinaus bekannt und selbst wer seine Musik nicht kennt, ist seinem Gesicht schon begegnet: Tupacs Konterfei wurde millionenfach auf Kleidungsstücke gedruckt. Wie jenes des kubanischen Revolutionshelden Che Guevara.

MILLIONENFACH VERBREITET: Tupacs Gesicht ziert zahllose Kleidungsstücke. (Foto: pd)

Tupac und Che Guevara? Ist Tupac nicht dieser mehrfach verurteile Gangster? Ist er, ja. Aber noch viel mehr als das. Tupac war ein Klassenkämpfer, wie Che Guevara eine Ikone des Widerstands. Beide stellten sich gegen den Kapitalismus und bekämpften soziale Ungerechtigkeiten. Und wie Che Guevara wurde Tupac durch seinen frühen Tod zu einer Art Märtyrer.

Afeni Shakur: das grosse Vorbild

Tupac kam 1971 zur Welt. Seine Mutter, Afeni Shakur (1947 – 2016), spielte eine prägende Rolle in seinem Leben. Afeni Shakur durchlebte eine von Gewalt und Alkohol geprägte Kindheit, die tiefe Spuren hinterliess. 1968 kam sie mit der Black Panther Party in Berührung, einer afroamerikanischen Bewegung, die sich gegen Rassismus und Polizeigewalt einsetzte. Afeni Shakur wurde schnell zu einem sehr aktiven Mitglied und leitete die Ortsgruppen in Harlem und der Bronx. Sie war auch Teil der berüchtigten «Panther21»-Aktivisten, die in New York einen Bombenanschlag geplant haben sollen. Sie und ihre Mitstreiter wurden angeklagt. Als sie 1971 mit ihrem Sohn Tupac schwanger war, stand sie vor Gericht – und wurde in allen Anklagepunkten freigesprochen.

MUTTER UND SOHN: Afeni Shakur mit Tupac. (Foto: zvg)

Black Panther

Tupacs ganzes Umfeld war aktivistisch. Seine Patin Assata Shakur war ebenfalls Mitglied bei den Black Panther und wirkte zudem in der Black Liberation Army mit, einer militanten, marxistischen Untergrundorganisation, die den bewaffneten Widerstand gegen die US-Regierung zur «Befreiung der afroamerikanischen Bevölkerung» wählte. Sie wurde wegen des mutmasslichen Mordes an einem Polizisten verurteilt, floh nach Kuba und erschien als erste Frau auf der FBI-Liste der meistgesuchten Terroristen. Grossen Einfluss auf Tupacs politische Weltanschauung hatte auch sein Stiefvater Mutulu Shakur, ebenfalls Mitglied der Black-Liberation-Bewegung.

Thug Life

Mit Mutulu entwickelte Tupac den «Thug Code», auch bekannt als «The Code of Thug Life», eine Art Regelwerk für Gangs, das den Schutz von Unbeteiligten festhielt, oder  das Verbot, Drogen an Schwangere und Kinder zu verkaufen. Tupac versuchte, der Bandenkriminalität moralische Grenzen zu setzen. «Thug Life» (Gangsterleben), trug Tupac als Tattoo auf seinem Bauch. «Thug Life» hatte aber für ihn eine andere Bedeutung, als sie dem Leitspruch heute zugesprochen wird. Übersetzt wird «Thug» zwar mit Schläger oder Gangster.  Aber Tupac sah in einem «Thug» jemanden, der aus dem Nichts kommt, schwere Zeiten durchlebt und trotzdem jeden Tag überlebt. Wie die benachteiligten, schwarzen Jugendlichen aus dem Ghetto. Tupac nutze «Thug Life» auch als Akronym für seine Gesellschaftskritik: The Hate U Give Little Infants Fucks Everyone. Oder anders gesagt: Wer Kinder in Armut und mit Rassismus aufwachsen lässt, zahlt später den Preis dafür.

THUG LIFE: Das berühmte Tattoo auf Tupacs Bauch. (Foto: zvg)

Der Einfluss von Drogen

Tupac Shakur wuchs in armen Verhältnissen auf und spürte täglich die Demütigungen als US-Bürgers zweiter Klasse. Und er sah, was die Drogen in den Armenvierteln anrichteten. Auch seine Mutter konsumierte Crack. Für die Crack-Epidemie in den 1980er- und 1990er-Jahren in den USA machte Tupac das System verantwortlich: Anstatt die Armut zu bekämpfen, flutet die Regierung die afroamerikanischen Viertel mit Drogen und Waffen, damit sich die Menschen selbst zerstören. Das ist mehrfach Thema in seinen Songs. In «I Wonder If Heaven Got A Ghetto» rappt er:

Instead of war on poverty, they got a war on drugs so the police can bother me.

Übersetzt also: «Statt eines Krieges gegen Armut führen sie einen gegen Drogen, nur damit die Polizei mich schikanieren kann.» Crack ist auch Thema in seiner wohl bekanntesten Gesellschaftskritik, dem Welthit «Changes». Dort heisst es übersetzt:

Gebt das Crack den Kindern, wen kümmert das schon? 
Ein hungriger Mund weniger, der Sozialhilfe braucht. 
Erst schiffen sie die Drogen her und lassen sie an die eigenen Brüder verticken. 
Dann geben sie ihnen Waffen, treten einen Schritt zurück und schauen zu, wie sie sich gegenseitig umbringen.

Seiner Mutter gab er keine Schuld für ihre Sucht. In seiner bekannten Hommage «Dear Mama» schrieb er: «And even as a crack friend, Mama, you always was a black queen, Mama.» Übersetzt: In seinen Augen war sie immer eine Königin, auch in der Drogensucht.

Männer-Kritik

Tupac war kein Feminist. Dennoch sprach er sich immer wieder für die Rechte der Frauen aus. In seinem Hit «Keep Ya Head Up» fordert er die Männer auf, Frauen besser zu behandeln und ihnen ihr Recht auf Selbstbestimmung zu lassen. Etwa mit der Zeile: «Da ein Mann keine Kinder kriegen kann, hat er kein Recht, einer Frau zu sagen, wann und wo sie eines bekommen soll.» In «Brenda’s Got a Baby» erzählt er die Geschichte einer 12-Jährigen aus der Unterschicht, die schwanger von der Gesellschaft in Stich gelassen wird.

Das Feindbild Donald Trump

Seine Kritik am ausbeuterischen System hat an Aktualität nichts verloren hat: «They got money for wars, but can’t feed the poor.» Dass Geld für Kriege ist da, aber nicht für die Menschen, sagt er in in «Keep Ya head Up». Tupac hat Donald Trump kritisiert, als viele von uns noch gar nicht wussten, wer Trump ist. In einem Interview vom 21. August 1992 mit dem Musiksender MTV nutze Tupac Trump als Musterbeispiel für unkontrollierte Gier und soziale Kälte. Trump vermittle falsche Werte, wenn er sage, für den Erfolg müsse man sich achtlos vordrängeln. Auch kritisierte er den Reichtum von wenigen, während andere verhungern und forderte eine grössere soziale Verantwortung der Reichen. Tupac sprach von der Selfmade-Illusion, die Menschen wie Trump bis heute erzählen. Doch wer wie Trump in ein Milliarden-Imperium hineingeboren werde, solle nicht so tun, als habe er alles allein erreicht.

Tupac statt Marx

30 Jahre nach seinem Tod wird Tupac einmal mehr als Gangster abgetan. Doch das greift zu kurz.  Oder wie es der Autor Hamza Shehryar im sozialistischen Magazin «Jacobin» schreibt: «Die Fähigkeit, Menschen zu erreichen, die noch nie Karl Marx oder Frantz Fanon gelesen hatten, machte ihn zu einem Radikalen. Seine Songs beschrieben nicht nur Ungerechtigkeit, sondern weckten auch Wut, Bewusstsein und Hoffnung bei Millionen von Menschen, die innerhalb der Ordnung der weissen Vorherrschaft keinen Zugang zu Bildung hatten. Von Harlem bis Soweto: Für viele war Tupac der erste Kontakt mit der Politik des Widerstands.»

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