Jetzt beweisen auch die Daten des Kantons:
Scheinselbständige stromerten für Amazon in Aargauer Datacenter

Bussen, Sperren und rekordhohe Konventionalstrafen – neue Daten zeigen das Dumping-Ausmass in einem Datacenter von Green. Ex-Boss und SVP-Nationalrat Franz Grüter hat eine pikante Rolle. 

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ENGAGIERTE DIE BILLIG-STROMER: Amazon Web Services ist im Datacenter von Green eingemietet. (Foto: Keystone / Montage: work)

Green ist die wohl bedeutendste Datacenter-Dienstleisterin der Schweiz. Die Firma betreibt mehrere Rechenzentren in Zürich und im Aargau. Zu ihren Kunden zählen auch Big-Tech-Kaliber wie Google. Und Green ist weiter auf Expansionskurs. Gerade entsteht in Lupfig AG ein viertes, riesiges Hochsicherheitsrechenzentrum. Der Mann, der Green gross gemacht und bis letzten Herbst als Verwaltungsratspräsident geführt hat, heisst Franz Grüter. Er ist Nationalrat und einer der wichtigsten Strategen der SVP. Also jener Partei, die die flankierenden Massnahmen zum Schutz der Schweizer Löhne vehement bekämpft. Dank eben jenen flankierenden Massnahmen ist jetzt Brisantes aufgeflogen.

WAR VR-PRÄSIDENT VON GREEN: SVP-Stratege Franz Grüter. (Foto: Keystone)

US-Riese holt Billig-Stromer

In den Räumlichkeiten von Green wurde wiederholt und zum Teil massiv das Gesetz gebrochen. Das machte work jüngst publik. Konkret geht es um das Entsendegesetz. Dieses regelt die minimalen Arbeits- und Lohnbedingungen für ausländische Arbeitnehmende, die von ihren Firmen befristet für Dienstleistungen in die Schweiz geschickt werden. Der Tatzeitraum liegt in den bekannten Fällen im Jahr 2023. Damals hatte Green in Lupfig ein neues Datacenter in Betrieb genommen. Die Grosskundin darin: Amazon Web Services, eine Tochtergesellschaft von Amazon. Der US-Online-Gigant war für die Elektroinstallationen in der von ihm gemieteten Fläche selbst verantwortlich. Und engagierte dafür etliche Billig-Stromer aus Rumänien, Polen, Kroatien, Irland, Deutschland oder Grossbritannien. Viele davon wurden in Lupfig zu üblen Dumpingbedingungen ausgebeutet. Das bestätigen jetzt auch Daten des Aargauer Migrationsamts.

Brite bezahlte Busse nicht

Auf Grundlage des Öffentlichkeitsgesetzes hatte work dort Akteneinsicht verlangt. Und schliesslich eine Liste erhalten mit sämtlichen vom Kanton verhängten Sanktionen gegen natürliche und juristische Personen, die auf dem Lupfiger Green-Areal gegen das Entsendegesetz verstossen haben. Die Liste nennt acht rechtskräftig sanktionierte Personen. Sechs davon sind scheinselbständige Arbeitnehmer aus Rumänien, Irland und Grossbritannien. Diese hatten nachweislich gegen die Dokumentationspflicht verstossen und wurden dafür vom Kanton gebüsst.

Ein Ire und ein Brite bezahlten die Busse jedoch nicht, weshalb sie mit einer zwölfmonatigen Dienstleistungssperre für die gesamte Schweiz belegt wurden. Zwei weitere rechtskräftige Fälle betreffen juristische Personen, also ganze Firmen. Konkret: die rumänische SC Helinick SRL -und die deutsche Niederlassung des irischen Multis Alltec Fibre. Beide wurden von Amazon engagiert. Und beide haben während ihrer Einsätze im Green-Datacenter gegen Meldepflichten verstossen.

Das sagt SVP-Grüter

Bei der rumänischen Helinick war der Bschiss besonders extrem: Die Paritätische Kommission Elektro des Kantons Aargau verhängte (und kassierte) eine rekordhohe Konventionalstrafe von 75'000 Franken. Zudem musste Helinick vier rumänischen Stromern total 170'000 Lohnfranken nachzahlen. Eine Riesensumme! Zumal die vier bloss ein paar Monate in Lupfig waren. Kommt hinzu: Die acht vom Kanton bestätigten Fälle sind wohl nur die Spitze des Eisbergs. Denn viele weitere Fälle sind noch hängig.

Green sieht sich nicht in der Verantwortung. Sondern betont, die «betreffende Mieterin der Rechenzentrumsfläche» habe die fraglichen Elektroarbeiten «eigenständig, das heisst ohne jede Mitwirkung von Green» an Drittunternehmen vergeben. Green sei auch nicht Vertragspartei dieser Drittverträge. Und Green habe weder Kenntnis von den konkreten Subunternehmensverhältnissen noch Einfluss auf deren arbeitsrechtliche Ausgestaltung gehabt. Auch Franz Grüter versichert, dass Green während seiner Zeit als VR-Präsident stets nach Gesetz und nur mit Fachkräften gearbeitet habe. Und dass Green auf Kunden und deren Auftragnehmer keinen Einfluss genommen habe.

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