Ausstellung für Nostalgikerinnen und Gewerkschafts-Fans
Willi Ritschard: Vom Monteur zum ersten Arbeiter-Bundesrat

Das Oltner Haus der Museen lädt bis Mitte April zu einer ­Doppelausstellung ein, die Sie besser nicht verpassen sollten!

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BÜEZER IM BUNDESHAUS: Willi Ritschard im November 1977 in seinem Arbeitszimmer in Bern. (Foto: Keystone)

Es passiert den besten Zugpassagieren und ÖV-Nutzerinnen: Plötzlich steckt man in Olten fest. Gerade längere Reisen quer durch die Schweiz führen in vielen Fällen über diesen Knotenpunkt. Doch kein Grund zur Panik! Die Eisenbahnstadt hat vieles zu bieten, um sich die Zeit bis zur nächsten Zugverbindung zu vertreiben. Darunter eine aktuelle Doppelausstellung im Haus der Museen, zu Fuss ungefähr 10 Minuten vom Bahnhof Olten entfernt. Bis am 19. April 2026 ist im lauschigen Dachstock des Museums die Sonderausstellung «Sozial & sicher» sowie die Wanderausstellung zu Willi Ritschard, dem ersten Arbeiter-Bundesrat, zu finden. work hat die Ausstellung besucht, die Zeit dabei vergessen und erst viele Zugverbindungen später das Museum verlassen.

Eine Stimme für die Arbeiterklasse

Es war ein historischer Tag für die Schweiz: Am 5. Dezember 1973 wurde Willi Ritschard zum Bundesrat gewählt. Ritschard hatte etwas, was bisher kein Bundesrat vorweisen konnte: einen Lehrabschluss und eine ganz normale Büez. Bevor er sich in seiner Heimatgemeinde Luterbach SO und später für den Kanton Solothurn politisch engagierte, machte er eine Ausbildung zum Heizungsmonteur. Und kannte deshalb die realen Probleme der Arbeiterklasse.

Seine Wahl in den Bundesrat war so überraschend, dass er zum Zeitpunkt der Wahl nicht mal in Bern anwesend war. Denn er galt als sogenannter Sprengkandidat. Zur Wahl hatte seine Partei – die SP – einen anderen Politiker gestellt. Wie reagierte sein Heimatdorf auf seine Wahl? Genau mit diesen Stimmen beginnt die Ausstellung im Haus der Museen in Olten. In gemütlichen Sesseln können sich die Besucherinnen und Besucher erste Reaktionen aus einer Strassenumfrage anhören. Ein ­altes Radio aus den 1960er Jahren gibt einen Vorgeschmack: Diese Ausstellung erobert die Herzen aller Nostalgikerinnen.

Willi, wer?

Willi Ritschard kommt 1918 in Deitingen im solothurnischen Wasseramt zur Welt. Nach der Lehre schliesst er sich sofort der Gewerkschaftsbewegung an – als Mitglied beim Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiterverband (Smuv), Vorgänger der heutigen Gewerkschaft Unia. Seine politische Karriere beginnt auf lokaler Ebene, als er als Büezer mit 25 Jahren in den Gemeinderat gewählt wird.

EIN SPRICHWORT, DAS WILLI RITSCHARD GERNE ZITIERTE: «Je höher der Affe steigt, desto mehr sieht man seinen Hintern.» (Foto: dak)

Ritschard ist ein beliebter Politiker, seine spätere Wahl zum Bundesrat für viele Arbeiter dieses Landes ein Durchbruch. Im Oltner Museum werden wichtige Abschnitte seines Lebens mit Text, Bild und Ton dokumentiert. Über seine politische Amtstätigkeit hängt ein Schild im Museum mit dem Titel: «volksnah, charismatisch, sensibel». Doch eine Lücke erschwert Ritschards Politikerdasein: Er hat keinen höheren Schulabschluss. Dafür besucht er ab 1953 die «Arbeiterschule», wo er sich das «systematische Lernen» und das «intellektuelle Arbeiten» aneignet. Auch baut sich Ritschard ein Umfeld auf, das ihn unterstützt. Darunter Max Weber, Redaktor und volkswirtschaftlicher Mitarbeiter beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund, der sein Lehrer und «geistiger Vater» wird. Oder Peter Bichsel, Schriftsteller und Gewerkschafter, der Ritschard zur Seite steht. Immer wieder lädt die Ausstellung mit spannenden Details zum An- und Innehalten ein. Darunter mit einem Magazinstapel zu Ritschards Bundesratswahl. Die «Schweizer Illustrierte» ­titelte in ihrer Ausgabe vom 10. Dezember 1973: «Vom Monteur zum Bundesrat».

Mitreden ist die Lösung

Parallel zur Ausstellung über Ritschard zeigt die Ausstellung unter dem Titel «Sozial & sicher» die Kämpfe des Schweizer Sozialstaates. Eine Zeitreise: alte Gewerkschaftswappen, Gesamtarbeitsverträge für das Solothurner Baugewerbe für die Jahre 1967 bis 1971 oder Arbeiterschuhe – nicht mehr so Suva-konform – mit Holzsohle. Themen, die vertieft werden, sind unter anderem die Arbeiterbildung, die Sicherheit am Arbeitsplatz und die Armut.

Doch wo steht unser Sozialstaat heute? Und was sind dringende Kämpfe, die anzugehen sind? Darüber diskutierten am 11. März der ehemalige Ständerat Paul Rechsteiner, die Sozialwissenschafterin Elisabeth Michel-Alder, die Historikerin Anja Peter vom Büro für Feminismus und Nationalrat Cédric Wermuth. Klar wurde bei der Diskussion: Es gibt viele Baustellen. Und um diese anzugehen, ist die Mitsprache entscheidend. Sei es von Rentnern, Migrantinnen, Arbeitern oder Müttern.

Der Museumseintritt kostet für Erwachsene 5 Franken. Kinder und Jugendliche bis zu 18 Jahren, Touristen mit Gästekarten oder Menschen mit einer Kulturlegi können gratis das Haus der Museen in Olten besuchen.

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