Chaos-Initiative will starren Bevölkerungsdeckel
Ist alle Welt dümmer als die Schweizerische Volkspartei?

Die SVP will einen starren Bevölkerungsdeckel über die Schweiz stülpen. Das ist aus vielen Gründen eine ganz schlechte Idee. Auch deshalb, weil der Schweiz in den nächsten Jahren nicht «Überbevölkerung» droht, sondern Bevölkerungsschwund. 

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DIE REALITÄT: Ohne Zuwanderung fehlt der Schweiz der Nachwuchs. (Foto: Keystone)

Kein Land auf der Welt legt eine Höchstgrenze seiner Bevölkerung fest. Jetzt könnte man davon ausgehen, dass die ganze Welt dümmer ist als die Schweizerische Volkspartei. Oder man kann sich dieser erstaunlichen Tatsache wissenschaftlich nähern. Die «Bevölkerungswissenschaft» heisst Demographie. Das Wort kommt aus dem Griechischen (demos = Volk, graphein = Beschreibung). Es geht also darum, die menschliche Bevölkerung zu zählen, zu messen und zu verstehen, wie sie sich mengenmässig verändert. 

Der Biologie-Check

Was das konkret heisst, zeigt dieses leicht vereinfachte Experiment: Wir mieten eine Dreifachturnhalle. 100 Heteropaare der aktuellen Generation treten an. Das ist unsere Ausgangslage. Doch bevor wir die Turnhalle betreten, räumen wir mit einem Mythos auf: Braucht es für den Erhalt der Population nicht schlicht zwei Kinder pro Paar? Eines für Mami, eines für Papi? Knapp daneben.

Die Natur hat nämlich einen interessanten Humor: Es werden statistisch gesehen mehr Knaben als Mädchen geboren. Das Verhältnis liegt weltweit stabil bei etwa 105 zu 100.

Warum das so ist? Eventuell darum: Die Evolution scheint einzupreisen, dass junge Männer historisch gesehen eine etwas höhere Neigung haben, sich durch riskante Verkehrsmanöver (oder Kriege) vorzeitig aus dem Genpool zu verabschieden. Da aber am Ende für den Erhalt der Population vor allem die Anzahl der Frauen entscheidend ist, müssen mehr Kinder geboren werden, um die «verlorenen» fünf Männchen und die Kindersterblichkeit auszugleichen.

Die magische Zahl lautet daher 2,1. Das ist die sogenannte Ersatzquote für Länder mit niedriger Kindersterblichkeit. Alles darunter bedeutet: Die Population schrumpft – sofern niemand von draussen dazustösst. Die Folgen für geistige Fähigkeiten und die Optik wären ein anderes Thema.

Die Schweiz als Turnhalle

Doch wie wirken sich unterschiedliche Fertilitätsraten konkret aus? work zeigt auf:

Rate 2,1: Die Käseglocke

Bei einer Fertilitätsrate von 2,1 passiert in der Halle nichts Spektakuläres. Die 100 Paare bekommen 210 Kinder. Nach Abzug der statistischen Unwägbarkeiten stehen in der nächsten Generation wieder 200 junge Leute in der Halle. Was oben stirbt, wird unten geboren. 

Rate grösser als 2,1: Das Wachstum

Würden wir auf eine Quote von 3,0 zusteuern, bekämen unsere 100 Paare 300 Kinder. Die bestehende Halle wird zu klein, wir müssen anbauen. Es braucht mehr Schulen, mehr Wohnungen, mehr Arbeitsplätze. Die Wirtschaft brummt. Die zentrale Frage: Wie ökologisch verträglich wird dieses Wachstum gestaltet, und wie gerecht wird der erwirtschaftete Wohlstand verteilt?

Rate 1,29: Die Geisterhalle

Aktuell steuern viele westliche Gesellschaften (und asiatische sowieso) auf Werte zu, die weit unter der 2,1 liegen. Nehmen wir jenen der Schweiz: 1,29.

In unserer Turnhalle sieht das so aus:

Generation 1: Die 100 Paare (200 Personen) bringen nur noch 129 Kinder hervor. Die Halle wirkt plötzlich seltsam leer.

Generation 2: Diese 129 Kinder bilden (wenn sie Glück haben) etwa 64 Paare. Bei einer Rate von 1,29 zeugen diese nur noch 83 Kinder.

Innerhalb von nur zwei Generationen sind also die «Jungen» in der Halle von 200 auf 83 Per-
sonen zusammengeschmolzen.

Wer bringt Leben in die Halle?

Das Problem am Wert 1,29 ist nicht nur, dass die Halle leer wird. Das Problem ist die fatale Verschiebung der Gewichte. Demographie ist nämlich ein Spiel auf Zeit: Während die Natur am Eingang der Turnhalle knausert, hat die moderne Medizin den Ausgang immer schmaler gemacht. Wir werden dank dem medizinischen Fortschritt immer älter. In unserem Modell bedeutet das: Wenn die 83 Enkelinnen und Enkel bereitstehen, um das Spielfeld zu übernehmen, sind die ursprünglichen 200 Grosseltern zwar langsam Richtung Friedhof abgewandert, aber die meisten der 129 Eltern sitzen noch wohlverdient auf der Tribüne. Die Enkelgeneration soll jetzt den Laden am Laufen halten. Das wird streng, sehr streng. Beziehungsweise ohne Zuwanderung unmöglich. Denn die erwerbstätige Bevölkerung besteht entweder aus den einstigen Kindern und Kindeskindern – oder aus diesen und eingewanderten Erwerbstätigen. Der SVP-Bevölkerungsdeckel kümmert sich nicht darum. Der Rest der Welt schon. Er ist halt doch nicht dümmer als die Schweizerische Volkspartei.

Zum Beispiel Oberiberg

In der Gemeinde Oberiberg (SZ) sind die Steuern tief. Das meiste Geld kommt aus Subventionen (Landwirtschaft) und von Fremden, die wieder gehen (Tourismus). Die SVP hat fast die absolute Mehrheit (Nationalratswahlen 2023: 46,65 Prozent). Über 85 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner sind Eidgenossinnen und Eidgenossen. Eigentlich ist Oberiberg im Kanton Schwyz genau so ein Dorf, wie es die SVP der ganzen Schweiz verspricht. Nicht so kleines Problem: Es droht auszusterben. An der Gemeindeversammlung warnte der Gemeinderat vor Entvölkerung: Ein Drittel der Einwohnenden hat unterdessen das AHV-Alter erreicht, und der Anteil der Jungen beträgt nur noch 16 Prozent. SVP-Präsident Marcel Dettling bewirtschaftet in Oberiberg einen Bauernhof und arbeitet für die Skilift AG. Kein Witz. 

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