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Konstrukteurin Vivienne Clénin (24): Erfinderin am Bildschirm

Technik und Zeichnen waren schon Vivienne Clénins Leidenschaften, als sie ein Kind war. Als Konstrukteurin kombiniert sie heute beides. Sie könne sich keinen besseren Beruf vorstellen, sagt die 24jährige.

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Spezialanfertigungen sind das tägliche Brot von Vivienne Clénin (24). (Foto: Stephan Bösch)

Mit ihren Händen zeigt Vivienne Clénin, wor­in ihre Arbeit besteht: «Da ist ein Schiffs­container, den du mit einem Kran hochheben willst. Den Haken des Krans müsstest du hier befestigen können, in der Mitte. Das geht aber nicht. Ösen zum Einhängen hat ein Container nur an den Ecken.»
Also brauche es ein Verbindungsstück. Und genau solche Konstruktionen zeichnet Clénin – heute nicht mehr mit dem Stift, sondern am Computer. Für den Container sei die Lösung eine sogenannte Lasttraverse. Wieder nimmt sie die Hände zu Hilfe: «Das ist ein langes, waagrechtes Metallstück. An jedem Ende hat’s zwei Ketten, an jeder Kette ist ein Haken. Die Haken kommen in die vier Ösen des Containers. Und schon kann ihn der Kran hochheben.»

Lego

Die 24jährige berechnet auch, welche Kräfte ihre Konstruktion aushalten muss. Daraus erstellt sie einen detaillierten Bauplan, mit dem ihre Kollegen in der Produktion das Gerät herstellen. Bei der Frage, ob sie die Arbeit gern mache, strahlt die 24jährige und sagt:

Sehr gern. Hast du als Kind mit Lego Technic gespielt? Ich mache genau das: Mit den verfügbaren Mitteln eine Lösung für ein Problem finden. Wie eine Erfinderin!

Spezialanfertigungen sind ihr tägliches Brot. Kürzlich etwa hat sie einen sogenannten Haltearm für einen Betrieb fertiggestellt, der optische Linsen verarbeitet. «Der Arm muss diese Linsen aufnehmen, dann kippen, in eine Lösung eintauchen und am Schluss schräg halten, zum Abtropfen.» Er müsse aber auch so gestaltet sein, dass Menschen ihn gut bedienen könnten. Also Hebel und Knöpfe gut zugänglich und möglichst kein Risiko, sich zu verletzen. Das alles unter einen Hut zu bringen, «das war eine ziemliche Hirnete», sagt Clénin und lacht. Also genau ihr Ding.

Dabei fand sie erst nach Umwegen zur Lehre als Konstrukteurin. Nach der Sek ging sie ans Gymnasium. Doch was sie dort lernte, war ihr zu theoretisch. Nach zwei Jahren brach sie ab und schnupperte als Automatikerin. Dort sei ihrem Lehrmeister eine dreidimensionale Zeichnung aufgefallen, die sie «mehr so nebenbei» gemacht habe. Er empfahl ihr, Konstrukteurin zu werden.

Aufbau

Bei ihrem Arbeitgeber, der Bollhalder Industrielogistik in Arbon TG, ist Clénin derzeit die Einzige mit diesem ­Beruf. Hauptgeschäft der Firma sind Schwertransporte. Die passenden Hilfsmittel, um etwa eine schwere Maschine oder einen riesigen Tank anzuheben, habe die Firma jeweils selber konstruiert: «Mehr und mehr hat dann die Kundschaft angefragt, ob wir ihnen dieses oder jenes Gerät auch bauen könnten.» Vor ein paar Jahren entstand daraus ein eigener Standort für den Maschinenbau. Heute zählt er bereits ein gutes Dutzend Mitarbeitende und wächst weiter.

Vivienne Clénin ist seit Anfang Jahr dabei. Und sie schwärmt.

Es ist noch nichts festgefahren. Ich kann helfen, etwas Neues sauber aufzubauen. Was wir jetzt machen, hat viel Einfluss darauf, wie es später läuft – das finde ich cool.

Einen gewichtigen Nachteil habe die Stelle aber: Im Betrieb, für den kein GAV gilt, beträgt die wöchentliche Arbeitszeit 43 Stunden. Die tägliche Znüni- und Mittagspause, zusammen 75 Minuten, sind nicht bezahlt. «Das gibt lange Arbeitstage. Von morgens um halb acht meistens bis abends um sechs. Danach ist mein Kopf leer.»

Unpassend

Vivienne Clénin ist trans. Zur Welt gekommen ist sie mit einem männlichen Körper. In diesem habe sie sich ­jahrelang irgendwie unpassend gefühlt – ohne das Gefühl richtig benennen zu können, sagt sie. Das habe sich erst geändert, als sie andere queere Menschen kennengelernt habe. «Da habe ich gemerkt, dass es das gibt.» Vor zwei Jahren entschied sie sich, etwas gegen dieses ungute Gefühl zu unternehmen. Seither nimmt sie Hormone und trägt ihren jetzigen, weiblichen Vornamen.

Nach dem Comingout habe sie ihre Eltern gefragt, wie sie als Mädchen geheissen hätte. Doch die hatten damals gar keinen Mädchennamen ausgewählt – ihnen war gesagt worden, es werde ein Junge. «Also hat meine Mutter das kurzerhand nachgeholt.» Clénin lächelt und sagt, sie habe ihren Namen, wie die meisten Menschen, von den Eltern bekommen. «Das finde ich schön.» Überhaupt: Sie habe «mega Glück» mit ihrer Familie, die habe die Transition insgesamt gut akzeptiert.

Gar kein Verständnis hatte dagegen ihr damaliger Arbeitgeber. Details möchte sie nicht in der Zeitung ausbreiten. Nur so viel: Beim Management der Firma sei null Akzeptanz vorhanden gewesen. «Das führte zu gehörig Stress und schliesslich zum Ende des Arbeitsverhältnisses.» Der Kontrast zur jetzigen Stelle sei riesig. Hier fühlt sie sich voll als Frau akzeptiert.

Das Gschtürm mit dem alten Betrieb brachte Clénin auch mit der Unia in Kontakt. Die Gewerkschaft unterstützte sie gegenüber der Firma, seither sei sie «mit Herzblut dabei». Zusammen mit anderen jungen Berufsleuten gründete sie letztes Jahr in der Unia Ostschweiz-Graubünden die IG Jugend neu – und ist seither deren erste Präsidentin. Dank der Unia interessiere sie sich jetzt auch für Politik und Aktivismus, sagt sie. Im vergangenen November reiste sie etwa nach Bern, um solidarisch an der Demo der Gesundheitsberufe teilzunehmen. Saukalt sei es gewesen auf dem Bundesplatz, sagt sie. «Aber auch sehr eindrücklich.»


Vivienne CléninDer Traum vom Flieger

Aufgewachsen ist Vivienne Clénin in Lutzenberg im Kanton Appenzell Ausser­rhoden. Heute wohnt sie im Kanton St. Gallen mit ihrer Freundin, einer Gastro-Fachfrau aus Genf.

Technik

In der Freizeit unternimmt sie gerne Töfftouren, zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen ihres Töff­vereins. Sie fährt eine Kawasaki und eine Yamaha. Den Service macht sie natürlich selber. «Ich finde alles Mögliche cool, was mit Technik zu tun hat», sagt sie. So ist sie auch Mitglied in einem Aero-Club und einem Schützenverein und besitzt den Flugschein für ein­motorige Propeller­maschinen wie auch einen Karabiner und ein altes Sturm­gewehr. Sie träumt davon, einmal selber ein Flugzeug zu bauen -- «aber das ist sauteuer». Allein die Materialkosten schätzt sie auf mindestens 80 000 Franken. Bereits zusammengebaut hat sie ihren PC zum Gamen.

Lohn

Clénin ist seit 2025 Mitglied der Unia. Ihr Lohn beträgt 5750 Franken brutto, bei dreizehn Monatslöhnen.

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