Laura mal laut
Laura und die ­Dächer der Stadt

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Laura Gonzalez Martinez ist Verkäuferin in Zürich und Gewerkschafterin.

Vor kurzem habe ich in einem Café zufällig mit einem Mann aus der Holzbaubranche ein spannendes Gespräch geführt. Mir fiel seine Zimmermannskleidung auf, und ich sprach ihn an. «Das Wetter könnte besser sein», sagte ich. «Passt schon, wir sind schlechtes Wetter gewohnt», antwortete er. Und so kamen wir ins Gespräch. Er erzählte mir, dass seine Gspönli und er in der Stadt oft komische Blicke wegen der Arbeitskleidung kassieren. Sein Beruf erhalte keine Wertschätzung, ganz im Gegenteil. Ich wurde neugierig und wollte mehr wissen: Er erzählte über eine Baustelle im Herzen der Stadt. Dort mussten sie zu Beginn ohne fliessendes Wasser arbeiten. Er bat den Bauherrn um einen Wasseranschluss. Und was war die Antwort des Bauherrn? Er solle den Brunnen unten an der Strasse zum Händewaschen nutzen. Da schnappte sich mein neuer Kaffee-Bekannter den Bauherrn und liess ihn vom Rand des Baugerüsts runterschauen. «Weisst du, was das da für eine Strasse ist?» fragte der Arbeiter. Der Bauherr blickte verwirrt. «Das ist verdammt noch mal eine der teuersten Strassen der Welt, und ich diskutiere hier wegen eines Wasseranschlusses! Nicht zu fassen! Aber okay, dann warte mal ab, bis die Gipser kommen und den Brunnen benutzen müssen.» Das wirkte. Der Anschluss wurde installiert. Ich feierte den Zimmermann für seine schlagfertige Antwort, weil sie amüsant und wirkungsvoll war.

WEN JUCKTS’?

Das Gespräch stimmte mich aber auch nachdenklich. Dieser Mann arbeitet hart, bei jedem Wetter, damit wir buchstäblich ein Dach über dem Kopf haben. Doch nicht mal fliessendes Wasser wollte der Bauherr ihm zugestehen. Dabei hatte mein Kaffee-Bekannter nur ein absolutes Minimum an halbwegs guten Arbeitsbedingungen gefordert. Doch der Bauherr stand auf dem Schlauch. Das zeugt von null Empathie und Wertschätzung für die Arbeit anderer.

Der Zimmermann berichtete mir auch von der Unia. Und davon, wie die Gewerkschaft ihm in einer Situation half, als ein Arbeitgeber ihm den Lohn vorenthalten wollte. «Die Gewerkschaften sind wichtig! Sie sind die einzigen, die sich um das Wohl der Arbeiterinnen und Arbeiter kümmern. Die anderen juckt’s nicht die Bohne, wie es uns geht», sagte er mir. «Siehste, wenn es nach denen geht, hätten wir nicht mal Wasser.» Ich schätze es sehr, wenn Menschen so offen über Missstände in ihrem Berufsalltag sprechen. Ich lerne, dass wir nicht nur im Verkauf mangelnden Respekt erleben. Und ich betrachte die Dächer der Stadt jetzt aus einer ganz neuen Perspektive.

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