SRG-Initiative: Charles Kavuma (47) sorgt für scharfe Bilder im TV
«Wir arbeiten wirklich hart»

Die Anti-SRG-Initiative bedroht 6000 Jobs inner- und ausserhalb der SRG. work hat stellvertretend für all diese Menschen im ­«Maschinenraum» mit dem Videotechniker ­Charles Kavuma geredet.

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VIDEOTECHNIKER CHARLES KAVUMA WARNT: «Entweder wird es für die Zuschauerinnen und Zuschauer teurer, oder die Arbeitsbedingungen der Mitarbeitenden verschlechtern sich massiv.» (Foto: Michael Schoch)

Wenn SVP-Politikerinnen in der «Arena» oder in der «Tagesschau» gegen die SRG polemisieren, dann können sie das vor ­allem aus zwei Gründen: weil die SRG-Journalistinnen und -Journalisten ihnen als Service public ein Podium bieten. Und weil Menschen wie Charles Kavuma (47) dafür sorgen, dass ihre Äusserungen bei den Zuschauerinnen und Hörern auch ankommen. Kavuma ist Videotechniker und dafür verantwortlich, dass die TV-Bilder im richtigen Timing und störungsfrei auf den TV-Bildschirmen und Mobilgeräten landen.

Harte Arbeit

Bei Live-Sendungen ausserhalb der SRG-Studios kümmern sich Kavuma und seine Kolleginnen und Kollegen auch um den Auf- und Abbau der nötigen Technik. Das ist mit einigem Aufwand verbunden. Zum Beispiel bei Skirennen, Eishockey- und Fussballspielen, aber auch bei Unterhaltungssendungen wie dem «Donnschtig-Jass». Kavuma sagt: «Da sind die Arbeitstage auch mal 14 Stunden lang, und wir sind tagelang von unseren Familien getrennt.»

Darum ärgert sich Kavuma, wenn Befürworterinnen und Befürworter der Anti-SRG-Initiative behaupten, die Radio- und TV-Mitarbeitenden seien verhätschelt, es brauche «mehr Muskeln und weniger Fett»: «Wir arbeiten hart. Diese Leute sollten doch mal mitkommen und anpacken. Ich glau­­be nicht, dass sie danach noch behaupten könnten, wir würden eine ruhige Kugel schieben.»

Und auch dem häufig gehörten Argument, man wolle nur bezahlen, was man auch tatsächlich schaue, erteilt Kavuma eine klare Absage: «Ich zahle ja auch nicht nur für die Autobahnauffahrt, die ich benütze, sondern kaufe eine Autobahnvignette.» Service public bei den Medien funktioniere wie jede andere Grundversorgung: Man zahle an das Ganze, weil alle davon profitieren.

Gute Arbeit

Wenn Kavuma über seinen Job redet, spürt man den Stolz auf die Arbeit, die er und seine Kolleginnen und Kollegen regelmässig abliefern. «Unsere Qualität wird weltweit geschätzt», sagt er. Die SRG-Produktionen von Skirennen etwa gelten in der Branche als Weltspitze. Die TV-Bilder werden rund um den Globus gesendet. Viele Jahre lang produzierte die SRG im Auftrag des Internationalen Olympischen Komitees das Weltsignal der alpinen Skirennen an den Winterspielen – also jene Bilder, die Hunderte Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer weltweit sehen. Für ihre Olympia-Produktion in Pyeongchang 2018 wurde die SRG vom IOC mit Silber bei den «Olympic Golden Rings Awards» ausgezeichnet.

Die SRG verfügt über eine sehr gute technische Ausstattung, die sich über Jahrzehnte aufgebaut hat. In der gesamten Schweizer Privatwirtschaft gibt es gerade einmal zwei Unternehmen, die überhaupt über die personellen und infrastrukturellen Möglichkeiten verfügen, um vergleichbare Sportproduktionen zu stemmen. ­Kavuma sagt nüchtern: «Hinter beiden Produktionsfirmen stehen internationale Konzerne. Die wollen natürlich Gewinn machen. Das heisst: Entweder wird es für die Zuschauerinnen und Zuschauer teurer, oder die Arbeitsbedingungen der Mitarbeitenden verschlechtern sich massiv.» Dass das keine blosse Befürchtung ist, zeige sich schon heute bei gewissen Sportproduktionen.

Gedrückte Stimmung

So selbstbewusst Charles Kavuma über seine Arbeit spricht, so besorgt ist er mit Blick auf die Zukunft. Die laufende Sparrunde bei der SRG – bis 2029 sollen im Rahmen des Transformationsprogramms «Enavant SRG SSR» rund 900 Stellen abgebaut werden – hinterlässt bereits Spuren in der ­Belegschaft. Kavuma sagt: «Man merkt schon, wie sich die Stimmung verändert hat. Der Stellenabbau letztes Jahr hat bereits für grosse Verunsicherung gesorgt. Bei einem Ja zur Halbierungsinitiative müssten noch massiver Stellen gestrichen werden.»
Diese Ängste sind begründet. Eine Studie von BAK Economics aus dem Jahr 2024 im Auftrag des Bundesamts für Kommu­nikation beziffert die Folgen einer Halbierung der Radio- und TV-Abgaben. Demnach müsste die SRG von ihren rund 7000 Angestellten mehr als 3000 entlassen, was rund 2450 Vollzeitstellen entspricht. Der Stellen­abbau bliebe nicht auf das Unternehmen beschränkt. Weil mit einer halbierten SRG auch Aufträge wegfallen, rechnet die Analyse bei externen Produktionsfirmen, IT-Dienstleistern und weiteren Zulieferern mit dem Verlust von rund 2450 Vollzeitstellen. Gesamthaft droht bei einem Ja zur SVP-­Initiative damit über 6000 Menschen die Entlassung.

Weiter arbeiten

Am 8. März stimmen die Schweizerinnen und Schweizer über die Initiative ab. Die Umfragen deuten auf ein knappes Ergebnis hin. Bis dahin sorgen Charles Kavuma und seine Kolleginnen und Kollegen im Maschinenraum der SRG weiter dafür, dass der Service public funktioniert. Ob sie das auch nach dem 8. März noch tun können, entscheiden die Stimmenden.


Halbierungsinitiative: SVP will Oligarchen-Medien wie in den USA SRG-Zerstörer stoppen

Es gibt viele verständliche Anlässe, sich über die SRG und ihre Sendungen zu ärgern. Aber keinen ­einzigen guten Grund, die ­Gebühren zu halbieren und am 8. März der SVP-Initiative zuzustimmen.

Ja, man kann sich über die SRG ­ärgern. Zum Beispiel wenn 20 000 Menschen an einer Kaufkraft-Demo der «Tagesschau» gerade einmal einen Fünf-Sekunden-­Beitragsschnipsel wert sind. Wenn die moderierende Allzweckwaffe Sven Epiney noch eine Sendung übernimmt. Oder wenn man morgens um Viertel nach sechs Radio hört und sich fragt, was die unglaublich gut gelaunte Moderatorin wohl geraucht hat. Man kann sich aber genauso gut über das Gegenteil aufregen: über zu lange Beiträge, über zu viel fortschrittliche Themen, über zu wenig Unterhaltung. Und sich Sven Epiney als besten Schwiegersohn der Welt vorstellen.

Den Verantwortlichen bei ­Radio und Fernsehen geht es dabei ein wenig wie der Trainerin ­der Fussball-Nationalmannschaft. Auch dort coacht fast die ganze Nation mit. Und fast alle sind überzeugt, genau zu wissen, was anders laufen müsste.

Aber genau darüber wird am 8. März nicht abgestimmt. Die Halbierungsinitiative ist kein Ventil für Programmkritik. Sie ist ein ­radikaler Angriff auf den Service ­public und auf die demokratische Meinungsbildung.

Gefährliche Initiative

Die Halbierungsinitiative ist keine Reformvorlage. Sie ist ein Abrissprogramm. Eine Reduktion der Radio- und TV-Abgabe von heute rund 400 auf 200 Franken pro Haushalt bedeutet nicht «sparen», sondern «kürzen bis zur Handlungsunfähigkeit». Der Einnahmenverlust von rund 650 Millionen Franken pro Jahr lässt sich strukturell nicht auffangen. Insgesamt wären über 6000 Arbeitsplätze direkt oder indirekt ge­fährdet (siehe Artikel links). Die Folgen sind absehbar: Die SRG müsste Radio- und TV-Stationen schliessen, die Berichterstattung aus Randregionen stark einschränken und Informations-, Kultur- und Bildungsangebote streichen. Was bliebe, wäre ein Rumpfprogramm ohne demokratischen Mehrwert.

Springen Private ein?

Nein. Private Medien berichten dort, wo sich Berichterstattung rechnet: in grossen Städten und wirtschaftlich attraktiven Regionen. Wer bezahlt die kontinuier­liche Information aus dem Jura, aus Graubünden oder dem Tessin? Niemand. Wer finanziert investigative Recherchen, die sich nicht über Werbung refinanzieren lassen? Ebenfalls niemand. Die konzessionierten Privat-Radios und Privat-TV bekommen bereits heu­­te erhebliche Mittel aus dem Gebührentopf, weil sich selbst ihr publizistisches Teilprogramm nicht «auf dem Markt» finanzieren lässt.

Der Blick in die USA zeigt, wohin das führt: Medien werden von Milliardären aufgekauft, politische Interessen ersetzen publizistische Standards. Desinformation breitet sich dort besonders schnell aus, wo Medien in den Händen von Oligarchen mit politischer Agenda sind.

Darum ist die SRG wichtig

Demokratie braucht Information, unabhängig von Klickzahlen, Abonnements und Werbekunden und Milliardärszuwendungen. Der Auftrag der SRG ist genau deshalb öffentlich definiert: Sie muss in vier Landessprachen senden, auch wenn sich Rätoromanisch kommerziell nie rechnet. Sie muss aus allen Regionen berichten, auch wenn sie für Werbekunden uninteressant sind. Sie muss Kultur, Bildung und Minderheiten sichtbar machen. Keine private Medienfirma übernimmt diese Aufgaben freiwillig. Nicht zwingend aus Böswilligkeit, sondern weil es «der Markt nicht hergibt».

Schadet SRG den privaten?

Die SRG ist eine Konkurrentin, aber auch eine Stabilisationskraft. Sie investiert jährlich hohe Beträge in Schweizer Filme, Serien, Musik, Sportrechte und Auftragsproduktionen. Damit schafft sie einen Markt, von dem auch private Medienhäuser und unabhängige Produzenten profitieren. Fällt diese Nachfrage weg, bricht nicht nur ein Unternehmen ein, sondern eine ganze Wertschöpfungskette.

Ist die SRG zu teuer?

Die Schweiz gibt pro Kopf weniger  für öffentliche Medien aus als Deutschland, Österreich oder Frankreich. 365 Franken pro Jahr – rund ein Franken pro Tag – finanzieren Radio, Fernsehen und Onlineangebote in vier Sprachen, für alle Regionen und rund um die Uhr.

Was passiert bei einem Ja?

Dann wird die Schweizer Medienlandschaft innerhalb weniger Jahre strukturell beschädigt: Lokaljournalismus verschwindet, Regionalradios sterben, Kulturprogramme werden marginalisiert. Übrig bleiben kommerzielle Sender, die auf Quote optimieren, und mediale Machtkonzentration in den Händen weniger Eigentümer. Das wäre dann allerdings kein Betriebsunfall. Es ist das politische Ziel der Initiantinnen und Initianten.

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