Kurz vor den Betriebsratswahlen in der Berliner «Giga-Factory»
Tesla-Privatpolizisten gegen Gewerkschafter

Tesla-Besitzer Elon Musk ist der reichste Mensch der Welt. Und er hasst Gewerkschaften. In der «Giga-Factory» in Grünheide südlich von Berlin eskalierte jetzt der Konflikt zwischen Tesla und der IG Metall kurz vor den Betriebsratswahlen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

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MÖGEN KEINE GEWERKSCHAFTEN: Tesla-Boss Elon Musk (l.) und Berliner Statthalter André Thierig. (Foto: Keystone)

Es ist der 10. Februar 2026, eine reguläre Betriebsratssitzung im Tesla-Werk Grünheide (DEU). Unvermittelt erhebt ein managementnaher Betriebsrat einen Vorwurf: Der eingeladene IG-Metall-Sekretär zeichne die Sitzung heimlich mit seinem Laptop auf. Was dann folgt, läuft wie am Schnürchen. Die Betriebsratsvorsitzende Michaela Schmitz unterbricht die Sitzung, ohne dem Beschuldigten auch nur eine Minute zu lassen, um sich zu erklären. Der Werkschutz wird gerufen, dann die Polizei. Der Laptop des Gewerkschafters beschlagnahmt. Als der IG-Metaller aus dem Gebäude eskortiert wird, steht draussen bereits ein Tesla-Mitarbeiter mit der Kamera bereit. Noch am gleichen Abend schreibt der Berliner Musk-Statthalter André Thierig ein Mail an die gesamte Belegschaft. Kernaussage: Der Gewerkschafter habe eine «Straftat» begangen.

Die IG Metall reagiert scharf. Sie nennt den Vorgang eine «Schmutzkampagne» und Thierigs Darstellung eine «ebenso dreiste wie kalkulierte Lüge». Der Laptop habe lediglich der Protokollführung gedient. Der Beschuldigte hatte angeboten, die Vorwürfe vor Ort zu entkräften. Doch die Tesla-Herren und die ihnen treuen Betriebsratsmitglieder liessen ihn nicht. Am 12. Februar leitet die Staatsanwaltschaft Frankfurt an der Oder auf Antrag von Tesla ein Ermittlungsverfahren ein, wegen «Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes» und Verstosses gegen das Betriebsverfassungsgesetz. Höchststrafe: drei Jahre Gefängnis.

Doch die Gewerkschaft wehrt sich: Am 17. Februar stellt sie Strafanzeige gegen Thierig wegen übler Nachrede, stellt einen Antrag auf eine einstweilige Verfügung und bereitet eine Klage wegen «Union Busting» vor. Jetzt muss die Staatsanwaltschaft auch gegen Tesla-Lokalboss Thierig ermitteln. Am 20. Februar veröffentlichen Betriebsräte aus dem gesamten IG-Metall-Bezirk, von VW Zwickau über Siemens Energy Berlin bis BMW Leipzig, eine Solidaritätserklärung und verurteilen den «Angriff von Tesla auf die Demokratie in der Arbeitswelt».

Angst vor den Wahlen

Zufällig ist der Übergriff auf den Gewerkschafter kaum: Denn vom 2. bis zum 4. März wählen die rund 10'000 wahlberechtigten Tesla-Beschäftigten in Grünheide einen neuen Betriebsrat. Die IG Metall tritt mit 116 Kandidatinnen und Kandidaten als grösste Einzelliste an.

Derzeit hält sie rund 40 Prozent der Sitze. Im internen Jargon nennt man das Gegenlager «Fraktion 23». Diese besteht aus vier managementnahen Listen, die nach der letzten Wahl zusammen 23 Sitze errangen, die IG Metall hat 16. Als ein IG-Metall-Betriebsrat auf einer Versammlung fragte, warum das Management den 60prozentigen Absatzeinbruch in Deutschland totschweige, fiel ihm die Betriebsratsvorsitzende Michaela Schmitz ins Wort: «Ich denke, wir können jetzt mit der Schwarzmalerei hier aufhören. Wir können stolz sein, was wir hier geschafft haben.» Musk-Statthalter André Thierig nannte die Frage verächtlich «Gebrabbel».

Offen gesagt hat Thierig auch, was er von einer IG-Metall-Mehrheit halte: Er könne sich «persönlich nicht vorstellen», dass die US-Zentrale den Werkausbau noch vorantreibe, falls die Gewerkschaft gewänne. Eine kaum verhohlene Drohung an die 10'000 Wahlberechtigten.

Musks schlimmste Feindin

Elon Musk hasst Gewerkschaften innig und versucht gezielt mit viel Aufwand, sie aus seinen Betrieben herauszuhalten. Streiks von Tesla-Lohnabhängigen bezeichnete er unlängst als «völlig krank», die IG Metall ist für ihn bloss «Werkzeug der deutschen Autobauer». André Thierig führt diese Linie in Grünheide fort. Im Dezember 2025 verweigerte die Werkleitung jeden Dialog; die überlieferte Antwort: «Weder aktuell noch zukünftig.»

Die zehn managementnahen Betriebsratslisten mögen vielleicht einmal tatsächlich aufrichtig geglaubt haben, mit kooperativem Kurs mehr zu erreichen. Unterdessen müsste sie diesen Glauben aber längst verloren haben: Die Löhne bei Tesla liegen laut IG Metall zehn bis zwanzig Prozent unter Tarifniveau. Also unter dem, was Arbeitende in Autofabriken verdienen, die einem Gesamtarbeitsvertrag unterstehen. Rechnet man die längere Arbeitszeit hinzu, wächst der reale Abstand auf 30 bis 35 Prozent. Anders gesagt: Tesla-Beschäftigte arbeiten mehr und verdienen weniger. 3500 von ihnen unterschrieben im November 2025 eine Petition für Weihnachtsgeld, Mindestforderung: 1500 Euro. Tesla zahlt weiterhin keines.

Rambo-Arbeitgeberin

Wie Tesla mit ihren Leuten umgeht, hat der Whistleblower Lukasz Krupski dokumentiert. Der polnische Wartungstechniker lieferte dem «Handelsblatt»-Journalisten Sönke Iversen 2022 Daten zu über 100'000 Tesla-Beschäftigten mit Löhnen, Kündigungsgründen, Sozialversicherungsnummern. Ergebnis: Tesla wechselt jährlich rund 20 Prozent ihrer Belegschaft aus. Das Buch «Die Tesla Files» (work hat es hier ausführlich besprochen) schildert unter vielem anderen, wie der Betriebsrat mit antigewerkschaftlichen Massnahmen gezielt gespalten wird und wie das Management zu unangekündigten Hausbesuchen bei Kranken erschien. Als der Krankenstand im Sommer 2024 auf bis zu 17 Prozent stieg, wählte Personalchef Erik Demmler dreissig Beschäftigte aus, die er gemeinsam mit Thierig zu Hause aufsuchte.

Gleichzeitig verschickte Tesla Briefe an krank geschriebene Beschäftigte mit dem Betreff «Zweifel an den eingereichten Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen». Darin wurde der sofortige Stop der Lohnfortzahlung angekündigt. Wer weiter bezahlt werden wollte, musste seine Diagnose offenlegen und den behandelnden Arzt von der Schweigepflicht entbinden. Einigen wurde zudem mitgeteilt, sie hätten eine «Überbezahlung» erhalten, die sie nun «zurückzahlen» sollten. Laut IG Metall nutzte Tesla diese konstruierten «Schulden» als Druckmittel, um Beschäftigte zur Unterzeichnung von Aufhebungsverträgen zu drängen.

«Produktionshöllen»

Musk selbst nennt seine Fabriken «Produktionshöllen». In Grünheide sendet in den Toilettenräumen «Radio Giga» etwa sehr laut Musik und Unternehmensbotschaften. Begründung der Chefetage: Beschäftigte telefonierten auf der Toilette angeblich privat. Gegen die 35 IG-Metall-Betriebsratskandidatinnen und -kandidaten der letzten Wahlen sprachen die Chefs zusammen 25 Abmahnungen aus, und jedem wurde mit fristloser Kündigung gedroht.

Bizarrer SPD-Mann

Während das alles passiert, besucht Jörg Steinbach eine Betriebsversammlung. Am 24. Juni 2025 tritt Brandenburgs ehemaliger SPD-Wirtschaftsminister ans Mikrophon. Es ist ein bizarrer Auftritt. Steinbach gelobt: «Egal, was in der Welt gesagt wird, ich stehe nach wie vor zu diesem Standort, ich stehe zu Tesla.»

Auf einer Tonaufnahme ist zu hören, wie Steinbach die Lage in der Autobranche schildert: Volkswagen, BMW, Mercedes, überall laut Steinbach nur Tristesse. Ob der Belegschaft eigentlich bewusst sei, «in welcher Oase» sie arbeiten dürfe, fragt der SPD-Mann rhetorisch und ruft den Arbeiterinnen und Arbeitern zu: «Bedankt euch auch mal bei euren Vorgesetzten, auch mal beim Betriebsleiter. Oder wenn euch aus der Geschäftsleitung einfach mal einer über den Weg läuft.» Selbst das kapitalnahe deutsche «Handelsblatt» fragt sich in seinem Bericht, ob Steinbach überhaupt wisse, was südlich von Berlin hinter dem Tesla-Fabrikzaun passiere.

So geht’s weiter

Am 26. Februar verhandelt das Arbeitsgericht Frankfurt an der Oder über die einstweilige Verfügung gegen Thierig. Ob die Ermittlungen gegen den Gewerkschaftssekretär noch vor dem 2. März abgeschlossen werden, ist ungewiss. IG-Metall-Bezirksleiter Jan Otto hofft es: «Denn dann können sich die Beschäftigten selbst ein Bild machen, wer die Wahrheit sagt.»

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