Die Schweizer Industrie leidet am starken Franken
«Für Industrie und Arbeitsplätze ist das noch gefährlicher als die Zölle»

Silvia Locatelli (46) ist seit vier Monaten Leiterin des Sektors ­Industrie der Unia. Im Interview spricht sie über den Protest bei Novartis, die Zusammenarbeit mit Swissmem und warum sie trotz Massenentlassungen und fehlender Industriepolitik ­zuversichtlich bleibt.

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UNIA-INDUSTRIE-CHEFIN SILVIA LOCATELLI: «In der Schweiz geschieht der Wandel in der Industrie ohne Strategie und ­Führung des Bundesrats und auch nicht zukunftsorientiert.» (Foto: Manu Friederich)

work: Fast jede Woche werden ­Fabrikschliessungen und Massenentlassungen verkündet. Etwa 15'000 Menschen haben ihre Jobs in der Schweizer Industrie in den letzten zwei Jahren verloren. Sind Sie nicht entmutigt?
Silvia Locatelli: Als langjährige Unia-Regionalsekretärin im Kanton Neuenburg kenne ich die Industrie und insbesondere die Uhrenindustrie sehr gut. In vielen Betrieben herrscht Verunsicherung. Die Leute sprechen viel über die Zölle und Trump. Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. Der Eisberg war auch schon vor Trump da und seit langem eine Gefahr für die Schweiz als Produktions­standort.

Welcher Eisberg?
Das grösste Problem für die Schweizer Industrie bleibt der starke Franken. Für den gesamten Export ist das katastrophal. Dennoch tut die Nationalbank nichts dagegen. Die meisten Arbeitgeber sind ebenfalls passiv. Swissmem hat sich nie für eine Untergrenze des Wechselkurses eingesetzt. Aber wir müssen das zusammen ändern. Das ist sehr gefährlich für die Industrie und die Arbeitsplätze, noch gefährlicher als die Zölle. Wir müssen das zusammen ändern.

Doch im Moment scheinen sich nur die Gewerkschaften und vielleicht noch Swatch-Chef Nick Hayek für eine Abwertung des Frankens einzusetzen. Täuscht dieser Eindruck?
In der Romandie gibt es auch Widerstände seitens der Arbeitgeber. Auch Forderungen nach einer aktiven Industriepolitik werden hörbar. Ich bin optimistisch, dass diese Stimmen an Gewicht gewinnen werden. Es braucht eine intelligente Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern, Gewerkschaften und Behörden.

Was bedeutet intelligent?
Nichtstun hat Folgen. Man muss sich die Frage stellen: Wo steht die Schweizer Industrie in 20 Jahren, wenn wir nicht Gegensteuer geben? Es geht nicht, dass nur kurzfristige Profite, Dividenden und Steuereinnahmen zählen und lediglich die Interessen der Reichsten, die immer reicher werden, Priorität haben. Unsere Gesellschaft ist nicht nur politisch polarisiert. Es ist eine Gesellschaft, die auch materiell auseinanderdriftet. Wir kämpfen für den sozialen Zusammenhalt in unserem Land, und dazu gehört auch der Erhalt des Industriestandortes und der damit verbundenen Jobs.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit dem Arbeitgeberverband Swissmem?
Wir haben eine Sozialpartnerschaft, und daran halten wir fest. Die Beziehung zu Swissmem ist gut, natürlich haben wir auch einige Probleme, und es gibt Forderungen von beiden Seiten, das ist normal. Die gemeinsame Herausforderung wird die Erneuerung des MEM-GAV sein. Da beginnen die Verhandlungen voraussichtlich nächstes Jahr.

Aber warum setzt sich Swissmem nicht gemeinsam mit den Gewerkschaften gegen die Passivität der Nationalbank, für einen Klimafonds oder auch gegen den Fachkräftemangel ein? Da gäbe es doch auch gemeinsame Interessen.
Diese Fragen müssen Sie eher Swissmem stellen. Ich hoffe auf eine bessere Zusammenarbeit. Denn die Schweizer Industrie ist eindeutig unter Druck, und grosse technologische Umwälzungen sind in vollem Gange.

Ja, vor allem in China und den USA.
Nicht nur dort, auch bei uns! Nur geschieht hier der Wandel weiterhin ohne Strategie und Führung des Bundesrats und auch nicht zukunftsorientiert. Dies ist für die Arbeiterinnen und Arbeiter in der Industrie und für die ganze Bevölkerung problematisch: Zum Beispiel wegen des fehlenden Geldes für Klimaschutz. Auch die Versorgungssicherheit nimmt weiter ab. Das zeigte sich zuletzt beim Gesundheitskonzern Galenica, der die Produktion von Infusionen in Interlaken einstellen will. Die Untätigkeit der Regierung und die Schliessung solcher Betriebe sind nach der Coronapandemie und im Wissen um die Kriegsgefahr in Europa völlig verantwortungslos.

Sie waren bei Protestaktionen gegen die Schliessung der Novartis-Produktion in Stein AG dabei. Doch der Widerstand gegen den Entscheid von Novartis scheint überschaubar. Sind Sie enttäuscht?
Es bringt nichts, enttäuscht zu sein. Aber es ist wichtig, die Gründe zu erkennen. Bei Novartis begann der grosse Stellenabbau in der Schweiz bereits 2018. Man hat gekämpft, aber es gab immer weitere Entlassungen. Bei der Betriebsversammlung in Stein haben die Leute erzählt, wie auch die Teams neu zusammengesetzt wurden. Es ist eine Strategie der Konzerne, dass sich kein Gemeinschaftsgefühl bildet. Mitarbeitende, die nur wenige Jahre dabei sind, verlieren auch die Identifikation mit der Firma. Eine solche Massenentlassung zur Erhöhung der Gewinnmarge von 20 auf 40 Prozent wird dann eher hingenommen. Aber wir müssen weiter zeigen, dass die Leute gemeinsam kämpfen können und dass sich dies auch lohnen kann.

Und wie geht es weiter für die betroffenen Mitarbeitenden in Stein?
Die Konsultation ist jetzt beendet, die Resultate jedoch noch nicht öffentlich. Wir werden uns Anfang März nochmals mit der Novartis-Geschäftsleitung treffen. Da geht es vor allem um das Thema Weiterbildung. Wir verlangen, dass für die 90 neu geschaffenen Stellen am Novartis-Standort in Schweizerhalle BL auch Mitarbeitende aus Stein umgeschult werden, wenn sie dies wollen. Wir wollen eine Lösung für jede der 700 betroffenen Personen.

Das Thema Weiterbildung und ­Umschulung ist nicht nur im Fall von Novartis ein Thema.
Die Arbeit verändert sich, und es entstehen auch neue Produktionsanlagen in der Schweiz. Swiss Made steht heute mehr denn je für hohe Wertschöpfung und eine hochspezialisierte Produktion. Wenn die Firmen ihre Strategie ändern, müssen sie die Mitarbeitenden auch mitnehmen. Es braucht auch öffentliche Gelder für diese Transformation der Jobs und die Umschulung von Erwachsenen. Beim RAV gibt es nur individuelle Beratungen. Wir müssen die Logik ändern: Es braucht eine kollektive Logik und auch kollektive Angebote. Als Gewerkschaft müssen wir an diesen Massnahmen mitbauen. Das ist eigentlich eine Win-win-Situation. Die Arbeitgeber brauchen die Leute. Sie fordern: Die Frauen sollen weniger Teilzeit arbeiten, alle müssen länger arbeiten, und sie holen immer mehr Leute aus dem Ausland. Wir sagen: Die Leute sind hier, sie sind bereit für neue Aufgaben, und die Schweiz hat die Ressourcen und das Know-how, um diese Leute auszubilden und gute Löhne zu zahlen.

Silvia Locatelli

Seit Oktober 2025 ist Silvia Locatelli Mitglied der Unia-Geschäftsleitung und Leiterin des Sektors Industrie. Nach ­ihrem Studium der Rechtswissenschaften in Neuenburg begann sie 2009 als Industriesekretärin für die Unia Neuenburg und wechselte nach einigen Jahren in den Sektor Bau. Während fünf Jahren war sie als Juristin für das Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Neuenburg tätig. 2021 kehrte sie als Regiosekretärin zur Unia zurück.

Natur

Silvia Locatelli hat zwei ­erwachsene Kinder und lebt in ­La-Chaux-de-Fonds NE, wo sie auch ­aufgewachsen ist. In ihrer Freizeit macht sie gerne Sport, am liebsten draussen in der Natur. 

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