Ständerat will Sonntagsverkäufe nicht verdreifachen
Die Vernunft setzt sich durch: Nasenstüber für die Turbo-Lädeler

Mit Stichentscheid von Präsident Stefan Engler (Mitte) ist der Ständerat gar nicht erst auf die Verdreifachung der Sonntagsverkäufe eingetreten. Das ist eine herbe Niederlage für die Sonntagsverkauf-Turbos. Doch noch können die Verkaufenden nicht aufatmen.

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STIMME DER GEWERKSCHAFTEN: Ständerat und SGB-Präsident Pierre-Yves Maillard. (Foto: Keystone)

Die Turbo-Lädeler sahen sich schon am Ziel: Angeführt von der Zürcher Grünliberalen Tania Angelina Moser packten sie im Ständerat alle Ladenhüter der Debatte auf den Tisch: überwältigendes Bedürfnis, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Massnahme gegen das Ladensterben und so weiter und so fort. Doch für einmal kämpften nicht nur die Gewerkschaften und fortschrittlichen Parteien gegen eine Ausweitung der Ladenöffnungszeiten, sondern auch Mitte-Vertreterinnen und -Vertreter und sogar SVP-Ständeräte wollten den Sonntag als einzigen garantiert gemeinsamen Feiertag nicht preisgeben. Denn genau das sieht die Vorlage vor: Sie will den Sonntag quasi zu einem normalen Arbeitstag machen. Und sie will gleich auch noch die bisher verbindlichen Lohnzuschläge für Sonntagsarbeit streichen, wenn an mehr als 6 Sonntagen gearbeitet werden muss. Das heisst: Mehr Sonntagsarbeit für weniger Lohn.

Bevölkerung nicht interessiert

Trotz angeblich überwältigendem Bedürfnis der Bevölkerung nach Einkaufen an sieben Tagen rund um die Uhr: Das Stimmvolk sagte in den letzten Jahrzehnten in rund drei Viertel der Abstimmungen Nein zu längeren Ladenöffnungszeiten. Und auch jene, die nicht abstimmen gehen oder dürfen, zeigen den rechten Turbo-Lädelern die kalte Schulter:

Schon heute werden die eigentlich möglichen Sonntagsverkäufe nicht ausgeschöpft, weil es sich nicht lohnt. Zum Teil nicht einmal in der Vorweihnachtszeit. Und die rechte Berner Kantonsregierung stellte den von Gewerbeverbänden und der willfährigen «Arbeitnehmerorganisation» Angestellte Schweiz ertrötzelten «Pilotversuch» mit längeren Samstagsöffnungszeiten in der Stadt Bern kleinlaut ein. Er war ein Flop.

Maillards Beispiel

SGB-Präsident Pierre-Yves Maillard (SP/VD) appellierte in der Debatte an seine Ratskolleginnen und -kollegen: Sie kämen schliesslich auch nicht auf die Idee, Gesetze an einem Sonntag zu beraten, wenn dies auch an einem Montag oder Freitag möglich sei. Doch mit Vernunft hatten es die Ladenöffnungs-Turbos noch nie. Denn die Ladenöffnungszeiten im Allgemeinen und die Sonntagsöffnungszeiten im Besonderen sind ein ideologischer Fetisch der Marktradikalen. Seit Jahrzehnten wollen sie den Arbeitnehmendenschutz im Detailhandel schleifen.

Es geht um alle

Dabei geht es den Arbeitgebern und ihren Parteien um mehr als «nur» Sonntagsshopping: Schritt für Schritt soll schleichend die Sonntagsarbeit in allen Branchen und Berufen eingeführt werden. Der Kampf der Gewerkschaften ist kein Kampf von «Ewiggestrigen aus dem vorherigen Jahrhundert», wie marktradikale Ideologen und Politikerinnen behaupten. Es ist ein Kampf für die Gesundheit der Arbeitnehmenden und das soziale Leben der Lohnabhängigen. Denn alle Studien zeigen: Regelmässige Sonntagsarbeit führt zu Stress, Schlafstörungen und begünstigt Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Magen-Darm-Probleme. Arbeitsmedizinerinnen und -mediziner warnen vor Burnout, Muskel-Skelett-Erkrankungen und langfristiger Erwerbsunfähigkeit.

Was macht der Nationalrat?

Leena Schmitter ist Co-Leiterin Sektor Tertiär der Unia. Sie sagt zum Entscheid des Ständerates:

Unsere Mitglieder im Verkauf begrüssen den Entscheid. Der Ständerat hat ihre Stimmen gehört. Die Arbeit im Detailhandel ist körperlich hart, und die Tage sind sehr lang. Bereits jetzt arbeiten die Verkäuferinnen und Verkäufer von früh bis spät, montags bis samstags und teilweise auch am Sonntag. Sie sind erschöpft, und sie wollen nicht noch mehr am Sonntag arbeiten.

ZUFRIEDEN: Unia-Frau Leena Schmitter. (Foto: Manu Friederich)

Die Gewerkschaften bekämpfen alle Angriffe auf die Gesundheit der Arbeitnehmenden auf allen Ebenen entschieden. Bei der Sonntagsarbeit tun sie dies in einem breiten Bündnis gemeinsam mit kirchlichen Kreisen und medizinischen Fachpersonen. Diese «Sonntagsallianz» hat im Ständerat knapp obsiegt. Die Vorlage kommt jetzt in den Nationalrat. Ob die Vernunft aus dem Stöckli auch in der grossen Kammer weht, wird sich im Herbst zeigen.

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