125 Jahre Caritas: Das grosse Interview mit Direktor Peter Lack
«Jede sechste Person in der Schweiz kann sich kein würdiges Leben leisten»

Über 1,2 Millionen Menschen sind in der Schweiz von Armut bedroht – Tendenz steigend. Die Caritas Schweiz hilft diesen Menschen seit 125 Jahren. Zum grossen Jubiläum erzählt Direktor Peter Lack, warum Armutsbekämpfung gerade jetzt so dringend nötig ist.

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FORDERT EINE GESELLSCHAFTLICHE ÄNDERUNG: Caritas-Direktor Peter Lack. (Foto: zvg)

work: Peter Lack, die Caritas Schweiz engagiert sich schon 125 Jahre gegen Benachteiligung und Armut. Gibt es da immer noch kein Rezept dagegen?
Peter Lack: So einfach ist es leider nicht. Armut ist sehr vielschichtig – genau wie auch die Arbeit von Caritas. Es braucht immer wieder neue Ansätze, die zu den aktuellen Gegebenheiten passen. Die Anfänge der Caritas Schweiz vor 125 Jahren waren beispielsweise geprägt von der Industrialisierung und den enormen Veränderungen in der Gesellschaft. Es kam zu einer rasanten Urbanisierung und viele Menschen zog es in die Städte. Doch von der aufblühenden Wirtschaft konnten bei weitem nicht alle gleich profitieren. Den arbeitenden Menschen ging es nicht gut. Es plagten sie Wohnungsnot, tiefe Löhne, keine Absicherung bei Krankheit oder Schwangerschaft und vieles mehr.

Sprang die Caritas schon damals ein?
Die schwierigen Umstände lösten im kirchlich-katholischen Milieu eine Reaktion und ein tiefgreifendes Nachdenken aus, das zum Handeln führte. Benachteiligten Menschen, insbesondere Arbeiterfamilien, wurde unter die Arme gegriffen. So entstanden erste regionale Caritasvereine. Bis in der Schweiz schliesslich 1901 die nationale Caritas gegründet wurde. Der Bezug zur Kirche hat sich nach und nach verändert.

Inwiefern?
Grundwerte aus der christlichen Soziallehre sind bei Caritas weiterhin da, beispielsweise gelebte Solidarität und der Blick auf benachteiligte Personen in unserer Gesellschaft. Oder, dass der Mensch im Zentrum steht. Die Wirtschaft muss dem Menschen dienen und nicht umgekehrt. Und schliesslich das Gemeinwohl: Von Entwicklung müssen alle profitieren können. Obwohl wir christliche Wurzeln haben, sind wir in unserer Arbeit humanitären Prinzipien verpflichtet. Wir sind für alle Menschen da – unabhängig von Nationalität, Konfession, politischer Überzeugung.

Was waren jüngste Krisen, welche die Caritas herausgefordert haben?
Die Corona-Pandemie zeigte eine neue Verletzlichkeit von Menschen. Plötzlich traf Armut neue Bevölkerungsgruppen. Nämlich jene, die zuvor im Alltag mit einem tiefen Einkommen gerade noch so über die Runden kamen. Ungeplante Ereignisse, die finanziell belasten, bringen sie schnell aus dem Gleichgewicht. Uns wurde die ökonomische Fragilität der Schweizer Bevölkerung vor Augen gehalten.

In der Schweiz sind aber nur 8 Prozent der Bevölkerung von Armut betroffen, sagt das Bundesamt für Statistik…
Korrekt, 8 Prozent der Schweizer Bevölkerung lebt unter dem Existenzminimum und ist armutsbetroffen. Aber: Dieses Existenzminimum ist strikt definiert und bedeutet noch lange nicht, dass man sich mit dem Einkommen ein würdiges Leben leisten kann. Es gibt nämlich noch deutlich mehr Menschen, welche von Armut gefährdet sind. Konkret in Zahlen: 16 Prozent der Bevölkerung. Das muss man sich mal vor Augen führen: Die Schweiz gehört zu den reichsten Ländern der Welt. Und hat so eine hohe Quote bei der Armutsgefährdung. Das ist der Schweiz nicht würdig.

Armutsbetroffenheit und Armutsgefährdung – was ist der Unterschied?
Von Armut betroffen sind jene Menschen, die ein Nettoeinkommen unter der Armutsgrenze haben. Dieses beträgt für Einzelpersonen 2388 Franken, für eine vierköpfige Familie 4159 Franken pro Monat. Armutsgefährdet sind jene, die nur knapp über dieser Grenze leben. Für die Menschen bedeutet es aber praktisch dasselbe: ein knappes Budget und ständiger Verzicht. Wichtig zu betonen ist auch, dass Arbeit kein Schutz vor Armut garantiert: 357’000 Personen, die in der Schweiz arbeiten, sind von Armut bedroht oder betroffen, also sogenannte Working Poor. Zählt man Partner und Kinder dazu, welche finanziell abhängig sind, liegen wir bei 821’000 Personen, die unter Löhnen leiden, die nicht zum Leben reichen.

Warum 2026 unsere Portemonnaies noch mehr belasten wird

Mit sieben Punkten zeigt uns Caritas Schweiz auf, wie schwierig das Jahr 2026 für ärmere Menschen wird:

  • Reiche werden entlastet, Arme belastet: Ärmere Haushalte profitieren nicht vom aktuellen Trend zu Steuersenkung, eine Erhöhung der Mehrwertsteuer hingegen betrifft sie viel stärker als die Reichen.
  • Steigende Lebenshaltungskosten belasten ärmere Haushalte besonders stark, weil diese praktisch ihr gesamtes Bruttoeinkommen für Fixkosten und Grundbedürfnisse ausgeben müssen.
  • Die Krankenkassenprämien steigen und steigen. Auf den 1. Januar 2026 ist der vierte markante Prämienanstieg in Folge in Kraft getreten.
  • Der Druck auf den Wohnungsmarkt wird 2026 weiter zunehmen. Eine angemessene Wohnung zu finden, ist für ärmere Haushalte praktisch aussichtslos.
  • Viele Ausgaben wachsen, aber die tiefen Löhne stagnieren. Zwischen 2020 und 2024 sind sie sogar leicht gesunken. Auch 2026 dürften die tiefen Löhne real kaum höher sein als vor sechs Jahren.
  • Die Existenzsicherung ist ungenügend. Namentlich der Grundbedarf in der Sozialhilfe ist zu tief.
  • Die Unterstützung von Familien ist in der Schweiz mangelhaft. In keinem anderen europäischen Land nimmt der Lebensstandard eines Haushaltes so stark ab, wenn ein Kind dazukommt.

Dann braucht’s doch jetzt endlich überall gesetzliche Mindestlöhne!
Es ist ganz klar: Mindestlöhne wirken gegen Armut. Doch es sind weitere Massnahmen nötig, um Armut präventiv zu verhindern. Kosten für Gesundheit, Nahrungsmittel, Wohnraum und Krankenkasse sind für fast jedes Portemonnaie in der Schweiz belastende Kostenpunkte. Doch die Einkommensschwächsten leiden doppelt so stark an den Ausgaben. Gerade für Familien bergen sie ein besonders hohes Armutsrisiko.

Was bedeutet das für Kinder aus armutsbetroffenen Familien?
Die Aussichten sind düster: Aktuell ist jedes fünfte Kind in der Schweiz von Armut betroffen oder bedroht. Wir erleben mehrheitlich, dass einkommensschwache Familien alles geben, um ihren Kindern ein normales Leben zu ermöglichen. Fehlt das Geld, ist die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben mit enormen Hürden verbunden und Betroffene werden so immer mehr isoliert. Aber auch zuhause dominiert das fehlende Geld, wenn man sich im Ernstfall Ende des Monats fragen muss, was man auftischen soll. Das Tragische daran: Kinder aus betroffenen Haushalten haben schlechtere Startbedingungen als ihre Gspänli. Zudem besorgniserregend ist, dass Armut vererbt wird.

Warum ärmere Haushalte so krass unter den Preisen leiden

Eine im Oktober erschienen Studie von iwp Schweiz behauptet, Armut kann nicht vererbt werden. Was stimmt nun?
Armut wird durchaus vererbt. Das lässt sich sogar aus den Ergebnissen dieser Studie erkennen. Sie zeigen ganz klar, dass Kinder, die in einem Elternhaus mit Sozialhilfe aufgewachsen sind, später ein viel grösseres Risiko haben als der Durchschnitt, ebenfalls von Sozialhilfe abhängig zu sein.

Wo und wann müssen sich Armutsbetroffene Hilfe holen?
Hier ist mehr die Frage, wie wir Betroffene unterstützen können, die ihnen zustehende Hilfe auch einzufordern. Armut findet oft im Versteckten statt und ist mit Stigmatisierung verbunden. Hilfe in Anspruch zu nehmen, braucht viel Überwindung. Bei der Sozialhilfe zum Beispiel gibt es eine Nichtbezugsquote von 20 bis 30 Prozent. Zusätzliche Schwellen bestehen, wenn Betroffene keinen Schweizer Pass haben: Sie können sogar ihren Aufenthaltsstatus verlieren, wenn sie Sozialhilfe beziehen. Das behindert die Inanspruchnahme von finanziellen Hilfen.

Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Das geht nicht auf…
Dieser Meinung sind wir auch! Armut geht uns alle etwas an. In den vergangenen Jahrzehnten nahmen Einkommen wie auch Vermögen in der Schweiz weiter zu. In derselben Zeitspanne haben wir grosse Entwicklungssprünge erlebt, sei es in der Technologie, auf dem Finanz- und Arbeitsmarkt. Doch davon konnten nicht alle gleich profitieren. Die zunehmende Ungleichheit gefährdet den sozialen Zusammenhalt. Das kann gefährlich werden. Denn es führt zu wachsender Unzufriedenheit, Spannungen innerhalb der Bevölkerung und zur noch grösseren Isolation ganzer Bevölkerungsgruppen.

Herr Lack, kennen sie wirklich kein Rezept gegen Armut?
Einerseits braucht es eine gesellschaftliche Veränderung, in der wir Gemeinwohl und Armut ernst nehmen. Andererseits braucht es für Massnahmen gegen Armut ausreichend finanzielle Mittel und weitere Ressourcen. Ein effektiver Ansatz wäre, die Kosten gerechter zu verteilen. Beispielsweise mit einer Erhöhung der Vermögenssteuer für Superreiche. Und zu guter Letzt braucht es politischen Willen und Dialog. Wenn es uns ernst ist, Armut in diesem Land zu reduzieren, müssen wir jetzt handeln.

Engagement für jene, die eine Stimme brauchen

Als internationale NGO bekämpft und verhindert die Caritas Schweiz Armut im In- sowie Ausland. Total sind über 1'100 Menschen beschäftigt. Konkret engagiert sie sich für Asylsuchende, Geflüchtete sowie Migrantinnen. Weiter bekämpft sie Armut beispielsweise mit den Caritas-Märkten, Beratungen bei Schulden und vieles mehr. Zudem zeichnet die Organisation aus, dass sie seit ihrer Gründung ein politisches Verständnis und einen systemischen Blick auf Armut in unserer Gesellschaft hat. Seit vier Jahren ist Peter Lack (57) Direktor von Caritas Schweiz.


Caritas-MärkteEin trauriger Rekord

Bereits das vierte Jahr in Folge knacken die Märkte von Caritas Besucherrekorde. Eine traurige Entwicklung, die vor Augen führt, wie präsent Armut hierzulande ist.

CARITAS-MARKT IN DER SCHWEIZ: Immer mehr Menschen sind auf dieses Angebot angewiesen. (Foto: Keystone)

Sie sind in Thun, Emmenbrücke, Lausanne und an 19 weiteren vielen Standorten zu finden: Caritas-Märkte. Diese entlasten Menschen mit kleinem Budget und ermöglichen ihnen gesunde Lebensmittel und weitere Produkte des täglichen Bedarfs zu kaufen, darunter beispielsweise Schulranzen oder Weihnachtsdeko. Das Angebot der Märkte ist wichtig, um Armutsbetroffene finanziell zu entlasten und ihnen Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen. Die Produkte sind bis zu 70 Prozent günstiger, was für den Markt nur dank Zusammenarbeit mit Produzenten, Lieferanten und Stiftungen möglich ist.

Nun berichtet die Caritas, dass für das Jahr 2025 ein trauriger Rekord geknackt wurde: Über 1.1 Millionen Menschen nutzten das Angebot der Märkte. Im Vergleich zum vorigen Jahr ist das ein Anstieg von mehr als 10'000 Verkäufen. Noch besorgniserregender: Bereits das vierte Jahr in Folge steigt die Anfrage an Caritas-Märkten. Und Besserungen sind nicht in Sicht: Das Jahr 2026 wird für Armutsbetroffene ein schwieriges Jahr (siehe Interview oben).

Achtung: Beim Markt einkaufen können nur Menschen, die einen entsprechenden Ausweis von ihrem Sozialamt, kirchlichen und privaten Sozialinistitutionen oder vom regionalen Caritas-Büro ausgestellt bekommt.

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