Vermögensverwalter schrottet Pflegequalität
«Was wir machten, war keine Pflege mehr. Das war Misshandlung.»

Wie ein zuvor gut geführtes Heim in die Misere abstürzte. Und was der Nationalrat damit zu tun hat.

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EINE PFLEGERIN KLAGT AN: Maria wollte nicht mehr in einem Pflegeheim arbeiten, wo das Geld und nicht die Menschen im Zentrum stehen. (Foto: Screenshot / Montage: work)

Nach fünf Jahren unter dem neuen Heimleiter hielt es Maria nicht mehr aus. Die Pflegehelferin kündigte. Sonst, sagt sie, «hätte ich wohl ein Burnout erlitten». Sie berichtet von einer Reihe von Missständen in dem Alters- und Pflegeheim im Kanton Genf, bis vor einigen Wochen ihr Arbeitsort: Vetternwirtschaft, Herabwürdigung von Mitarbeitenden, ein Klima der Angst. Lange Absenzen wegen Burnout und anderen psychischen Problemen, systematische Unterbesetzung, Erschöpfung. Dazu Medikationsfehler und einige schwere Arbeitsunfälle. Das Traurigste daran, so Maria:

Die Leidtragenden sind die Bewohnerinnen und Bewohner. Sie haben keine Lebensqualität mehr!

Für jeweils 15 teils stark pflegebedürftige Menschen seien gerade mal zwei Pflegende verantwortlich – viel zu wenig. Es sei deshalb vorgekommen, dass jemand mit dem Klingelknopf Hilfe anforderte und dann eine Dreiviertelstunde warten musste. «Einmal sass eine Frau auf dem WC und weinte. Sie sagte mir: Wenn ich jetzt einen Schlaganfall gehabt hätte? Dann wäre ich tot.» Die Pflegehelferin mit 20 Jahren Berufserfahrung wählt harte Worte: «Wir kamen an einen Punkt, wo wir nicht mehr Pflege leisteten, sondern Misshandlung.»

«Es war ein wunderbarer Ort»

Bevor der jetzige Direktor übernahm, sei die Betreuungs- und Pflegequalität im Heim hoch gewesen: «Im Mittelpunkt standen die Bewohnerinnen und Bewohner. Es fühlte sich nicht an wie ein Altersheim – es war ein wunderbarer Ort, ein Ort des Lebens!» Die damalige Leiterin sei selber aus der Pflege gekommen, das habe den Betrieb geprägt. Klar, Sorgen habe es auch gegeben: «Es war nicht das Paradies. Aber wir hatten anständige Arbeitsbedingungen, wir wurden gehört, alle arbeiteten Hand in Hand. In einer ruhigen, wohlwollenden Atmosphäre.» Vor fünf Jahren wurde die Leiterin pensioniert und der neue Chef eingesetzt. Maria:

Er ist Vermögensverwalter. Das hat in einem Altersheim nichts zu suchen!

Das Einzige, was ihn interessiere, sei das Geld. Um Kosten zu senken, habe er alles auf den Kopf gestellt: «Die Qualität der Mahlzeiten wurde verschlechtert, unsere Arbeitsbedingungen ebenfalls, der Teamgeist ging verloren.» Maria berichtet: Als sie sich den Verschlechterungen widersetzte, bat sie der Direktor zu einem Gespräch. «Er sagte mir, ich solle aufhören damit und die neuen Regeln einfach umsetzen. Mir war klar: Entweder gehe ich oder ich muss mich unterwerfen. Ich bin lieber gegangen.»

Arlette Messi von der Unia Genf ist mit mehreren Mitarbeitenden des Heims in Kontakt, ebenso mit der Heimleitung. Aktuell will sie dem Betrieb die Chance geben, von sich aus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Deshalb nennt sie den Namen des Heims vorerst nicht.

Debatte im Nationalrat

In der Pflicht sieht sie allerdings auch die Politik. Genauer: den Nationalrat. Er wird voraussichtlich am 28. und 29. April das Gesetz diskutieren, mit dem der zentrale Teil der Pflegeinitiative umgesetzt werden soll. Zur Erinnerung: Vor viereinhalb Jahren sagten an der Urne 61 Prozent Ja zur Initiative. Seither hat der Bund den Auftrag, die Arbeitsbedingungen in der Pflege zu verbessern – um Zustände zu verhindern, wie sie Maria beschreibt. Doch die rechte Mehrheit in der vorberatenden Kommission will dem (bereits schwachen) Entwurf fast alle Zähne ziehen. Mit einem dringenden Appell erinnert das Bündnis Gesundheitspersonal den Nationalrat an seinen Auftrag (pflege-appell.ch).

Für Arlette Messi unterstreicht Marias Bericht, wie nötig eine wirksame Umsetzung der Initiative sei:

Es kommt in sehr vielen Heimen vor, dass die Leitung zu wenig Pflegende einsetzt, um zu sparen. Die Folgen kennen wir: überlastete Mitarbeitende und eine schlechte Pflege.

Bekannt ist auch ein Mittel dagegen. Es heisst Stellenschlüssel. Die legen fest, wieviel Mitarbeitende mit welchen Qualifikationen es pro Patientin, pro Bewohner braucht. Obwohl eine der Hauptforderungen der Initiative, steht dazu im aktuellen Gesetzesvorschlag nichts. Eine Kommissionsminderheit aus SP, Grünen, Mitte und GLP beantragt jetzt einen Gesetzesartikel, laut dem die Kantone solche Vorgaben festlegen müssen. Das wäre ein wichtiger Schritt, sagt Unia-Frau Messi: «Gute und gut finanzierte Stellenschlüssel machen es möglich, dass nicht die Zahlen im Zentrum stehen, sondern die Menschen. Und damit eine gute Qualität von Pflege und Betreuung.»

*Dieser Beitrag von Redaktorin Manon Tedesco ist zuerst in der französischsprachigen Unia-Zeitung «L’Evénement syndical» erschienen und wird hier in einer überarbeiteten Version publiziert.

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